Seit einigen Monaten wird in Mecklenburg-Vorpommern immer wieder gegen die Erdölförderung demonstriert. Im Mittelpunkt der Diskussion steht dabei das umstrittene Fracking-Verfahren. moritz berichtet über Geschichte, Gegenwart und Diskussion der Erdölförderung in Mecklenburg-Vorpommern.

Als 1961 Ingenieure in Reinkenhagen, zwischen Grimmen und Greifswald gelegen, auf Erdöl stießen, sollte sich für das jenseits der Küstenregionen landwirtschaftlich geprägte Land Mecklenburg-Vorpommern (MV), im damaligen DDR-Bezirk Rostock, fortan einiges ändern. Ein Jahr später erfolgte alsbald die Gründung des Volkseigenen Betriebes (VEB) Erdöl-Erdgas-Grimmen. Während in Grimmen eine Raffinerie zur Erstverarbeitung des Rohöls nebst Zentralverwaltung entlang der ehemaligen Kleinbahn Greifswald-Grimmen errichtet wurde, entstand in Miltzow, an der Eisenbahnlinie Greifswald-Stralsund gelegen, ein recht umfangreiches Tanklager mit Erdölverladestation. Reste der Ölverladung sind noch heute erkennbar und stechen dem Reisenden zwischen Reinberg und Grimmen sofort ins Auge.

In und um Reinkenhagen wurden in den folgenden Jahren mehrere Bohrlöcher gesetzt und das schwarze Gold mittels sogenannter „Pferdekopfpumpen“, gelegentlich auch als „nickende Gesellen“ bezeichnet, an die Oberfläche befördert. Bohrungen fanden nicht nur zwischen Greifswald und Grimmen statt. Noch heute sind im Greifswalder Bodden auf den Seekarten Bohrplattformen eingezeichnet. Eine der Plattformen ist vom Strand in Loissin in Blickrichtung der Insel Koos erkennbar. „Man war zu DDR-Zeiten bis in die 80er Jahre erfolgreich im Sinne der Erdölaufsuche und Erdölförderung“, erklärt Jens Müller, Pressesprecher der Central European Petroleum (CEP). Das Unternehmen hat seit einigen Jahren die Erdölsuche wieder aufgenommen, nachdem die Rohstoffaufsuche und Rohstoffförderung mit dem Bau der Druschba-Pipeline zwischen der Sowjetunion und dem Petrolchemie-Kombinat (PCK) Schwedt eingestellt und die Erdölförderung zurückgefahren worden war.

Ungeachtet dessen arbeiteten bis 1990 etwa 2 300 Menschen beim VEB Erdöl-Erdgas-Grimmen, der 1993 zur Erdöl-Erdgas-Grimmen GmbH privatisiert und 2001 aufgelöst wurde. Die Erdölförderung wurde fortan im deutlich bescheideneren Umfang durch die Gas de France-Suez (GdF-Suez) betrieben. „In Mesekenhagen und Lütow wird daher noch nach altem Recht gefördert. Dass heißt, dass Nebenprodukte wie Erdgas abgebrannt werden“, erklärt Müller. Fast schien es, als würde die Erdölförderung im Hinterland der Tourismusgebiete ein schleichendes Ende finden. Wären da nicht Schatzsucher aus Kanada gewesen, die sich die geologischen Karten zwischen den Niederlanden und Polen ansahen und dabei bemerkten, dass zwar ähnliche geologische Verhältnisse existierten, allerdings das Gebiet der ehemaligen DDR eher wenig erforscht sei. Während in den Niederlanden, Niedersachsen und Polen bereits mit Hilfe der 3D-Seismik erkundet wurde, setzte die DDR bis zum Einstellen der Erkundungen auf 2D-Seismik. „Technisch war man zur damaligen Zeit weltführend“, erklärt Müller weiter. Drei der tiefsten Bohrungen der Welt stehen in MV, die fünfttiefste Forschungsbohrung der Welt ist mit 8 009 Metern Tiefe in Mirow zu finden.

