„Schlank wie ein Hering“ – Das kann man dieses Jahr wirklich nicht über den beliebten Speisefisch sagen. Der Fang der Fischer in Wieck ist groß, die Quoten niedrig. Nachhaltigkeit spielt dabei eine große Rolle, sowohl bei den Fischern als auch bei den örtlichen Naturschutzverbänden. Einen gemeinsamen Nenner hat man trotzdem noch nicht gefunden.

Jedes Frühjahr von Februar bis Mai haben die Fischer im kleinen Fischerort Wieck alle Hände voll zu tun, denn die Heringssaison ist angebrochen. Fast ganz Greifswald tummelt sich nun am Hafen und bevölkert die Fischrestaurants oder steht minutenlang Schlange, um sich an den Fischtheken mit frischen Matjes, Rollmops oder anderem Fisch einzudecken. Es ist auch gleichzeitig die Hauptumsatzzeit von Ulrich Drews und seinen Kollegen. Jeden Tag steht der selbstständige Berufsfischer um vier Uhr morgens auf und fährt mit seinen kleinen Kutter auf den Bodden raus, um in seinen Stellnetzen nachzuschauen, wie viel Hering er dieses Mal gefangen hat. Die Ausbeute sieht gut aus, doch seine Fangquote wird es ihm bald nicht mehr erlauben, noch mehr zu fangen. In den letzten Jahre wurden die Quoten für die Fischer in der westlichen Ostsee – zu der auch das Gebiet des Greifswalder Bodden gehört – immer weiter herabgesetzt.

„Im Jahr 2008 hatten wir jeder noch eine Quote von einhundert Tonnen. Dann ging es mit einmal immer weiter runter. Auf achtzig, siebzig – wir waren vor zwei Jahren schon nur noch bei fünfunddreißig Tonnen. Das ist nur noch ein Drittel und davon kann ich nicht mehr leben“, meint Drews. Den Grund dafür kann er nur schwer nachvollziehen und wirklich erklären könne es ihm auch keiner. In der nördlichen und zentralen Ostsee gingen die Quoten im letzten Jahr schließlich wieder rauf. „Es ist doch aber kein Zaun dazwischen“, bemerkt Drews zu der ungleichen Verteilung. „Wir hoffen, dass wir die Quoten nächstes Jahr wieder erhöht bekommen.“

Passive statt aktiver Fischerei

Der frisch gefangene Fisch wird dann direkt im eigenen Laden am Hafen verkauft. Neben Hering findet sich dort auch öfters Scholle, Hornfisch oder Zander. „Wir fischen auch nur das, was wir auch vermarkten können. Einiges müssen wir jedoch auch zukaufen, sonst würde sich das nicht rentieren“, gibt Drews zu. Eines der zahlreichen offiziellen Nachhaltigkeitssiegel, wie etwa das Siegel des Marine-Stewardship-Council (MSC), besitzt er nicht. „Ich persönlich halte von dem MSC-Siegel nichts. Mein Fisch verändert sich dadurch ja nicht, der ist jetzt schon nachhaltig gefischt“, meint Drews und verweist dabei auf eine Tafel vor dem Laden, auf der die hier kommerziell genutzten Fischarten und deren Fangmethode dargestellt sind. Seinen Fisch fängt er ausschließlich durch sogenannte passive Fischerei. Das bedeutet, dass der Fisch nicht aktiv durch Geräte, wie etwa Schleppnetze gefangen wird. Stattdessen wirft Drews Stellnetze aus und wartet bis sich der Fisch in diesen verfängt. Durch den verstellbaren Abstand zwischen den Maschen des Netzes kann er außerdem genau bestimmen, welche Fische er mit dieser Methode fangen möchte und wie groß diese sein sollen. „Was nützen mir die Kleinen denn? Die bekomme ich nicht verkauft und ich müsste sie dann wieder wegwerfen. Zum einen macht mir das nur Arbeit und andererseits fehlen die dann wieder im Bestand. Wir nehmen bereits deswegen lieber etwas größere Maschen, damit die kleineren Heringe noch ein Jahr weiter wachsen und nochmal ablaichen können“, erklärt Drews. Die Stellnetzfischerei ist generell sehr selektiv, verhindert aber auch keinen Beifang. „Gerade in der Stellnetzfischerei kommt es zu hohen ungewollten Beifängen von Meeresvögeln und auch Schweinswalen“, gibt Dr. Kim C. Detloff, Projektleiter vom Bundesverband des Naturschutzbundes (NABU), zu bedenken. Außerdem sei der Hering aus dieser Region nach wie vor überfischt und die Fangquoten seien die letzten Jahre zu sehr politisch bestimmt gewesen. Drews kennt das Problem mit den Beifang von Seevögeln, welches seiner Meinung nach aber zu sehr hochgespielt wird. „In der Heringsfischerei ist sowieso sehr selten, dass da mal einer mit drinnen ist. Wir kennen ja die Stellen, wo die sind und wollen die auch nicht mit dabei haben. Dann sind die Netze kaputt und du hast nur Arbeit.“ Dass die Jahre immer weniger Hering im Bodden gefangen würde, bemerke aber auch er. Allerdings sei dies nicht auf einen abnehmenden  Bestand zurückzuführen. „Früher haben wir hier viel mehr Hering gefangen. Da war der Bodden aber auch noch voll von Fischerbooten, sodass man kaum einen Platz fand, um seine Netze aufzustellen. Heute finden sie aber kaum noch irgendwo Netze stehen.“ Sogar dem Thünen-Institut sei das aufgefallen, weil dieses sonst immer bei ihrer Heringsaufzucht  auf die Stellnetze aufpassen müsste. Nach Drews Aussage sind von ehemals fünfzig Fischern heute nur noch zehn in Wieck übrig geblieben. Dass diese in der Lage seien den kompletten Bestand zu gefährden, bezweifelt er.

