Rezension

Titten, Votze, Bitch, Bitch, Bitch – Wer „Bitchsm“ liest, muss sich auf 69 696 vulgärsprachliche Ausdrücke gefasst machen. Ein fasst 500 Seiten starkes Pamphlet, was die Rapperin Lady Bitch Ray, auch bekannt als Reyhan Şahin, promovierte Sprachwissenschaftlerin aus Bremen, da vorzeigt. Zum Teil Sex- und Gefühlsratgeber, halb Autobiografie, halb Bilderbuch, das ist „Bitchsm – Emanzipation. Integration. Masturbation.“ Damit möchte die 31-Jährige eine neue Art des Feminismus vorstellen, „Neofeminismus“ sozusagen, der sich für eine Gleichberechtigung aller Geschlechter einsetzt. Dabei wird den „Weibern“ standhaft wiederholend klarmacht, dass sie sich ihrer „Klit“ bewusst werden sollen, um sich zu emanzipieren. Die Lösung dieses Paradoxons wird im Laufe des Buches immer weiter aufgelöst.

„Wenn Frauen behaupten, dass zwischen den Geschlechtern bereits Gleichberechtigung vorherrscht und wir die Emanzipation der Frau längst hinter uns haben – sträuben sich bei mir – falls nicht wegrasiert – die Muschihaare!“

Dies tut sie anhand ihrer eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, rechnet darunter mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber Radio Bremen ab und auch der wissenschaftliche Betrieb sei ihrer Meinung nach von Sexismus geprägt. Nach dreijähriger Arbeitszeit für ihre Doktorarbeit über das Bedeutungssystem des muslimischen Kopftuchs in Deutschland als auch einer tiefen Depression wendet Bitchy Ray das Blatt um und will vor allem mittels sprachlicher Mittel versuchen, nicht nur Frau neu zu emanzipieren – am Anfang durchaus gewöhnungsbedürftig in mindestens jedem zweiten Satz „Bitch“ mit mindestens drei Ausrufezeichen zu lesen, aber ihre Message ist klar: Lasst euch nicht unterkriegen, seid selbstbestimmt, habt Spaß am Leben und genießt eure Sexualität und eure Umwelt. Als Linguistin weiß Reyhan Şahin vermutlich am besten um die Wirkung von Sprache, weshalb sie Wörter wie „Bitch“ in ihrem Buch neu definiert und mit deren ständiger Wiederholung schon innerhalb von „Bitchsm“ eine Neukonnotation schafft.

„In seiner Radikalität ist das Bitchsm so ähnlich wie die Philosophie der Universalistinnen oder der Postfeministinnen à la Judith Butler: Es will entweder die Gleichheit der Geschlechter oder die Abschaffung der ganzen Geschlechter-Kategorisierung – weil wir alle Menschen sind und im Grunde genommen – wenn bitch genau hinschaut – es egal ist, ob wir Schwanz, Votze, keins von beiden oder beides haben.“

Ein guter Schritt, um nicht nur Frauen auf Trab zu bringen, wenn es um Selbstbestimmung geht. Gewöhnungsbedürftig am Anfang, gewinnbringend aber am Ende der 500 Seiten für die, die sich auf Lady Bitch Rays Konzept des sprachlichen Auf-die-Fresse-Jargons einlassen können und wollen.

von Luisa Pitschan

Foto: © Vagina Style Verlag