Wie von Zauberhand verwandelt sich ganz Greifswald alle zwei Jahre in ein großes Studenten-Festival und am längsten Tag des Jahres trifft man auf Musik, egal wohin man geht. Diese magischen Momente stammen aus den Köpfen von GrIStuF-Mitgliedern, für die nun die heiße Phase beginnt.

eine Suche nach den Organisatoren des Greifswald International Students Festival (GrIStuF) beginnt in dem dunklen Keller der alten Frauenklinik. Zwischen Kreissaal, Sterilisationsraum und Umkleide irre ich umher, bis ich den Eingang zu den Vereinsräumen finde. Dabei ist es doch so einfach: Die separate Tür rechts vom Haupteingang ist eigentlich kaum zu verfehlen.

mm112_38_kultur_PlenumHinter dieser Tür treffen sich seit anderthalb Jahren Studenten aus den unterschiedlichsten Studienrichtungen und planen ein Fest der kulturellen Begegnung. In vier Wochen geht es los. All die schönen Ideen werden in die Tat umgesetzt. Vom 21. bis zum 28. Juni ist Greifswald „Lost in Consumtion?“, das Motto des diesjährigen Festivals. GrIStuF ist ein studentischer Verein mit bis zu 20 Mitgliedern. Alle zwei Jahre stellt der bunt zusammengewürfelte Haufen etwas ganz Wunderbares auf die Beine: Eine Woche lang treffen sich in unserer Hansestadt zwischen 100 und 120 internationale Gäste aus den entlegensten Winkeln Europas, um gemeinsam mit Greifswaldern in Workshops zu diskutieren und abends zu feiern. Für die Organisatoren bedeutet das eine Woche mit wenig Schlaf und viel Adrenalin.

Davon ist heute bei der wöchentlichen Sitzung des Plenums noch nicht so viel zu spüren. GrIStuF ist das organisierte Chaos. Ich sitze hier, wie sollte es anders sein, auf einer Couch. Vor mir eine zweite, allerdings rote, Couch mit einer funkelnden Discokugel, umringt von spannenden, offenen und vor allem sehr netten Menschen. An den Wänden hängen zahlreiche Pläne und Ideen. Ich fühle mich wie in einem Gehirn, denn dieser Kellerraum ist das Denkzentrum des Vereins.

Farbenfrohe Feste

Gemeinsam schafft es GrIStuF, eine lebendige Woche auf die Beine zu stellen. Greifswalder können sich glücklich schätzen, dieses farben- und denkfreudige Spektakel miterleben zu dürfen. Ursprünglich stammte die Idee eines themenorientierten Kulturereignisses aus Trondheim in Norwegen. In Deutschland findet man ähnliches nur zweimal: im Ilmenau und Greifswald. Eine Freundin berichtete mir von 300-400 Teilnehmern in der kleinen Stadt Thüringens. In Greifswald geht es beschaulicher zu. Doch auch hier ist das Ereignis, das bereits zum siebten Mal stattfindet, nicht von schlechten Eltern. Gleich vier Großereignisse während des Festivals sind geplant und ermöglichen den hiesigen Studenten eine rege Teilnahme.

Die Sitzung beginnt. Sie findet auf Englisch statt, da sich in diesem Jahr zu den vielen Freiwilligen auch eine Italienerin und ein Lettin gesellt haben. Sie sind im Auftrag des European Voluntary Service (EVS) Teil des Organisationsteams. Dazu kommt noch eine französische Praktikantin, dann ist die Runde komplett. Diskutiert wird über viele Kleinigkeiten und das bis zum bitteren Ende. Das ist auf Englisch gar nicht so einfach, da wird aus dem folding chair in der Not auch schnell mal der Klappchair.

Besprochen werden vor allem die bereits angesprochenen Höhepunkte der Woche, aber auch die Dixi-Klos dürfen nicht vergessen werden. Diese sollen 2014 besonders ökologisch sein, damit man dem Thema des Festivals auch gerecht wird. „Unsere Arbeit beginnt mit der Motto-Findung und endet erst mit dem Abschied der Teilnehmer“, beschreibt Anne, die zum ersten Mal im Orga-Team ist, die Aufgaben von GrIStuF. Auch die Großereignisse während des Festivals werden durch die Freiwilligen auf die Beine gestellt. Eine besondere Herausforderung ist es, dass die jährlich stattfindende „Fête de la Musique“, ebenfalls in der Festivalzeit spielen soll.