„Technisch war man weltmarktführend“

Aufgrund des umfangreichen technischen Know-Hows waren die Bergingenieure der DDR auch im Irak, der damaligen Sowjetunion und Tschechoslowakei sowie in Polen tätig, um die dortige Arbeit zu unterstützen. Auf jene Vorarbeit in MV und Brandenburg konnte die CEP nun zurückgreifen. Mit Hilfe modernster Methoden wurde nun die Erdölsuche erneut aufgegriffen. Grobe Prognosen gehen von einem Potential von 35 Millionen Tonnen, also 400 Millionen Barrel, Erdöl aus. Diese Angaben werden, wie auch das Ziel, Erdölförderung in MV verstärkt wieder aufzunehmen, mitunter mit Skepsis oder gar Ablehnung betrachtet.
„Gibt es überhaupt Öl in der genannten Menge und lohnt sich die Förderung wirtschaftlich? Oft genug wurde in anderen Fällen vermutet, gesucht, geschätzt, gefunden, dementiert und alles wieder abgeblasen. Bis dahin werden wir in Vorpommern weiter Neues vom feuchten Traum des Erdöl-Eldorados lesen können. So ist der Erdöltraum Balsam für die Seele des wirtschaftlich gebeutelten Landes“, kommentiert Oliver Wunder im Sommer 2013 auf seinem Blog „Daburnas Logbuch“ die Erfolgsmeldungen der CEP. Kurz nachdem sich das Unternehmen die Gebiete um Grimmen, im Darß sowie in der Ostseeküste, vor allem um die Inseln Rügen, Usedom sowie die Oderbank als Erkundungsflächen sicherten, wurden Umweltverbände hellhörig. „Die Oderbank östlich vor Rügen gehört zum europäischen Schutzgebietssystem Natura 2000 und bildet wegen ihrer reichlichen Nahrungsgründe ein wichtiges Rast- und Nahrungsgebiet für Seevögel“, heißt es auf dem Internetauftritt von Greenpeace Greifswald-Stralsund. Ferner würde in diesem Gebiet die Schweinswal-Teilpopulation der östlichen Ostsee leben, die gegenwärtig nur noch auf einige hundert Tiere geschätzt werde und als stark gefährdet gelte. Greenpeace befürchtet zudem, dass in Folge einer möglichen Offshore-Förderung nicht nur Rügen, sondern zudem die „Küsten von Mecklenburg-Vorpommern, Polen, Dänemark und Schweden bedroht“ seien. Zudem fordert Corinna Cwielag, Landesgeschäftsführerin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (BUND), die Landesregierung dazu auf, im Interesse von Natur und Tourismus dafür zu sorgen, dass „keine Erkundungen und Ölförderungen in Schutzgebieten, der Ostsee, dem Bodden oder Binnengewässern und deren direktem Einzugsgebiet erfolgen dürfen.“mm112_26_greifswelt_Water_Drop_clip_art_hight

Offiziell verneint die CEP, eine Offshore-Förderung oder Erkundung in Erwägung zu ziehen. Man habe sich die Gebiete lediglich gesichert, um zu verhindern, dass andere Unternehmen auf diese Flächen Zugriff haben könnten. Somit scheint sich das Unternehmen eine Monopolstellung sichern zu wollen. Ungeachtet öffentlicher Aussagen scheint eine mögliche Erkundung der Oderbank sowie des Gebiets um Fischland-Darß nicht gänzlich ausgeschlossen zu sein. Schließlich erklärte Thomas Schröter nach Aussagen eines NDR-Blog-Lesers in Bezug auf eine mögliche Offshore-Erkundung: „Das entscheiden wir 2016.“ Bis dahin erfolgt eine Erkundung an Land. Das Unternehmen zeigt sich optimistisch, 2015/2016 eine Förderung, ähnlich der im Ort Barth,  in Angriff nehmen zu können.

Umweltverbände befürchten Umweltschäden

Umweltverbände befürchten indes mögliche Umweltschäden in Naturschutzgebieten und Nationalparkgebieten sowie eine mögliche Verunreinigung des Grundwassers. Darüber hinaus steht die Befürchtung im Raum, dass Schiefergas-Fracking betrieben werden soll. Letzteres wird von der CEP entschieden verneint. „CEP betreibt und plant kein Schiefergas-Fracking. Im Übrigen gibt es in Vorpommern auch keinerlei Schiefergaspotential“, heißt es von Seiten des Erdölunternehmens. In einer vom Landesministerium für Energie, Infrastruktur und Landesregierung herausgegebenen Pressemitteilung vom März 2013 heißt es indes: „Potentielle unkonventionelle Lagerstätten mit Schiefergas führendem Gestein sind im Untergrund Mecklenburg-Vorpommerns im Bereich zwischen Fischland-Darß, Rügen und Usedom vorhanden. Dies ist in verschiedenen von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe Hannover erarbeiteten Studien dargestellt.“

