Für eine attraktivere queere Szene mit mehr Angebot setzen sich die Gender Trouble AG, das Aktionsbündnis Queer und der Geographenkeller ein. Durch verschiedene Partys und Veranstaltungen soll es zu mehr Akzeptanz, Toleranz, Aufklärung und Verständnis gegenüber der Homosexualität in Greifswald kommen.

Einige Studierende wurden von dem Studienfach, andere von der Nähe zum Wasser nach Greifswald gelockt. Selten ist eine gut entwickelte Szene für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Co. ein Grund in die Hansestadt zu ziehen. In Großstädten ist die sexuelle sowie kulturelle Vielfalt viel präsenter. Das ist auch Franziska Klien bekannt, die seit zwei Jahren zu ihrer Homosexualität steht: „ In Mecklenburg –Vorpommern, das darf ich sagen, weil ich hier geboren wurde, passiert alles erst 50 Jahre später. In ländlichen Gegenden – Greifswald ist zwar eine Stadt, aber alles um Greifswald herum ist nun mal Land – ist es doch anders als in Berlin oder Köln.“  Franziska, die seit zwei Semestern Biologie studiert, ist ein Mitglied der Gender Trouble (GT) AG und versucht zusammen mit den anderen AG- Mitgliedern eine Nische für Homosexuelle, Bisexuelle und Freunde einzurichten. Gegenwärtig umfasst die AG acht Mitglieder mit dem Gleichstellungsreferenten des Allgemeinen Studierendenausschusses, Yannick Van de Sand. Die GT AG sorgt seit vielen Jahren für die Entwicklung der Szene, wobei die GT-Partys für Homosexuelle, Bisexuelle, Freunde und Co. wichtig waren. Während die erste queere Party 1999 in einer Druckerei stattfand, liegen die Partys seit geraumer Zeit auf Eis. Zum jetzigen Zeitpunkt sei es schwer, einen Veranstaltungsort zu finden. Auch der Geologenkeller hatte mit  der Party „Queer gedacht“, die bereits zweimal stattfand, großen Erfolg. „Mit so vielen Leuten hatten wir damals nicht gerechnet.“, verrät Benjamin Steinhöfel, der für die Geographenkellerveranstaltung verantwortlich war. Obwohl es kritische Stimmen gab, war das positive Feedback für die Veranstalter ausreichend, um für den 21. Juni 2014 wieder eine „Queer gedacht“ Feier zu organisieren. So wie die GT AG möchte auch der Studentenclub die Veranstaltung regelmäßig für sein Publikum anbieten können.  Während der Geographenkeller darauf hofft, dass „auch die GT-Partys bald wieder das Partybild in Greifswald mitbestimmen“, möchten sie sich nicht mit dieser eine Veranstaltung teilen, sondern „etwas Neues bieten- genrespezifische Partys“ die sich außerhalb von den neusten Charts und Partymusik befinden.

Allen Beteiligten sei bewusst, dass die Szene wieder an Aufschwung gewinnen muss. Jedoch hat die AG momentan Schwierigkeiten, einen Veranstaltungsort zu finden. Die Partyreihe fand lange Zeit im Kontorkeller statt, hatte auch mal in der Sonne ihr Glück versucht, wurde jedoch nicht übernommen. Auch die Mensa wurde angefragt, allerdings seien die Veranstalter, meist Studierende, mit den eigenen Partys zu sehr beschäftigt, als dass sie eine weitere Veranstaltung in den Wochenplan mit aufnehmen könnten. Obwohl derzeit noch fleißig nach einer Location gesucht wird, sind die Mitglieder der GT AG überzeugt, dass noch dieses Jahr die Veranstaltungsreihe wieder regelmäßig stattfinden wird. Es wäre auch möglich, dass die Partyreihe in der Erstsemesterwoche im Oktober startet. Für Veranstaltungsreihen ist nicht nur die GT-AG oder der Geographenkeller verantwortlich, sondern auch das Aktionsbündnis Queer.

Immer her mit den queeren Partys

Dass es „momentan leider so gut wie gar kein Angebot“ für Queer-Denker gäbe, das sieht auch Sebastian Dahm so, stellvertretender Vorsitzender des Aktionsbündnis Queer in Greifswald e.V.  Der Verein möchte deshalb „die queere Welt in Greifswald und Umgebung mehr fördern und für alle mehr Angebote schaffen.“ Unter anderem leiten sie jedes Jahr die Tage der Akzeptanz. Dabei solle mehr Akzeptanz und Toleranz für Schwule, Lesben, Bi-, Transsexuelle, Transgender und heterosexuelle Menschen in der Bevölkerung gewonnen werden. Die GT AG und das Aktionsbündnis Queer stehen dabei in keiner Konkurrenz zueinander. So hofft Sebastian auf ein gemeinsames Ziel, denn obwohl „die Arbeit mit der GT AG leider in den letzten Monaten etwas eingeschlafen“ ist, sei eine Zusammenarbeit wünschenswert. Die Trägheit würde unter anderem auch daran liegen, dass sich der Verein zuerst selbst organisieren müsse, nachdem erst im August 2013 die Gründung vollzogen wurde. Für die GT AG sowie den Verein Aktionsbündnis Queer ist es wichtig die Szene aufrechtzuerhalten, doch sei dies nicht einfach, behauptet Sebastian: „In den letzten acht Jahren, in denen ich die Szene beobachten konnte, gab es viele Veränderungen. Vereine lösten sich auf, neue gründeten sich und lösten sich auch wieder auf. Es gab verschiedene Versuche queere Partys zu machen und immer wieder regelmäßige Stammtische, die jedoch alle mit den jeweiligen Akteuren verschwunden sind.“ Dass die queere Szene es nicht einfach hat, durch den ständigen Wechsel der Studenten, ist bekannt. Greifswald ist oftmals nicht der Endspurt auf der Zielgeraden, sondern nur ein Hafen, an dem kurz angelegt und Rast gemacht wird.

