Poetry Slam wird immer populärer. Auch in Greifswald ist es längst kein Fremdwort mehr, sondern eher ein Begriff, der aufhorchen lässt. Dieses Jahr fand ein Dichterwettstreit in der Stadthalle im großen Rahmen statt. moritz war vor Ort.

De Schlange an der Abendkasse ist lang. Wer sich jetzt noch eine Karte besorgen muss, wippt von einem Bein aufs andere und hofft, dass die Person vor einem sich nicht die letzte schnappt. Die Stadthalle ist bereits gefüllt mit Leuten, die sich schon mal an der Bar versorgen, Bekannte begrüßen oder sich mit ihren Begleitern unterhalten. Die ausgelassene Stimmung summt durch den ganzen Raum. Und dann beginnt der Einlass. Absätze klackern schneller, man versucht zu den ersten an der Treppe zu gehören und binnen kürzester Zeit ist kaum noch ein Stuhl frei im großen Kaisersaal. Der Grund all dessen ist die Vorfreude auf den heutigen Abend. Das Koeppenhaus und Kampf der Künste aus Hamburg präsentieren den Poetry Slam, das wortgewaltige Spektakel von Poeten, die im Kampf gegeneinander antreten und über deren Erfolg das Publikum entscheidet. Hierbei geht es darum, selbst geschriebene Texte nicht nur zu lesen, sondern vorzutragen, mit Inhalt und mit Ausdruck gleichermaßen zu spielen.

Die Bühne im Saal ist von einem träumerischen, lila Licht umgeben. Oben drauf, etwas abseits, steht ein plüschiges Sofa mit Kissen, eine Lampe und ein paar Getränke. Ja, Alkohol. Sieht alles wirklich sehr gemütlich aus. Doch in der Mitte der Bühne, im Fokus der Zuschauer, ist nichts. Nur ein Mikrofon. Diese Schlichtheit erinnert fast an den Reiz eines weißen Blattes Papier, welches bereit ist, beschrieben zu werden. Im Plappern der Leute ringsum liegt ein klein wenig Ungeduld. Sie wollen wissen, was gleich aus dem Mikro zu hören ist, denn selbst wer schon häufig beim Poetry Slam dabei war, weiß, dass er immer noch zum Staunen gebracht werden kann.

„Ich bin überrascht, dass heute beinahe ausverkauft ist“, sagt Katharina Müller. Sie sitzt etwas weiter hinten in den Reihen und ist das erste Mal beim Dichterwettstreit dabei. „Ich habe nur eine Idee, was mich heute erwarten könnte, da ich schon einmal beim Science Slam zugeguckt habe.“ Das ist dem Poetry Slam gar nicht so unähnlich, nur beschränken sich die Inhalte dort auf die Darstellung wissenschaftlicher Phänomene. Poetry Slam selbst ist irgendwann in der Mitte der 80er Jahre in Chicago entstanden und von dort aus in alle Welt übergeschwappt. Heute kann man es von Schweden bis Israel finden, regional bis international und in den verschiedensten Variationen, wie zum Beispiel in Gebärdensprache. In Deutschland ist die Szene in Hamburg und Berlin besonders groß.

Die Leute verstummen für einen Moment und begrüßen dann Beifall klatschend den Moderator des Abends, der auf der Bühne erscheint. Sein Name ist Michel Abdollahi. Schick, schick. Super Anzug. Wer sich ein bisschen auskennt, weiß, dass dieser Mann ein ganz großer Fisch im Slammer-Teich ist. Er ist Mitbegründer von Kampf der Künste und als Slam Master auch Talentsucher, Berater und so weiter. In Hamburg moderiert er regelmäßig die Poetry Slam-Abende im Club „Uebel und Gefährlich“.