Ungeachtet dieser unterschiedlichen Wahrnehmungen bezüglich des Vorhandenseins von Schiefergas betont die CEP, dass es hauptsächlich um die Erdölförderung nach dem bewährten Prinzip der Spülungsbohrung gehe. Hierbei werde das Erdöl-führende Gestein mit Hilfe einer entsprechenden Flüssigkeit einmalig aufgebrochen. Während in der DDR mit Hilfe der Vertikalbohrung gefördert wurde, wird bei der moderneren Horizontalbohrung das teleskopartige und mit Beton ummantelte Fördergestänge in die Horizontale abgelenkt. Dadurch werden nun weniger Ölförderstellen erforderlich, als es bisher der Fall gewesen ist. Zudem wird die CEP „nach neuem Recht“ fördern, das heißt, dass anfallende Nebenprodukte, wie beispielsweise Erdgas, weiterverarbeitet werden.

Die Befürchtung einer möglichen Grundwasserverschmutzung weist Müller zurück: „Wir haben Brunnen angelegt, von denen aus das Grundwasser untersucht wird, um Beeinträchtigungen zu vermeiden.“ Zu entsprechenden Verunreinigungen sei es bislang nicht gekommen. Umweltkatastrophen, wie sie in anderen Ländern der Erde in Folge der Erdölförderung aufträten, seien in Deutschland aufgrund der hier vorherrschenden hohen Sicherheitsstandards ausgeschlossen. „Bei den 540 Bohrungen, die bisher in Mecklenburg-Vorpommern stattfanden, kam es bislang zu keinem einzigen Zeitpunkt zu einer Beeinträchtigung“, erklärt Müller weiter.
Die Bürgerinnen-Initiative Erdöl Barth sieht diese Maßnahmen des Schutzes des Grundwassers hingegen als nicht ausreichend an. So wird in einer entsprechenden Pressemitteilung vom 13. Mai 2014 darauf verwiesen, dass „die Risiken einer Gewässerverschmutzung und die Gefahr für die Landschaftsökologie nicht ausreichend in das bergrechtliche Zulassungsverfahren eingebunden worden sind.“

Grundsätzlich kann eine Grundwasserverunreinigung in Folge einer möglichen Havarie am Bohrplatz nicht ausgeschlossen werden. Diese Schlussfolgerung muss zwangsläufig aus dem Vorhandensein einer Grundwassersanierungsanlage gezogen werden, die an Bohrplätzen, wie beispielsweise in Lütow, errichtet worden sind und mit Sicherheit auch an neuen Bohrplätzen errichtet werden. Gerade hier sieht Greenpeace das Problem: „Die Probleme durch Produktion und Transport sind im Gegensatz zu den Öl-Reserven grenzenlos: Produktions- und Tankerunfälle verseuchen die Meere, die Produktion das Land und die Verbrennung die Luft.“ Die förderbare Menge stehe somit in keinem Verhältnis zu den „unkalkulierbaren Risiken für Natur und Umwelt.“

mm112_26_greifswelt_Water_Drop_clip_art_hight2Die CEP sieht insbesondere den Aspekt unkalkulierbarer Risiken anders und verweist auf Sicherheitsstandards innerhalb der Erdölförderung in Deutschland: „Den Bohrplatz müssen Sie sich wie einen großen Tankplatz mit einem Innen- und Außenbereich vorstellen.“ Ungeachtet der Dementierungen der Firma CEP wird beispielsweise durch die Bürgerinitiative Erdöl Barth, behauptet, dass „die Anwendung der umstrittenen Fracking-Methode zur sogenannten Testförderung von Erdöl unmittelbar“ bevorstünde. Tatsächlich wird zwar ein sogenannter „Frac“ gesetzt. Dabei handelt es sich jedoch, im Gegensatz zum Schiefergasfracking, das in Kanada verheerende Umweltschäden zur Folge hatte, um ein einmaliges Aufbrechen des Gesteins, um in die Erdölquelle vordringen zu können. Jenes Verfahren ist notwendig, um eine konventionelle Erdöllagerstätte erschließen zu können. Während in den vergangenen Jahrzehnten vielfach auch Öl oder Diesel als Aufbrech- oder Frac-Flüssigkeit gesetzt worden ist, da jene durch die Förderung wieder zu Tage gefördert wird, wird die CEP nach eigenen Angaben auf ein anderes Verfahren setzen. Als Aufbrechflüssigkeiten wird heute ein Gemisch verwendet, das zu 99 Prozent aus Wasser, Sand und zu 0,5 Prozent aus nicht wassergefährdenden Zusätzen besteht, wie Müller von der CEP erklärt.

