Rezension

Seit dem Sommer 2013 begleiten uns die regelmäßigen Schlagzeilen um den NSA-Skandal. Regierungen dementieren, Politiker kommentieren und am Ende fragt man sich, was man überhaupt noch glauben soll. Wer dem Kern des Ganzen auf den Grund kommen will, für den ist dieses Buch wirklich empfehlenswert.

Die beiden Autoren haben sich intensiv mit dem Datenmaterial des Whistleblowers Edward Snowden beschäftigt und es umfassend aufbereitet. Gut verständlich beleuchten sie die Aspekte und Hintergründe der NSA-Affäre, sowie deren Protagonisten. Die ersten Kapitel beschäftigen sich mit Snowden selbst, der laut eigenen Aussagen eigentlich nicht als Person ins Licht des öffentlichen Interesses rücken wollte. Im Laufe des Buches wird erläutert, wieso er den Wunsch entwickelte, die längst überfällige Debatte um Meinungsfreiheit und Privatsphäre ins Rollen zu bringen. Snowden sieht sich nicht als Vaterlandverräter, seine Motive und Argumente sind geprägt von einem starken moralischen Bewusstsein. Hätte er seinem Vaterland schaden wollen, so sagt er, hätte es andere Möglichkeiten für ihn gegeben. Gegen Anfang seiner Karriere im amerikanischen Sicherheitsapparat ist er ein patriotischer Verfechter der Arbeitsweise der Geheimdienste. Er gilt sogar als Vorzeigemodell des guten Mitarbeiters.

„Doch die Jahre bei den Geheimdiensten haben ihn verändert. Sie haben aus Snowden zunächst einen Zweifler, dann einen Kritiker und schließlich einen Gegner gemacht. […] Was er zu sehen bekam, wenn er sich als >>ejsnowd<< einloggte, brachte ihn in immer größere Gewissensnöte.“

Auch die Schicksale anderer Whistleblower wie Manning, Binney oder Drake werden aufgezeigt. Sie sind Snowdens Vorbilder und Lehrmeister. Das Kopieren der Daten, sein Schritt in die Öffentlichkeit und seine Flucht waren von langer Hand geplant und präzise durchdacht. Um die Brisanz der veröffentlichten Dokumente Snowdens zu verstehen, beleuchten die Autoren die Strukturen der NSA sowie ihre Geschichte im Bezug auf Spionage, Abhörmethoden und die zu dem jeweiligen Zeitpunkt geltenden Gesetzesgrundlage. Eine große Rolle spielt dabei der 11. September 2001. Dieses Ereignis schien ein Umdenken zu bewirken und ein Abhören jedes Erdenbürgers zu legitimieren. Es werden nicht nur Metadaten gespeichert, wie oft behauptet wird und man muss auch kein Attentat geplant haben, um zum Ziel zu werden. Erschreckend ist oft auch die Arroganz der NSA, die sich ihrer Macht scheinbar mehr als bewusst ist, wie ein interner Kommentar auf die empörten Reaktionen ausspionierter Politiker verdeutlicht:

„>>Versuche nicht, mit den Schweinen im Schlamm zu ringen – denn sie mögen das, und ihr werdet alle schmutzig<<  Interne Warnung der NSA an die EU“

Die Programme und Operationen der NSA, die besonders an der Privatsphäre kratzen, werden ausführlich über mehrere Kapitel verteilt beschrieben. Die Beziehungen zwischen Regierung und Geheimdiensten ist sehr eng. Es geschieht wenig, ohne das Wissen des Anderen. Die Interessen sind mittlerweile nicht einmal mehr vorrangig die Terrorbekämpfung.

Schlimmer noch, externe Untersuchungen belegen, dass Geheimdienste kaum Erfolge in der Vermeidung von Anschlägen seit der massenhaft gespeicherten Daten verzeichnen. Eingeschränkt ist die NSA nur durch die technischen Möglichkeiten. Es existiert zwar ein Kontrollgremium, aber das sogenannte Fisa-Gericht winkt alle Anträge durch.

„>>Warum sie es getan haben? Ich glaube, weil sie es konnten.<<   Senator John McCain im Interview mit dem Spiegel“

Gegen Ende des Buches werden die Folgen des Skandals und der Überwachung aufgezeigt, speziell die, die die Außenpolitik Deutschlands betreffen. Es geht um die Balance zwischen persönlicher Freiheit und staatlichem Sicherheitsversprechen. Im Anhang des Buches finden sich zusätzlich eine chronologische Ordnung der Ereignisse sowie ein überaus nützliches Glossar. Das Buch liest sich fast wie ein Kriminalroman und holt den Leser dort ab, wo er mit seinem Wissen gerade steht. Aber auch für aufmerksame Verfolger der Medien wird einiges neu sein. Das Buch ist mit Zitaten und NSA-internen Chatnachrichten gespickt, die in einigen Fällen sehr unterhaltsam anmuten.

von Wibke Oesterhaus

Bild: ©random house  verlag