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Die Rolle der Naturschutzverbände

Obwohl Drews selbst stark für Lokalität und Nachhaltigkeit seiner Produkte einsteht, sieht er die Arbeit der großen Umweltverbände, wie etwa Greenpeace, kritisch. „Greenpeace macht sicher viele Sachen richtig, empfiehlt aber beispielsweise den Hering, den wir hier fangen nicht zu essen. Damit ist meine Einstellung zu solchen Verbänden eigentlich schon klar.“ In ihrem aktuellen Fischratgeber 2014 hat die weltgrößte Umweltschutzorganisation den Hering aus dem Fanggebiet der westlichen Ostsee als nicht empfehlenswert eingestuft, da der hiesige Bestand seit 2007 als überfischt gilt. Laut Yvonne Koenen, welche schon seit mehreren Jahren bei Greenpeace ehrenamtlich tätig ist, sind jedoch nicht die lokalen Kleinfischer das Problem. „Wenn mich Leute fragen, empfehle ich ihnen immer bei den lokalen Fischern einzukaufen. Der Einkauf von Fisch in Supermärkten ist das, wo man aufpassen muss.“ Außerdem befürworte Greenpeace die lokale Fischerei und richte sich in dieser Thematik eher gegen die Hochseefischerei mit ihren Groß- und Schleppnetzen. Detloff vom NABU hat eine ähnliche Meinung. „Regionale Vermarktung ist grundsätzlich empfehlenswert, dennoch leidet der Hering aber unter starker Befischung und Rückgang der Laichgründe.“ Bisher existieren jedoch kaum Aktionen der lokalen Umweltverbände, um mit den hier ansässigen Fischern gemeinsam an einer nachhaltigen Fischerei zu arbeiten. Koenen verweist auf die aktuelle große Arktis-Kampagne von Greenpeace, die über die Gefahren der Erdölförderung durch den russischen Großkonzern Gazpromin dieser Region aufklären soll. Dadurch seien aktuell der größte Teil der Mitarbeiter eingebunden. Der NABU dagegen bietet den Fischern im Rahmen der Initiative „FishingforLitter“ an, die Entsorgungskosten für den Müll, der sich in ihren Netzen verfängt, zu übernehmen, wenn sie diesen mit an Land brächten. An dieser Initiative sind in Deutschland bereits über siebzig Fischer an Nord- und Ostsee beteiligt.  „Weiterhin ist der NABU Auftragnehmer eines BfN-Forschungsprojekts (Bundesamt für Natuschutz, Anm. d. Red.) zu alternativen, umweltschonenden Fangmethoden“, so Detloff. Ziel des Projektes sei es, Stellnetze in der Nähe von Schutzgebieten durch Beifang ärmere Methoden, wie Fischfallen, Angelmaschinen, oder Reusensysteme zu ersetzen.

Drews will auch weiterhin versuchen, seinen Fisch auf möglichst nachhaltige Weise zu fangen, allerdings ohne die lokalen Naturschutzverbände. „Die Fischerei ist mit eines der ältesten Gewerbe. Wir machen uns auch Gedanken über Nachhaltigkeit. Aber die Methoden, die uns die Naturschutzvereine vorschlagen, gehen einfach nicht. Dann können wir alle gleich zu Hause bleiben und dann gibt es hier halt keine lokale Fischerei mehr.“

Nachhaltigkeit hat seinen Preis

Wenn es jedoch darum geht, wie viel Fisch wir essen und was uns Nachhaltigkeit wert sein sollte, vertreten der Kleinfischer Drews und Koenen von Greenpeace eine ähnliche Meinung. „Ich muss doch zum Beispiel auch nicht ständig drei Stück Kottelet auf dem Teller haben. Stattdessen bezahl ich lieber ein paar Euro mehr beim Bauern und weiß, dass ich etwas Vernünftiges dafür bekomme“, meint Drews. Koenen dazu: „Der Fisch in den Supermärkten ist zu billig. Ich kann Nachhaltigkeit nicht nur für wenige Euro erwarten.“

So gesehen versuchen sowohl die lokalen Fischer in Wieck als auch die örtlichen Naturschutzverbände für mehr Nachhaltigkeit einzustehen. Dass man dabei noch nicht auf eine gemeinsame Basis zur Zusammenarbeit gekommen ist, ist hoffentlich ein Problem, welches sich in nicht allzu ferner Zukunft lösen wird.

von Tom Peterson