Mit dem viel gepriesenen Spitzenwerk von Mozart, bewährten Opernstimmen und eingespieltem Orchester geht der Operndirektor Horst Kupich „kein Risiko“ ein, dem Publikum nicht zu gefallen.

Kein Risiko ist auch ein Risiko. Eine Rationalisierung der beiden ist schwierig. Während Don Giovanni zügellos alles für die Freiheit riskiert, scheint es im Theater Vorpommern eine ausgewogene Kombination von beiden zu geben. Das Theater wagt doch ein gewisses Risiko mit seiner Inszenierung.

Bereits in der ersten Szene kommt Don Giovanni durch die Wand. Zugleich hofft man im Publikum, dass die Produktion dasselbe tut und nicht gegen die Wand läuft.  Bei den dargebotenen herrlichen Gesangskapazitäten und mit dem lebhaften, nuancierten und mühelosen Spiel des Orchesters unter der Leitung von Golo Berg schafft sie das auch.

Operndirektor Kupich koppelt die gesamte Handlung an eine starre und regelkonforme Gesellschaft, die es schon immer gab. Nicht immer können die Mitglieder dieser Gesellschaft „sauber und steril“ gehalten werden, weil es immer einen Parasiten gibt, der das System durchlöchern kann. Don Giovanni tut das, was er nicht tun soll. Er bricht Grenzen, betrügt, verletzt, tötet. Seine Potenz und sein Freiheitsgefühl können doch nicht die ausschlaggebende Gründe sein, warum ein Frevler von allen begehrt wird. Jedoch mangelt es einer Oper immer an Rationalität. Dennoch ist sie schön, aufgrund ihrer Ästhetik und des ungewöhnlich kunstvollen Reizes.

Vollkommen berechtigt und großartig erfüllt der rumänische Bassbariton Alexandru Constantinescu Don Giovanni, sowohl mit Gesang als auch mit Schauspiel. Sein natürlicher, südländischer Charme verleiht dem Charakter Don Giovannis die Authentizität im Äußeren. Um den Rest kümmern sich seine reichen Stimmreserven: mal freundlich und sanft, mal verführerisch und bedrohlich. Trotz Dominanz in der Stimmlage ist diese klar und gefühlvoll. Besonders explosiv ist die Darbietung Leporellos durch den starken Bassbariton Thomas Rettensteiner. Seinen leidenschaftlichen, emotionalen Pathos macht seine Gesangsrolle so gut wie unübertroffen. Durch seine maßlose Stimme und schauspielerische Darbietung ergreift er ganz den Charakter in seiner Dialektik zwischen Moralbedenken, Servilität und heimlichen Neid. Die Gegner Don Giovannis Donna Anna (Liubov Belotserkovskaya, Sopran), Don Ottavio (Bragi Bergthórssons, Tenor) und Donna Elvira (Anette Gerhardts, Sopran) begeistern auch mit ihrer Leistung.  Die Arien, die sie zusammen singen, sorgen für die nötige Beruhigung nach dem Chaos, den Don Giovanni regelmäßig hinter sich lässt. Aber auch der gesamte Opernensemble ist superb und jeder komplementiert seine Figur mit seiner Stimmenlage.

Sehr inkongruent zum gesamten Stück ist das Bühnenbild. Die Begeisterung durch die Dreidimensionalität auf der Drehbühne, die sie hervorrufen soll, bleibt aus. Es fehlen Details, die ihr Authentizität verliehen hätten. Ein auf dem Boden liegender Kronleuchter oder nur einseitig bemalte Wände sind weit von der barocken Atmosphäre entfernt. Das Opernensemble fühlt voluminös die ganze Bühne, das Bild bleibt dennoch arm und platt.  Ein riesiges Manko der Inszenierung.
Gesungen wird das Libretto auf Deutsch, problematisch ist es dort, wo sich die Musik zu sehr „einmischt“ und den Text in den Hintergrund drückt. Dafür gibt es immer einen schönen Fluss des Gesangs zu den Rezitativen.

Ein Wow-Effekt ist auf die geringere Risikolust des Produktionsteams zurückzuführen. Die Inszenierung wäre wohl zu innovativ gewesen, hätte diese gewisse Gewöhnungsbedürftigkeit gefordert. Keineswegs sind solche Effekte nötig –  klassisch, genussvoll, verehrend.

von Gjorgi Bedzovski

Foto Barbara Braun