Im 21. Jahrhundert ist Toleranz immer noch nicht zur Selbstverständlichkeit geworden. Auf zahlreichen Internetseiten wird über Homosexualität gehetzt und in der Öffentlichkeit werden gleichgeschlechtlich Liebende oft ins Abseits gestellt. In Greifswald sorgen queere Organisationen für mehr Aufklärung.

Das widernatürliche und entartete Homo-Treiben ist für die menschliche Natur mörderisch“, so äußerte sich das Internetportal „kreuz.net“ am 2. Oktober anlässlich des Todes von Dirk Bach. Der homosexuelle deutsche Komiker verstarb Anfang des letzten Monats vermutlich an Herzversagen. In zahlreichen Veröffentlichungen werden auf „kreuz.net“ gleichgeschlechtlich Liebende unter anderem als „Homo-Gestörte“ bezeichnet, wie beispielsweise in dem Artikel „Homosexualität: Vorbeugen ist besser als Heilen“ vom 15. September 2012.

Wenn man berücksichtigt, dass die besagte Internetpräsenz von internationalen und privaten Gruppen betrieben wird, so erscheinen solche Bemerkungen auf den ersten Blick realitätsfern. Jedoch hat auch Mecklenburg-Vorpommern und somit ebenfalls Greifswald mit solchen abwertenden Äußerungen zu kämpfen. In einem Werbebild einer Homophobie-Kampagne der Freien Kräfte Greifswald werden homosexuelle Paare als „krank“ und „unnormal“ verunglimpft. Zudem wird ihre Partnerschaft als „falsch“ betitelt, die zwangsläufig zum Volkstod führen würde.

Um für mehr Toleranz einzustehen, haben sich hier Organisationen und Initiativen gegründet. (moritz berichtete in Heft 95) Nun, ein Jahr später, hat sich der moritz noch einmal mit Vertretern der homosexuellen Szene getroffen. Für Veit Pürsing hat sich die Queerszene stark verbessert. Der 23-Jährige arbeitete im vergangenen Jahr noch ehrenamtlich für den Queerkompass e.V. in Greifswald. Diesen Posten gab er jedoch zugunsten des Aktionsbündnisses Queer auf. Dies hatte vor allem persönliche Gründe. Für ihn organisiere sich der Verein zu autonom. „Das ist eine Sache, mit der ich nicht umgehen kann, weil ich was bewegen und verändern will in Greifswald“, begründet Veit seine Entscheidung. Der Queerkompass führt seine Arbeit weiterhin fort. Neben den derzeit laufenden „Last Sweet Dance!“-Partys führt der Verein Informationsangebote durch, die von einer HIV-Beratung bis hin zu der Jugendgruppe „Young United“ reichen. Veit betont: „Wir lehnen grundsätzlich Kooperationen nicht ab. Auch eine Distanzierung erfolgte nie und wird es – zumindest solange die Aktion nicht unserer Satzung oder gar rechtlichen Grundsätzen zuwider läuft – auch nicht geben. Bei der Planung von Veranstaltungen muss aber ein grober Rahmen gegeben werden und insbesondere Kommunikation rechtzeitig erfolgen. Ehrenamtliche Arbeit kann nur so gewährleistet werden.“

Optimistische Grundhaltung für 2013

Das Aktionsbündnis Queer eröffnete mit seiner Gründung ein neues Spektrum an Veranstaltungsmöglichkeiten. Neben einer Spendenaktion im Dezember 2011 initiierte es 2012 den ersten „Tag der Akzeptanz“ in Greifswald. Aktuell arbeitet das Bündnis bereits an den Vorbereitungen für das nächste Jahr. „Wir stehen gerade mit der Stadt in Verbindung für einen Termin. Wir sind voller Optimismus für das Jahr 2013.“ Neben seiner Tätigkeit beim Aktionsbündnis engagiert sich Veit ebenfalls beim Treff MalAnders. Die seit Oktober 2011 bestehende Initiative schloss bereits letztes Jahr die Lücke zwischen Party und Beratungsarbeit. Stellvertretend für Sebastian Dahm, der Greifswald aus beruflichen Gründen für eine kurze Zeit verlassen musste, organisiert Veit gemeinsam mit Pauline Kagels jeden ersten Donnerstag im Monat ein lockeres Treffen für alle Interessierten im St. Spiritus.

