Im Rahmen des polenmARkTes trat am 23. November die Band Karbido zusammen mit dem polnischen Schriftsteller Jurij Andruchowitsch auf. Ein Rückblick vom Konzert und ein Portrait des Projekts „Karbido & Jurij Andruchowytsch“.

Mit voller Wucht prallen mir die klangvollen, ausdrucksstarken Melodien der Band Karbido entgegen, als ich – eher ungefragt – den Konzertsaal im IKuWo während der Probe betrete. Mitten im Raum steht noch eine Leiter, emsig werkeln Techniker an den Pulten, um dem Klang den letzten Schliff zu geben. Derweil sind Karbido und Jurij Andruchowytsch akribisch darum bemüht, ihren Auftritt bis ins kleinste Detail fehlerfrei vorzubereiten.

Karbido ist eine Band aus Polen, die sich 2005 in Wroclaw gründete und sich als Nachkommen der „Yass“-Musik zählen. „Ich würde sagen, dass wir Rock machen, der kein Rock ist“, erzählt mir Marek, Bassist der Band, nachdem er einige Sekunden lang darüber nachdenken musste, wie er denn die Musik, die sie spielen, beschreiben würde. „In unserer Musik sind Elemente der elektronischen Musik, Folk, Volkslieder und der Rock-Musik enthalten. Wir mixen diese Genres dann in unseren Stücken“, beschreibt er Stil und Verfahren ihrer Kompositionen. „Wir machen alles, was außerhalb der Norm ist. Criss-Cross ist vielleicht die beste Beschreibung“, wirft Bandmitglied Tomek ein. „Wir wollen immer wieder mit unseren eigenen Regeln brechen“, ergänzt Marek. Das Ergebnis ist ein buntes Potpourri aus Liedern; ein sich in schillernder Farbenvielfalt und grenzenloser Kreativität präsentierender und zugleich immer wieder neu erfindender musikalischer Stil, deren Streben nach künstlerischer Einmaligkeit auf die Spitze getrieben wird.

Einen Tisch zum Instrument modifiziert   

Mit dem Projekt „Stolik“ (Tisch) gastierte die Band bereits einmal beim Greifswalder polenmARkT. „Bei diesem Projekt sitzen wir – so wie andere Menschen auch – an einem Tisch. Nur reden wir nicht miteinander, sondern wir machen Musik“, erläutert Tomek das Projekt. „Wir sprechen durch die Musik, mit den Instrumenten, miteinander“, wirft Marek ein. „Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen Tisch zu einem Musikinstrument zu machen?“, frage ich die Band. „Es war uns einfach zu langweilig, auf herkömmlichen Instrumenten zu spielen. Die Langeweile hatte am Ende ein solches Niveau erreicht, dass wir plötzlich auf die Idee kamen, einen Tisch zum Musikinstrument umzubauen“, erinnert sich Marek an den Ursprung des Projekts.

Ganz ähnlich war es auch bei der Zusammenarbeit zwischen der Band und dem ukrainischen Poeten Jurij Andruchowytsch. Vor sieben Jahren traten sie bei einem Lyrik-Festival in Wroclaw auf, um die dort rezitierten Gedichte musikalisch zu umrahmen. Dabei trafen sie das erste Mal auf den ukrainischen Schriftsteller. „Ich bin unglaublich glücklich, mit der Band zusammenarbeiten zu können. Sie sind sehr sensibel und nehmen eine unglaublich tiefe Interpretation meiner Texte vor“, meint Jurij Andruchowytsch, als ich mich im Anschluss des Konzertes mit ihm über das gemeinsame Projekt mit Karbido unterhalte. Tomek findet seine Gedichte sehr „musikalisch und ryhtmisch“, was sehr gut mit der Musik von Karbido zusammenpasse.