mm112_38_kultur_Auftritt HafenZum Glück muss GrIStuF hier mehr initiieren als organisieren, da die Fête, wie sie liebevoll abgekürzt wird, ein Gemeinschaftsprojekt vieler studentischer Vereine und Musiker vor Ort ist. Diese findet in 42 deutschen Städten statt und wurde 1982 in Paris ins Leben gerufen. „Many stages with musicians of different styles  fill the city. Music spreads through lanes and streets, sounds through walls and windows. Listen to music in the sun and enjoy the first days of summer.“, wirbt GrIStuF auf der eigenen Webseite und verspricht damit definitiv nicht zu viel. Die Fête wird jedes Jahr am längsten Tag des Jahres, also am 21. Juni, auch wieder in Greifswald zelebriert. Bei der Organisation agiert GrIStuF in einem internationalen Netzwerk und bekommt nicht nur ein grobes Motto für die Fête vorgegeben, sondern muss sich auch offiziell registrieren und einen Bericht an die Fête Company senden, die die europaweit 520 Veranstaltungen koordiniert.
Zu der Fête kommen dann auch noch das Running Dinner, das Meeting of the Cultures und ein World Café zum Abschluss des Festivals auf der To-Do-Liste hinzu. Wer zu GrIStuF gehört muss also nie wieder Langeweile fürchten. Bei GrIStuF gibt es keinen Chef, wie ich schnell merke. Niemand trägt die letzte Verantwortung. Alles wird gemeinsam entschieden. Ich empfinde das als anstrengend und langwierig. Judith, Mitglied bei GrIStuF, erklärt mir: „Klar dauern auf diese Weise alle Entscheidungen länger, aber am Ende steht jedes einzelne Mitglied hinter dem Entschluss und man weiß ganz genau, warum etwas so und nicht anders passiert.“ Nach jeder Diskussion wird abgestimmt. Händewackeln bedeutet Zustimmung. Dieses Prinzip der breiten Mitbestimmung ist vielleicht auch ganz sinnvoll, wenn man sich überlegt, dass die Organisation des Festivals Kosten verursacht, die für Studenten vollkommen utopisch sind.

Finanziell gestemmt wird das Projekt insbesondere durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, aber auch das Studentenwerk und das Studierendenparlament leisten einen Beitrag. Zusätzlich wird GrIStuF durch die Stiftung Nord-Süd-Brücken unterstützt. Geld gibt es außerdem von der Stadt und der Norddeutschen Stiftung für Umwelt und Entwicklung. Ansonsten wäre eine ganze Woche nicht zu bewerkstelligen. Kosten entstehen unter anderem für die Technik, Verpflegung, Materialien und vieles mehr. Die Liste ist lang. Gut, dass die Veranstaltungsorte zu einem Großteil unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden und auch die meisten Bands, die zum Teil von weit weg anreisen, lediglich für Kost und Logis auftreten.

Zwanglose Arbeitsstrukturen

mm112_38_kultur_Postwand_LisaGrIStuF verfolgt bei seiner Arbeit zwei ganz entscheidende Grundsätze. Erstens kann jedes Mitglied frei entscheiden, wie viel und vor allem welche Arbeit es übernehmen möchte. Zweitens werden das Wissen und die Erfahrung geteilt. Keiner ist allein. Damit am Ende trotzdem alle irgendwie wissen, was besprochen wurde und wie es weitergeht, gibt es ein gemeinsames Wiki. Für mich ist es „das Brain“. Zudem gliedert sich die Arbeit in einzelne Ressorts auf, an deren Treffen man freiwillig teilnehmen kann. Topic, Culture, Participants, Finance und Public Relations treffen sich einmal in der Woche und berichten im gemeinsamen Plenum über den Arbeitsstand. Bereits für kleine Erfolge ertönt hier Applaus. Eine Motivation der ganz besonderen Art. Die Vielfalt der Aufgaben spiegelt sich in einem riesigen Postfach an der Wand der Vereinszentrale wieder. Zettel, Lichterketten, Schlüssel, in dem Holzregal findet man einfach alles.
Bevor ich dieses ganz eigene kleine Universum wieder verlasse, stelle ich noch die wichtigste aller Fragen: Warum immer eine Couch? Egal wo man GrIStuF in der Öffentlichkeit begegnet, sind Couch, Teppich und Musikanlage nicht weit. Judith und Anne erklären mir, dass das Ganze am Anfang nur ein Witz gewesen sei, um bei den gestressten Mensa-Besuchern Aufmerksamkeit zu erregen. Heute ist es einfach nur noch ein schönes Symbol: „Die Welt zu Gast auf deiner Couch“. Die Teilnehmer des Festivals nächtigen nämlich des kulturellen Austausches und wahrscheinlich auch der Kosten wegen immer in Greifswalder Wohnzimmern. Gastgeber werden auch für dieses Jahr noch gesucht, bittet Anne mich zu betonen. Wer Interesse hat, folge der Couch und der Musik oder informiere sich unter http://www.students-festival.de!

Als ich ein paar Stunden später den Keller wieder verlasse und mich auf den Nachhauseweg mache, sehe ich es: Das große, bunte Willkommens-Schild auf dem Gehweg vor dem Eingang.

von Lisa Klauke-Kerstan

Fotos: Privat und Lisa Klauke-Kerstan