Nichts kann den Bund zweier treuer Herzen hindern, die wahrhaft gleichgesinnt. Dies beweisen Jahr um Jahr Studenten in Greifswald, die sich neben dem Studium für die Ehe entscheiden. Dann heißt es: verliebte, verlobte, verheiratete Studenten.

Ewig Dein, ewig mein, ewig uns“, schrieb Ludwig van Beethoven Anfang des 19. Jahrhunderts an seine bis heute unbekannte unsterbliche Geliebte. Im hier und jetzt angekommen, wirken diese Zeilen immer noch. Auf den Punkt gebracht, beschwört er seine unendliche Liebe. Nichts anderes ist die Eheschließung. Einem Partner, der einem ans Herz gewachsen ist, vor Zeugen beteuern, dass man für immer sein Leben mit ihm teilen möchte. In Greifswald tun dies jährlich um die 250 Paare. Die Verliebten werden immer jünger und nicht wenige Studenten wagen den Schritt zur Ehe. „Der Berufsstatus wird nicht mehr überprüft, daher kann ich nicht sagen, wie viele Studenten jährlich bei uns heiraten, aber die meisten Paare sind in den 80ern geboren“, erklärt die Greifswalder Standesbeamte Frau Gohlke. „Jungen Paaren Gottes Segen zuzusprechen ist besonders schön“, findet die Pastorin Beate Mahlburg aus Wieck. In der Backsteinkirche der Gemeinde werden besonders viele Trauungen durchgeführt. Allein in diesem Jahr haben sich hier drei studentische Paare das Ja-Wort gegeben. Eines davon ist das Ehepaar Dirks. Wenn man die beiden Lehramtsstudenten Katharina und Benjamin Tee trinkend in ihrem Wohnzimmer beobachtet, verraten nur die Ringe an ihren Händen und ein liebevoll dekoriertes Regalbrett mit Fotos und Erinnerungen, dass die beiden seit diesem Juni verheiratet sind. Sie sind nicht Mann und Frau, wie sie im Buche stehen und dennoch spürt man eine unglaublich innige Vertrautheit, Freude über das Glück des anderen und die Überzeugung, dass der gegenüber der Richtige ist; Liebe eben.

Auf die Frage warum sie geheiratet haben, gibt es bei den beiden viele Antworten. Die lustigste ist: „Ben hat im Schnick, Schnack, Schnuck verloren.“ Hierzu muss allerdings gesagt werden, dass es bei dem Spiel nur um den verbindlichen Eintrag des Termins beim Standesamt ging und die beiden zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre verlobt waren. Die schönste Antwort ist aber, „weil es sich richtig angefühlt hat.“ Bereits zu diesem Zeitpunkt merkt man wohl, dass es keine großen Unterschiede gibt zwischen studierenden Paaren, die sich trauen und jedem anderen Paar, das den Bund fürs Leben eingeht. Pastorin Mahlburg drückt es so aus: „Ich sehe allgemein, dass Hochzeiten sehr sorgfältig vorbereitet und bedacht werden und alles dafür getan wird, dass der Tag unvergesslich ist, aber das liegt nicht am Alter.“ Das wird wohl auch jeder bestätigen können, der zu der rauschenden Feier der Eheleute Dirks eingeladen war. Insgesamt haben die beiden ein halbes Jahr lang mit Freunden und Verwandten geplant, gebastelt und jede Kleinigkeit liebevoll ausgestaltet. „Wir sind kleine Kontrollfreaks“, muss Katharina sofort zugeben. Doch nicht nur der Wunsch die Hochzeit zu ihrem ganz persönlichen Tag zu machen, hat die beiden dazu bewogen vieles in Eigenregie vorzubereiten.

Das liebe Geld

Geoffrey (25) & Antje (24) Holtmann  sind seit einem Jahr verheiratet

Geoffrey (25) & Antje (24) Holtmann
sind seit einem Jahr verheiratet

Ein ganz wichtiger Faktor war die Finanzierung, denn die ist bei einer Hochzeit nicht  zu vernachlässigen. „Wir haben vorher eine Kostenplanung aufgestellt, kalkuliert, mit wie viel wir ungefähr rechnen müssen und natürlich auch versucht überall ein wenig zu sparen“, sagt Katharina, als sie den großen Aktenordner mit allen Details für die unromantischen Dinge einer Hochzeit auf den Knien balanciert. Das ist genau der Knackpunkt, der heiraten für Studenten manchmal unmöglich macht, denn Luft und Liebe sorgen leider nicht für Dekoration, Hochzeitskleid und eine wunderbare Feier. Hierfür muss man jeden Monat etwas vom Geld des Bundesausbildungsförderungsgesetzes (BAföG) bei Seite le

gen oder ganz traditionell die Eltern bitten, einzuspringen. Ein nicht zu verachtender Kostenfaktor ist auch die Hochzeitsreise. Ob auf den Bauernhof gleich nebenan oder ganz weit weg, jede Reise verlangt ein gewisses Budget. Antje und Geoffrey Holtmann haben sich vor einem Jahr für die Ehe neben dem Studium entschieden und hatten das Glück, dass ihre Eltern sofort bereit waren einen Großteil der Hochzeit auszurichten. „Sonst hätten wir eine Low-Budget Hochzeit feiern müssen“, gibt Antje zu.