Homosexualität im Lehrplan?

Die Mitwirkenden am Tag der Akzeptanz

Die Mitwirkenden am Tag der
Akzeptanz
Foto: Privat

Damit die queere Szene in Greifswald aufblühen kann, bedarf es durchaus nicht viel- nur ein wenig Toleranz, Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Dies ist jedoch nicht immer vorzufinden. So entfachte erst vor kurzem der neue Bildungsplan in Baden-Württemberg, der sich für sexuelle Vielfalt im Lehrplan aussprach, große Diskussionen. Ganze 120 000 Unterschriften wurden gegen die sexuelle Diversität  im Schulalltag gesammelt. Warum sollte es denn nicht mal heißen: „Das Ehepaar Hans und Peter wollen sich ein Haus bauen. Wie lange brauchen sie, wenn beide acht Stunden pro Tag arbeiten und das gesamte Haus 1800 Stunden in Anspruch nimmt?“ Evangelische und katholische Gemeinden sträuben sich dagegen. Ihrer Meinung nach sollten Kinder und Jugendliche in ihrer sexuellen Identität nicht beeinflusst werden. Franziska kann darauf hin nur schmunzeln: „Man kann ja Kinder nicht schwul machen oder lesbisch. Das geht nicht. Und ich glaube, da ist noch eine gewisse Unwissenheit vorhanden, dass viele glauben, das geht. Dann frag ich mich wie ich homosexuell werden konnte, wenn doch überall um mich herum Heterosexualität war?“ Oftmals kann durch die Erziehung viel erreicht werden. Eltern stellen Vorbilder dar und können sehr viel Einfluss auf die Norm-und Wertevorstellungen ihrer Kinder nehmen. Aufklärung, Akzeptanz und Offenheit für sexuelle Präferenzen sowie Neigungen sind Themen, die angesprochen werden sollten. Die GT AG versucht beispielsweise neben Filmabenden auch Vorträge über kontroverse Themen zu halten. So sollen unter anderem Intersexualität, Homosexualität im Fußball, Schulunterricht und im Islam in Vorträgen behandelt werden, denn Vorurteile und Schubladendenken lassen sich nicht einfach so abschalten. So hat der eine oder andere ein klassisches Bild vor Augen, wenn es heißt: „Der ist schwul“ – nah am Wasser gebaut, spricht und geht etwas femininer und kleidet sich oftmals stilbewusst. Die Lesbe stellen sich wohl die meisten mit kurzen Haaren, weiten Klamotten und mit ein wenig mehr auf den Rippen vor. Man neigt dazu, Menschen einzuordnen. Damit sich eine Szene entwickeln kann, braucht es auch in gewisser Weise bestimmte Stereotype. Oftmals wird dabei jedoch vergessen Schubladen zu überdenken und sie durch neue Eindrücke zu erweitern. Es ist nicht möglich zu bestimmen, wer das eigene Herz höher schlagen lässt.

Bisexualität als Jackpot

Nicht nur Homosexuelle sondern auch Bisexuelle haben mit Problemen zu kämpfen. Durch das „sich nicht entscheiden“ können, welches Geschlecht man liebt, ist die Selbstwahrnehmung oft schwierig. Die Frage: „Wer bin ich?“ wird zu einer essentiellen Lebensfrage und nagt in schlechten Zeiten an den Nerven. „Ich finde Bisexualität ist eigentlich ein Jackpot. Man sollte es beneiden. Immerhin haben sie die größte Auswahl“, sagt Franziska. Sie selbst kann nur darüber lachen, denn sie hatte sich früher immer selbst gefragt: „Bist du einfach nur Spätentwickler oder steckt da vielleicht doch etwas anderes dahinter?“  Sogar Siegmund Freud behauptete, dass alle Menschen bisexuell seien, jedoch gesellschaftliche Regeln, Tabus und Vorstellungen zur Unterdrückung der homosexuellen Seite führen würden.

Dass die Welt an sich offener und toleranter wird, wurde durch den Eurovision Song Contest 2014 verdeutlicht. Thomas Neuwirth gewann den 59. Musikcontest in seiner Rolle der Conchita Wurst. Mit stark geschminkten Augen, einem Abendkleid, Brüsten und mit Bart sang er sich in die Herzen der Zuschauer. Ob er nun gewann, weil seine Stimme überzeugte, die Menschen seine Andersartigkeit bestaunten oder es einfach nur als lustig empfunden wurde, lässt sich nur mutmaßen. Wichtig dabei ist nur, dass Menschen toleranter werden und Homophobie möglicherweise zeitnah der Vergangenheit angehören wird. Queerdenker sehen die Welt mit Augen, die jede Art der Liebe zulässt.

von Angela Engelhardt

Foto: Angela Engelhardt