Rezension

Soziale Kompetenz – ein modernes Must-Have? Vermeintlich bildet sie die Basis für eine erfolgreiche und friedliche Interaktion in allen Lebensbereichen. Doch was passiert, wenn die Natur die Entfaltung sozialer Fähigkeiten stört?
Dr. Peter Schmidt schildert in seiner Autobiografie, wie sich ein Leben zwar samt der Entwicklungsstörung Asperger-Syndrom, jedoch ohne diagnostischen Befund, 41 Jahre leben und schließlich lieben lässt.
Überraschend ehrlich und selbstreflektierend gewährt er einen tiefen Einblick in seine Gedanken und Erlebnisse vergangener Tage.

„Das Studium war über weite Strecken reine Urlaubszeit, vor allem in der sogenannten vorlesungsfreien Zeit, die ich immer als Semesterferien gesehen habe und nicht als Zeit für Praktika oder Lernen. Ich brauchte die Zeit, um mich von den Menschen und ihrem Gehabe zu erholen.“

Während sich die Zwischenmenschlichkeit für den Geophysiker als kräftezehrendes sowie rational nicht nachvollziehbares Unterfangen offenbart, etabliert sich die nonverbale Kommunikation trotz Lernwilligkeit als Fremdsprache. Mit Mut zur Transparenz wird der Leser in intime Details und Sehnsüchte eingeweiht. Aus der Sicht eines extrovertierten Menschen erweckt die durchaus sympathische Unmittelbarkeit der Schilderungen die Imagination eines Fettnäpfchenwetthüpfens. Seine persönliche Definition von Liebe veranschaulicht Schmidt seiner Partnerin demnach anhand eines Koordinatensystems inklusive Liebesasymptote. Die Darstellungen derartiger Szenarien erzeugen einen hohen Unterhaltungswert und verführen den Leser zum Schmunzeln. Eine beständige Konkurrenz zwischen Verstand und Emotion begleitet den Autisten auf seinem Lebensweg und begegnet dem Rezipienten in Form philosophisch geprägter Reflexionen.

„Die Liebe kam an mich nicht ran. Und ich kam nicht an die Liebe ran. Und wer weiß, ob das, was ich glaube unter Liebe nun verstehen zu können, auch das ist, was die geliebte Person darunter versteht.“

Die heterogene Gefühlswelt des Protagonisten Schmidt, episodisch geprägt von Frustration und Verzweiflung, sowie die tiefgreifende Sehnsucht nach einer erfüllenden Partnerschaft geben dem Leser die Möglichkeit zur Identifikation. Ob er diese annimmt und sich dem Mitgefühl hingibt oder stattdessen den weiteren Handlungsverlauf aufgrund auszumachender Differenzen zum eigenen Leben distanziert inhaliert, bleibt ihm überlassen.
Peter Schmidt beeindruckt mit einer ehrlichen und persönlichen Selbstdarstellung, die mit einer ausgeprägten Sozialkompetenz nicht möglich gewesen wäre.

von Natascha Gieseler

Foto: © Patmos