Uni als Ehepaar

Im Gegensatz zu manch anderem Paar haben die beiden sich nicht durch ihre Studienfächer kennengelernt. Zusammengekommen sind sie trotzdem erst, als Geoffrey vor drei Jahren für sein Theologiestudium die Universität in Kiel gegen die Universität in Greifswald eingetauscht hat. Ein Antrag im Schnee und Fackeln auf dem Wall zeigt aber auch bei diesem Paar, dass Studenten in Sachen Liebe auf Romantik und Tradition setzen. Gefeiert wurde zweimal. Mit allen Freunden, die es nicht auf die Gästeliste geschafft haben, nach der standesamtlichen Trauung und im Rittergut Bömitz nach der Zeremonie in der Marienkirche. Für die beiden war der Schritt in die Ehe eine komplette Kehrtwende in ih

rer Beziehung. „Da hat sich eine vollkommen andere Welt aufgetan“, erzählt Geoffrey mit ganz verliebten Augen. Das liegt unter anderem daran, dass die gemeinsame Wohnung erst einen Monat vor der Hochzeit bezogen wurde und das glückliche Paar nun seit einem Jahr lernt, wie es ist als Mann und Frau zusammen zu leben.

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Katharina und Benjamin an ihrem Hochzeitstag.

Negative Stimmen aus den Familien oder ihrem Freundeskreis gab es bei der Bekanntmachung des bevorstehenden Ereignisses nicht. Sogar das erste Pflichtseminar im neuen Semester durfte Antje mit der Erlaubnis ihres Professors für die Flitterwochen schwänzen. Bei Katharina und Benjamin war das ein wenig anders. Hier gab es anfänglich durchaus Kritik daran, dass das Paar noch während des Studiums überzeugt war „Ja, ich will“ zu sagen. Die Hochzeitsvorbereitungen neben dem Unialltag empfand hingegen keines der Paare als stressig. Die Eheleute Dirks haben sich ganz bewusst dazu entschieden in der Uni nicht als Ehepaar aufzutreten, um auch weiterhin als eigenständige Person wahrgenommen zu werden. „Wir haben so ziemlich alle Seminare und Kurse gemeinsam, da wollen wir einfach nicht, dass man nur noch als Paar gesehen wird“, erklärt Katharina. Nur am Nachnamen merkt man, dass da etwas zusammen gewachsen ist. Auch für Antje war es klar, dass sie ihren Mädchennamen ablegt. Daraufhin wurde sie im neuen Semester auch gleich von einem Dozenten angesprochen, ob sie geheiratet habe. Professoren stellen somit auch kein Problem auf dem Weg zum Altar dar.

Hiobsbotschaften

Die deutschen Scheidungsraten sprechen allerdings gegen die beiden vorgestellten Paare und alle anderen Mutigen. Das Statistische Bundesamt gibt an, dass 42 Ehen aus dem Jahr 2011 schon im Folgejahr wieder auseinander gegangen sind. Dies ist unter anderen auch der Grund für eine stetig ansteigende Nichtehelichenquote im gesamten Bundesgebiet seit 1946, in den neuen Bundesländern stärker als in den alten. Die Deinstitutionalisierung der Ehe schreitet in der ehemaligen DDR stärker voran. Eine Lockerung der unmittelbaren Verbindung der Vermählung mit Familie, Elternschaft, Sexualität und Zusammenleben in einem gemeinsamen Haushalt hat zu einer Entwicklung vielfältiger Lebensformen und Familienentwicklungen geführt. Man kann also davon ausgehen, dass jede Hochzeit wohl überlegt ist, denn Partnerschaft geht mittlerweile auch anders. So ist es auch bei Studenten; diese sind nach Aussagen von Pastorin Mahlburg keinesfalls unreif in ihrem Entschluss. Geoffrey war sich beispielsweise schon immer im Klaren darüber, dass jede Beziehung dazu dient zu testen, ob die Frau für immer an seine Seite passt und falls ja, dass es dann auch in einer Hochzeit enden soll. Ehekritische Menschen sehen nur die steuerlichen Vorteile in der bestmöglich lebenslangen Bindung an einen anderen Menschen.

Katharinas Erklärung dafür, dass gerade Studenten sich nicht vor den Altar trauen, ist der Gedanke, dass das eigene Leben erst gefestigt sein muss, bevor man sich an jemanden anderen binden kann. Doch bedenkt man, wie häufig sich heutzutage unsere Lebenswelt ändert, dann dürfte man wahrscheinlich nie heiraten. Das wichtige ist die Liebe, die einem ja auch in vielen Momenten Halt spendet, und nicht die berufliche oder finanzielle Sicherheit. Nicht umsonst beschreibt Katharina das neue Gefühl des Verheiratet-Seins als „aufgeräumt“. Alle Ehepartner haben übrigens im Semester der Hochzeit und der Planung ihre Prüfungen bestanden.

von Lisa Klauke-Kerstan

Fotos: Privat und Lisa Klauke-Kerstan