Greifswalder Herbst bringt so einiges an Gräulichkeit und Feuchtigkeit mit sich. Alle meckern permanent über das Wetter. Ich finde allerdings, es gibt so einige gute Gründe, sich auf die am meisten von Dichtern und Poeten besungene Jahreszeit zu freuen, denn zu dieser goldigen Jahreszeit aus schwarzem Samt befreie ich euch offiziell vom schlechten Gewissen! Die Zeiten sind hart und da kann man ruhig auf diese nervige Spaßverderber-eigenschaft mal verzichten.
Ab Oktober könnt ihr mal ohne schlechtes Gewissen im Bett liegen bleiben, wenn der Tag grau ist. Den ganzen Bücher lesen und Filme gucken, denn sehr viele Meisterwerke des Sommers kommen endlich auf DVD raus, falls jemand heutzutage so etwas noch benutzt. Die Sportmuffel können endlich das Fahrrad stehen lassen und in das bequeme, warme und trockene Auto oder den Bus steigen. Die Dekorationsfanatiker können Müll von der Straße nach Hause schleppen, hübsch auf den Fensterbrettern arrangieren und mit vollem Recht behaupten, das sei Deko.

Man kann auch ohne schlechtes Gewissen, den flüchtigen Ostseesommer zu verpassen, mal in die Bibliothek flüchten und sich dort der Wissenschaft widmen oder einfach mal wieder arbeiten gehen, denn jetzt brauchen wir dringend das Geld für neue kuschelige-Stricksachen-und-bunte-Corthosen-Herbstgarderobe. Und dabei dürft ihr so richtig tief in den Farbtopf greifen. Habt kein schlechtes Gewissen, wie eine Ampel auszusehen, denn ihr dürft farbenfroh sein! Die neue Garderobe sollte am besten der Fantasie des Betrachters überlassen werden, denn ansonsten wird es schnell kalt.

Zu diesem freudigen Anlass kann man auch ruhigen Gewissens seine Bikini-Figur wieder ruinieren. Rein mit den ganzen Schokokeksen, Dominosteinchen, Nussküchlein, Honigbutterwaffeln und Gummibärchen! Keiner wird die kleinen Sünden an dem Adoniskörper bemerken. Und an dem Venuskörper wird kein Mensch die kleinen, fiesen Stoppeln bemerken. Wie viel Zeit bleibt endlich über, wenn man sich nicht alle paar Tage die Beine, die Brusthaare oder was auch immer rasieren muss.

„Bei Tage ist es kinderleicht die Dinge nüchtern und unsentimental zu sehen. Nachts ist es eine ganz andere Geschichte.“
Ernest Hemmingway

Im Herbst finden die besten Partys statt, denn die sind viel länger und man kann ruhig etwas mehr von dem freudigen Getränk trinken, dieses verträgt man bei kalten Temperaturen weitaus besser als in der prallen Hitze. Bleibt bis in die Morgenstund gesellig, denn es wird erst viel später hell. Und alle, die eine innere Schwermütigkeit haben, können sie auch mal raus lassen. Keiner schaut die zarten Seelchen an der kühlen Luft der tiefblauen Nacht böse an, wenn sie beim Anblick der nackten Bäume mal wieder melancholisch werden.

Und falls es mit der Traurigkeit nicht auszuhalten ist, kann man immer noch seinen inneren alten Greis ausleben und zu Halloween die kleinen Kinder erschrecken. Aber vergesst bitte nicht, sie anschließend mit Süßigkeiten zu füttern, sonst kommen die ja nie wieder. Und falls das alles nicht helfen sollte, dann hilft Wodka mit Honig und Pfeffer. Doppelte Menge! Oder das, was auch schon Ernest Hemingway geholfen hat: Sich den Herbstblues von der Seele schreiben und nicht die grüne Fee!

von Anastasia Statsenko

Foto: Madeleine Baumgart