Gerade erst 20 Jahre alt und doch hat er schon ein gefülltes Strafregister. Dagegen wirkt die Körperverletzung nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Jugendschöffengericht, 13 Uhr, auf der Anklagebank ein junger Mann. Was ihm vorgeworfen wird, ist heutzutage kein Einzelfall in Deutschland und so erscheint die entspannte, unförmliche Lage fast schon verständlich, in der sich der Richter, der Staatsanwalt und der Angeklagte selbst befinden. Dem Angeklagten wird zur Last gelegt den gleichaltrigen Geschädigten auf einem Parkplatz aufgelauert zu haben, um ihn zur Rede zu stellen. Der Beschuldigte habe als Grund für die Aussprache angegeben, dass er sich Luft machen wolle, da der Geschädigte ihn einige Wochen zuvor wegen Nötigung im Straßenverkehr angezeigt habe. Weiterhin vermutete die Staatsanwaltschaft durch die polizeiliche Vernehmung, dass auch Eifersucht im Spiel gewesen sein musste. Die Unterhaltung habe mit einer handgreiflichen Auseinandersetzung der beiden geendet, wobei der Angeklagte dem Geschädigtem zweimal kräftig gegen den Kopf geschlagen haben soll.

Nach Anhörung der Fakten der Staatsanwaltschaft sollte nun die Anhörung der Zeugen beginnen. Jedoch hielt der Richter fest, dass der Hauptzeuge, der Geschädigte selbst, nicht anwesend sein konnte. Dieser befindet sich in stationärer psychologischer Behandlung in Leuna  in Sachsen-Anhalt. Laut ärztlichem Attest ist nicht abzusehen, wann das Opfer vernehmungsfähig sein wird. Jedoch hielt das Gericht fest, dass er sich nicht wegen des Vorfalls selbst eingewiesen habe. Aufgrund dieser Tatsachen äußerte der Richter, dass das Verfahren gegen eine Geldstrafe in Höhe von 100 Euro oder Sozialstunden einzustellen ist. Dabei sollte der Geldbetrag an einen sozialen, gemeinnützigen Verein und nicht an das Opfer selbst gehen. Gründe hierfür seien, dass das Gericht wegen der Abwesenheit des Geschädigten nicht feststellen konnte, inwieweit er Auslöser der Handgreiflichkeiten gewesen ist. Der Angeklagte selbst habe sich auf diese Situation im Vorraus eingestellt, wie seine Sozialhilfe äußerte, die ihn vertrat. Somit war eine Bestätigung für den Vorschlag des Richters gegeben.

Nun musste auch der Staatsanwalt den Antrag annehmen. Dieser stimmte dem Einstellen des Verfahrens zu, äußerte aber sogleich eine gewisse Skepsis gegenüber dem Geldbetrag von lediglich 100 Euro. Er begründete seinen Einwand mit einem Verweis auf das Strafregister des Angeklagten, welches schon mehrere Einträge wie beispielsweise illegalen Waffenbesitz und Diebstahl beinhaltete. Weiterhin bezog er sich auf das Einkommen des Beschuldigten, welches nach eigenen Angaben nach Abzügen rund 300 Euro betrage, wobei er wahrscheinlich wenig Ausgaben habe, da er noch zu Hause bei seinen Eltern wohne.

Somit forderte der Staatsanwalt einen Betrag in Höhe von 250 Euro. Dieser Betrag erschien dem Richter jedoch zu hoch und so wurde sich, wie auf einem Basar, gegen Ende des Verfahrens auf eine Summe von 200 Euro, zahlbar mit 50 Euro pro Monat, oder 20 Sozialstunden geeinigt. Nachdem sich das Gericht zurückgezogen hatte, vergingen nur wenige Minuten, bis der Richter sein Schlusswort brachte. Hierzu wurden auch die beiden Zeugen, welche eigentlich zu dem Verfahren aussagen sollten, herein gebeten. Dem Angeklagten wurde gegen Ende auferlegt, 200 Euro an die Greifswalder Kinderkrebshilfe zu spenden. Das Verfahren würde wieder aufgenommen werden, sollte der Angeklagte dieser Aufforderung nicht nachkommen.

von Nikita Günter und Ulrike Günther  

Grafik: Daniel Focke