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Jurij Andruchowytsch auf der Bühne

Nach dem ersten gemeinsamen Auftritt 2005 ist zwischen der Band und Jurij Andruchowytsch – neben der musikalisch-lyrischen Trilogie „Samogon“, „Cinnamon“, „Absinthe“ – eine feste Freundschaft entstanden. „Bei unseren ersten beiden Projekten haben wir seine Lyrik ins Musikalische übersetzt; bei ‚Absinthe‘ übersetzten wir Jurijs Prosa, was wir musikalisch durch eine Mischung aus Folk und Rock umsetzten“, erzählt Marek. Zwar findet die Trilogie und damit auch das Projekt mit dem Album „Absinthe“ seinen Abschluss. Doch „jetzt wäre es traurig, sich einfach so zu verabschieden. Daher überlegen wir alle, was wir als nächstes gemeinsam machen werden“, hebt der Dichter hervor.

So wollen Band und Poet beispielsweise ein Best-of-Album des Projektes produzieren. Darüber hinaus ist bereits ein deutlich größeres Projekt zusammen mit Jurij Andruchowytsch in Planung: „Es soll eine große Show sein, ein Mix aus Oper, Spektakel, Konzert und Film. Es werden viele verschiedene Medien in einem vereinigt, und im Theater aufgeführt. Gibt es hier ein Theater?“, fragt mich Marek. „Ja klar.“ – „Das ist schön, dann können wir das Ganze dann auch in Greifswald spielen.“ Die Band spielt gerne in Greifswald. Beim letzten Mal hatten sie nur wenig Zeit, sich die Stadt näher anzusehen. Das war dieses Mal anders: „Die letzte Nacht war, zwar nicht für mich, allerdings für einige Band-Mitglieder sehr hart. Sie feierten die ganze Nacht im Mensa-Club“, erzählt Marek von den Ausflügen in das Greifswalder Nachtleben.

„Music for Buildings“, „Cage on Table“ – und was sonst noch kommt

Glücklicherweise waren am Tag darauf – zumindest schien es so – wieder alle fit. Lyrik, Musik und Film wirkten während des Auftrittes wie aus einem Guss; das Zusammenspiel aller erweckte den Eindruck, als sei es rein zufällig so gekommen, wie wir es auf der Bühne sahen. Wer jetzt stutzt, dass auf einmal der Film mit dazu kommt: Während der gesamten Show laufen im Hintergrund Filme und kurze Videoclips, die passend zu Musik und Lyrik zusammengestellt werden. „Die Filme sind erst mit der Zeit dazu gekommen“, so Marek. „Zuerst waren es alte Filme, die wir im Hintergrund spielen ließen, dann haben wir kleine Clips eingefügt. Inzwischen gestalten wir selbst eigene Videos zur Show“, erläutert Sergey Piliavets die Entwicklung des Films im Projekt. Er ist VJ Glow und Teil der Videojockey-Gruppe „Cube“ aus dem ukrainischen Iwano-Fankwisk.

VJ Glow wird auch in dem geplanten Multimedia-Projekt genau so wie bei dem letzten Teil der Trilogie „Absinthe“ eine entscheidende Rolle spielen. „Wir wollen mit ‚Absinthe‘ unserem Projekt auch eine visuelle Seite geben. Es soll auch im Kino gespielt werden können“, erklärt Marek. Sergey: „Die Menschen sollen in ein Konzert gehen, um einen Film zu sehen. Das ist der Witz der ganzen Sache.“ Ein weiterer „Witz“, nachdem sie bereits bei dem „Music for Buildings-Projekt“ öffentliche Gebäude in Musikinstrumente umwandelten. Und auch hier gibt es neue Pläne: Es soll eine Audioinstallation an die Wand der Jahrhunderthalle von Wroclaw angebracht werden, auf der sie ihre Stücke spielen wollen. Das Projekt „Stolik“ soll ebenso eine Weiterentwicklung erfahren. In „Cage on the Table“ setzen sie sich zum Ziel, die Werke von John Cage am und mit einem Tisch zu inszenieren. Genau sagen kann die Band jedoch auch nicht, wohin ihre Reise noch gehen wird. Sie hat keine gesteckten Ziele. Sie lässt sich ständig von sich selbst von Neuem überraschen. Wenn wir also fragen sollten, was als nächstes kommt: Lassen wir uns doch einfach überraschen!

von Marco Wagner

Foto: Marco Wagner