Christa Labouvie von der Bürgerinitiative „Lebensraum Vorpommern e.V.“ schenkt Aussagen der CEP hingegen keinen Glauben. Wie sie auf der Demonstration gegen die Erdölförderung in MV betonte, könne keine Erdölförderung ohne den Einsatz wassergefährdender Chemikalien erfolgen: „Fracking gefährdet vor allem unser wichtigstes Lebensmittel, das Grundwasser. Die Gefahr einer Kontamination ist ständig gegeben, unsere Lebensgrundlagen sind akut bedroht.“ Auch die Greifswalder Grünen gehen davon aus, dass es sich bei der in Lütow und in Saal bei Barth angewendeten Bohrungsmethode um „das Fracking“ handele, „das von über 80 Prozent der Bevölkerung entschieden abgelehnt wird.“

Alternativen zum Erdöl in Zeiten der Energiewende

Dem widerspricht die CEP ganz entschieden. „Das Fracking“, von dem Labouvie spricht, ist das Schiefergasfracking. Hierbei wird Schiefergas durch das mehrmalige Aufbrechens des Gesteins in 500 bis 1 000 Metern Tiefe, relativ nah am Grundwasserspiegel, zu Tage gefördert. Das Erdöl, das die CEP wiederum zu fördern in Betracht zieht, lagert hingegen in 2 700 Metern Tiefe; also deutlich unter dem Grundwasserspiegel. Hierbei wird das Bohrloch durch eine einmalige Stimulation mit Hilfe einer Aufbrechflüssigkeit, auch „Frac-Flüssigkeit “ genannt, geöffnet. Das teleskopartige Gestänge wird mittels Horizontalbohrung  in die Horizontale abgelenkt, sodass nunmehr weniger Bohrstellen zur Erdölgewinnung erforderlich würden. Zudem sei Schiefergas-Fracking in Deutschland nicht genehmigungsfähig. So beschlossen die Umweltminister aller Länder am 9. Mai 2014: „Die Umweltministerkonferenz lehnt die Förderung von Kohlenwasserstoffen aus unkonventionellen Lagerstätten unter Einsatz von Fracking ab, da Risiken derzeit nicht abschätzbar sind. Das Fracking zur Aufsuchung und Förderung von Kohlenwasserstoffen aus unkonventionellen Lagerstätten unter Einsatz umwelttoxischer Substanzen ist zu verbieten.“

Ganz unabhängig von der Öffentlichkeitsarbeit der CEP werden die Proteste gegen die Erdölförderung unvermindert fortgesetzt werden. Nicht zuletzt, weil die Bürgerinnen-Initiativen in Barth und Zinnowitz dem Unternehmen keinen Glauben schenken, kein Fracking betreiben zu wollen. Während sich in Zinnowitz insgesamt etwa 500 Menschen einfanden, waren es in Barth etwas mehr als 200 Menschen, die gegen die Förderung des schwarzen Goldes auf die Straße gingen. Insbesondere die stark an „Greenwashing“ erinnernde Strategie der Öffentlichkeitsarbeit der CEP wird vom Wirtschaftswissenschaftler Dr. Harald Wilde aus Stralsund mit äußerster Skepsis betrachtet. „Ich bin Wirtschaftswissenschaftler und kenne den Kapitalismus. Und ich weiß, dass, wenn Umwelt und Kapital eine Ehe eingehen, das Ganze nicht funktioniert. Es wird zumindest eine sehr ungute Beziehung“, erklärte jener in Zinnowitz.
Tatsächlich hat – zumindest beim direkten Förderprozess – die Umwelt bei der Erdölgewinnung in MV die vergangenen Jahrzehnte unmittelbar keinen Schaden genommen. Inwiefern jedoch die Forcierung verstärkter Erdölförderung in Zeiten der Energiewende sowie bereits vorhandener Alternativen zum Erdöl beispielsweise bei der Herstellung von Kunststoffen aus erneuerbaren Ressourcen noch zeitgemäß ist, steht jedoch auf einem anderen Blatt.

von Marco Wagner