Im September 2012 wurde die Szene um eine Lokalität erweitert. Mit „BommelZ Bubble Tea“ haben Juliane Bornstedt und Linnea Eckel einen Treffpunkt in der Steinbeckerstraße geschaffen und sich gemeinsam einen Wunsch verwirklicht. In erster Linie ist BommelZ ein für jedermann geöffneter Laden, bei dem man allerlei Snacks, Quarks und zahlreiche Bubble Tea-Variationen käuflich erwerben kann. In zweiter Linie jedoch ist die Lokalität auch ein Treffpunkt für Homosexuelle geworden. Das lesbische Paar hat bereits bei den Gender Trouble Partys Shots ausgeteilt, wodurch eine feste Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft (AG) Gender Trouble entstand. Aber auch mit dem Aktionsbündnis Queer arbeiten die gelernte Altenpflegerin und die Diplom-Geologin Hand in Hand. Die Organisationen und Initiativen haben sich enger zusammengeschlossen und ergänzen sich. Veit betont hierbei vor allem die Entfaltung der Gender Trouble AG, welche beispielsweise mit einem schwul-lesbischen Bowlingturnier ein wenig vom Party Image abgerückt ist: „Sie ist sehr an ihren Aufgaben gewachsen.“

Auch Juliane ist über die queere Entwicklung erfreut. Anfangs kannte sie nur die Gender Trouble Partys, über die sie als Studentin in die Szene kam. Nun hat sich neben dem Queerkompass e.V. und dem Treff MalAnders auch das Aktionsbündnis Queer entwickelt und etwas für eine Aufwertung der Szene in Greifswald getan. Mit ihrem eigenen Laden trägt das Paar außerdem aktiv zu queeren Veranstaltungen bei. Ihnen fehlt jedoch noch eine Coming Out-Beratung in Greifswald. Dies bemängelt auch Veit. Er möchte Betroffenen gerne weiterhelfen: „Wenn sich jemand bei uns meldet, dann stehe ich gerne zur Verfügung und treffe mich mit der Person. Das Angebot gibt es offiziell so allerdings nicht, weil das Aktionsbündnis kein eigenes Büro hat.“

Neben einer Coming Out-Beratung wünschen sich sowohl Juliane, Linnea als auch Veit, dass homosexuell lebende Paare mehr Toleranz und Respekt in der Öffentlichkeit erfahren. „Ich würde mir wünschen, dass homosexuelle Paare in Greifswald rumlaufen können, ohne Angst davor haben zu müssen, zusammengeschlagen zu werden. Es hat sich schon gebessert, aber es gibt immer noch viele Ecken, wo ich nicht mit einem Partner Hand in Hand laufen würde“, so Veit. Auch Linnea und Juliane mussten schon öffentliche Pöbeleien hinnehmen.

Anzeige für kreuz.net

Insgesamt ist eine positive Entwicklung in der Entfaltung der homosexuellen Szene in Greifswald sichtbar. „Die queere Szene hat sich in jüngerer Vergangenheit vergrößert. Durch ein größeres Angebot wird die Akzeptanz gesteigert, da ein stärkeres Tangieren mit dem Thema einher zieht“, so der Queerkompass e.V. Im vergangenen Jahr hat sich in dieser Hinsicht viel getan. Die bereits begonnene Zusammenarbeit mit der Gender Trouble AG soll in Zukunft weiter gestärkt und ausgebaut werden, sodass ein kooperatives Netzwerk zwischen den verschiedenen Vereinen und AGs der Queerszene in Greifswald entstehen kann. Trotzdem existiert weiterhin ein Defizit an Toleranz und Akzeptanz auf den Greifswalder Straßen, welche zum Beispiel durch mehr Aufklärungsarbeit und Präsenz zuvor genannter Vertreter erreicht werden könnte.

Auch international könnte durch mehr Aufklärungsarbeit diskriminierenden Statements prophylaktisch entgegengewirkt werden. Die respektlosen Aussagen des konservativen Internetportals „kreuz.net“ anlässlich des plötzlichen Lebensendes von Dirk Bach, haben den Lesben- und Schwulenverband nun dazu animiert die Betreiber und Autoren der Onlinetexte wegen Volksverhetzung anzuzeigen, wie der Spiegel am 8. Oktober berichtete. Ein weiterer Schritt für die Gleichstellung von Homosexuellen?

von Friederike Haiser und Laura-Ann Schröder

Grafik: Corinna Schlun