Tourismus ist eines der Standbeine der Wirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns, soviel weiß man aus Presse, Öffentlichkeitsarbeit und von der Universität. Der Slogan „Studieren mit Me(e)hrwert“ und „Auf nach MV!“ kommen in den Sinn. Doch wie sieht es hinter dieser Kulisse von Ferienwohnungen und Backsteingotik aus?

Mecklenburg-Vorpommern (MV) kann nicht mit viel punkten: Es hat mit 10,9 Prozent die zweithöchste Arbeitslosenquote, das geringste Pro-Kopf-Einkommen Deutschlands und ist wirtschaftlich ähnlich stark wie … na gut, immerhin wie Jordanien.

Dennoch hat es auf die Einwohnerzahl MV gerechnet 17,5 Übernachtungen – im Bundesdurchschnitt sind es nur 5,1. MV nimmt acht Prozent seines Einkommens durch Tourismus ein, bundesweit ist dies nur die Hälfte. Es gibt ein Ostsee-Ticket, mit dem man besonders günstig auf die Inseln Usedom und Rügen und überall drumherum kommt und eine großartige Natur samt Seenplatte, auf der man vom Boot gesehen Wochen verbringen kann, ohne den gleichen Ort mehrmals zu kreuzen. Greifswald ist in der komfortablen Lage, relativ wenig machen zu müssen, um Touristen anzulocken: Die Universität lockt Studenten, Mitarbeiter und deren Angehörige. Die Lage zwischen den beiden Haupt-Touristen-Inseln Rügen und Usedom prädestiniert zum Tagesausflugsziel. Der Greifswalder Fremdenverkehrsverein will die Tagesausflügler davon überzeugen, dass Greifswald mehr zu bieten hat, als Backsteingotik. Er wird projektbasiert von der Stadt beauftragt, um den Tourismus in der Stadt zu stärken. Hierzu wurde zum Beispiel in einem von David Heiling initiierten Projekt der Job des Fremdenführers ausgeschrieben: Die letztes Jahr in einem Pool befindlichen 20 Touri-Guides hatten einen Altersdurchschnitt von 70 Jahren. Um dieses altehrwürdige Alter etwas den Besuchern anzupassen, konnten 30 Anwärter in einem eigens geplanten Volkshochschulkurs die Grundlagen der „Guide-Grundhaltung“ erlernen und erste Erfahrungen machen. Außerdem soll eine Stadtführung weg von reinen Zahlen, Daten und Fakten hin zu einem Event- oder Entertainment-Charakter entwickelt werden.

Problematisch könnten sich in nächster Zeit mehrere Dinge heraus kristallisieren: Der Tourismus ist eine saisonale Erscheinung, der Strand in Eldena übt im kalten Januar eben nicht die gleichen Anziehungskraft wie im strahlend heißen August aus. Außerdem sind die Angestellten im Fremden-Gewerbe oft so gut wie kaum sozialversichert und arbeiten nur auf Aushilfs-Basis. Dass diese  Arbeiter sich fortbilden, eine Familie hier gründen oder dem Gewerbe treu bleiben, wird dadurch mehr als nur erschwert. Wie sollen sich Arbeiter mit ihrer Arbeitsstätte identifizieren,wenn sie untertariflich und kurzzeitig bezahlt werden und von Stelle zu Stelle wechseln?

Außerdem ist das touristische Angebot laut Dr. Ralf Scheibe, Dozent im Greifswalder Masterstudiengang „Tourismus und Regionalentwicklung“, nach wie vor stark auf den Badetourismus beschränkt. Das Angebot wird vielfältiger, doch auch die Nachbarländer arbeiten an ihrem touristischen Portfolio. Scheibe sieht den Tourismus in Greifswald zudem eher als „Spielball der Parteien“, was beispielsweise die Diskussion um den Stadthafen Ladebow anginge. Ein sachliches, problemorientiertes Arbeiten sieht er hier eher lösungsfördernd als große, prestigeträchtige Projekte. Des Weiteren müssten Projekte sorgfältig evaluiert und auf Effektivität überprüft werden.

„Bundesstraße und Kopfsteinpflaster – rackatacka.“

Befragt nach den Radwegen, antwortete Christina Spierling, Chefin des Fremdenverkehrsvereins Greifswalds, dass auch sie die Radwege tagtäglich zu spüren bekomme: „Ich wohne selber in Gristow, und fahre täglich mit dem Rad über die alte Bundesstraße samt Kopfsteinpflaster – rackatackatacka.“ Die Strecke zwischen Stralsund und Greifswald wolle sie dementsprechend auch gerne touristisch verfeinern, „und wenn es nur ein kleiner Asphalt-Streifen auf beiden Seiten wäre.“ Radwege müssen aber teilweise von Anwohnern mitfinanziert werden. Das öffentliche Interesse ist dementsprechend klein. Auch bestehende Wege könnten aufgrund behördlichen Hick-Hacks zwischen den Gemeinden nicht einfach als Fahrradweg deklariert werden. Ein kleiner Tipp jedoch von ihr: „Es gibt zum Beispiel einen wunderschönen Radwanderweg von Stahlbrode bis kurz vor Riems, drei Meter vom Wasser entfernt.“ Die sechs Kilometer seien aber nur bei trockenem Wetter zu genießen, „sonst muss man schieben“. Ihr Lieblingsradweg wäre deshalb „die ganze Strecke von Stralsund nach Lubmin! Eine ordentliche Radverbindung zwischen den beiden Inseln wäre auch abseits des Lokalpatriotismus einfach nur ein Traum!“ Doch finanziell scheint so ein Projekt erstmal in weiter Ferne zu liegen. Die Notwendigkeit von guten Radwegen werden vorerst zumindest nur durch studentische „Critical Mass“-Radtouren in die öffentliche Wahrnehmung befördert.

Greifswald muss sicherstellen, dass es im städtischen Hansetourismus nicht von Stralsund abgehängt wird und sich auf andere Stärken konzentrieren: den Bootsbau, die Universität und die Zukunft, ob sie, mittels historischem Rückgriff symbolisiert, nun Caspar-David Friedrich, Michael Succow oder Friedrich Löffler lauten möge.

von Leonard Mathias