Trotz der Größe des Saals schafft er es auf Anhieb eine kuschelige, vertraute Atmosphäre zu schaffen. Hier und da wird ein Schluck Sekt verteilt oder ein bisschen mit den Zuschauern geschnackt. Man hat irgendwie das Gefühl sich schon ganz gut zu kennen. In dieser Stimmung tritt dann endlich der erste von den vier Slammern auf. Eine handvoll Zuschauer machen sich besonders gerade, denn sie sollen hinterher Punkte von null bis zehn vergeben. David Friedrich legt los. Wo vorher nur ein Mikrofon stand, sind jetzt auf einmal Gedanken, Ideen, Bilder. Wort für Wort bringt er in einem enormen Rhythmus hervor. Die Leute wollen hören und sehen und nur helles Auflachen unterbricht die schmunzelnden Gesichter.
Ja, genau so soll das sein. Irgend so ein lässiger junger Typ steht da vor einem und erzählt irgendeinen Schwank und auf einmal ist man hin und weg. In Deutschland dominieren vor allem humorvolle, sarkastische, kritische Beiträge. Die Leute wollen eben unterhalten werden. Aber funktioniert Poetry Slam auch ohne Gesellschaftskritik? David meint: „Ja. Poetry Slam funktioniert auch mit: `Leberwurst, Schinkenwurst, Erdbeerkäse´.“ Seiner Meinung nach sei Poetry Slam definitiv keine neue Literaturform, es ist Unterhaltungsprogramm und in 95 Prozent der Fälle höchstens quasi-literarisch. Den nicht zu übersehenden Männerüberschuss bei den Wettbewerben erklärt David auch. „Poetry-Slam braucht kein Mensch. Vielleicht machen Frauen lieber was Sinnvolles aus ihrem Leben anstatt, bis sie 45 Jahre alt sind, für die Fahrtkosten mit Regionalzügen durch die Republik zu tuckern um fünf Minuten lang irgendeinen Schrott – oder gegebenenfalls auch mal was inhaltlich Wertvolles – in irgendwelchen Kneipen, Jugendzentren oder Theatern vorzutragen.“

So geht es also auch heute mit Männern weiter. Nummer zwei ist Fabian Navarro, Nummer drei Volker Strübing und zum Schluss tritt Micha Ebeling auf, ganz cool mit Händen in den Hosentaschen. Jeder für sich erreicht das Publikum, jeder erzählt eine andere Geschichte und gibt zehn Minuten lang alles. Volker Strübing sticht dabei auf eine gewisse Weise hervor. Wenn er erzählt, bleibt überhaupt kein Zweifel übrig, dass eben Erwähntes genau so und nicht anders wirklich passiert  ist. Er trägt in einem etwas ruhigeren Ton vor, indem aber Humor und auch Selbstironie brillant zutage kommen.

mm101_Feulli_36_Typen_Laura-Ann

Moderator Michel Abdollahi und Micha Ebeling

Angesichts solcher Funken, die da von der Bühne herunter springen, fragt man sich beinahe, ob es nicht Auftrag der Slammer ist, Nachwuchs aus dem Publikum zu rekrutieren. „Ja, also jetzt vielleicht nicht direkt Auftrag“, sagt Volker, „aber natürlich freut man sich, wenn es im Publikum Leute gibt, die das gut finden, was man da macht und das dann selbst auch ausprobieren möchten. Viele Poetry Slammer geben tatsächlich auch Workshops.“ Volker aber nicht. Im Übrigen sieht auch er Poetry Slam nicht als neue Literaturform an, es sei eher eine Veranstaltungsform. Wenn Volker oben am Mikrofon steht, geht es ihm gar nicht um irgendwelche Moralpredigten, in erste Linie wolle er unterhalten. Wichtig sei ihm nur, dass das Publikum dabei nicht dümmer wird.

Das ist wohl ausgeschlossen. Denn üblicher Weise werden beim Slammen auch häufig aktuelle Themen aufgegriffen. Das Internet ist voll von Beiträgen verschiedenster Slammer. Namen wie Sulaiman Masomi, Sebastian 23 oder auch Andy Strauß sind auf jeden Fall einen YouTube-Klick wert. Hinzu kommen die unzähligen Neueinsteiger. Literatur im Überfluss. Poesie ist hip und wird anscheinend immer hipper. Am Ende des Abends im schönen Kaisersaal hat Volker gewonnen, nachdem das Publikum lautstärketechnisch alles gegeben hat. Aber gewinnen scheint gar nicht so wichtig zu sein. Hier geht es eben um die Poesie. Daher teilt sich der Erste, der eigentlich Nummer drei ist, auch mit dem Zweiten (Micha), der eigentlich Nummer vier ist, den Siegerschnaps. Moderator Michel ist auch versorgt. Alle sind glücklich.

Und Katharina, von weiter hinten aus dem Publikum? Der hat es ebenfalls gefallen.

von Laura-Ann Treffenfeld

Fotos: Laura-Ann Treffenfeld