Im Beruf hat man Geld, aber keine Zeit – im Studium Zeit, aber kein Geld. Um die Kasse aufzubessern, verbringen viele ihre Abende im Callcenter. moritz hat drei Studierende getroffen, die stattdessen ihr Hobby zum Nebenjob gemacht haben.

Tim-Ole Jöhnk studiert im fünften Fachsemester Politik- und Kommunikationswissenschaft. Jeden Freitagnachmittag setzt er sich ins Auto und tauscht den Greifswalder Hörsaal gegen einen Proberaum in Kiel. Seit fünf Jahren ist er Sänger und Gesellschafter der A-capella-Gruppe „nur wir“.  Die Bandkollegen sind vier Freunde aus Kiel, die sich durch den Schulchor kennenlernten und Lust auf ihr eigenes Ding hatten. Richtig losgelegt haben sie 2007, damals noch in ganz kleinem Rahmen. Einmal die Woche zur Probe und ab und an ein Auftritt vor 20 Leuten für einen Kasten Bier und ein bisschen Spritgeld, so war der Plan. Über die Jahre wurde dann immer mehr daraus. Inzwischen hat das Quintett etwa 30 Konzerte pro Jahr vor jeweils 80 bis 120 Zuhörern. „Und die Gagen werden auch nicht mehr in Bier vergütet“, erzählt Tim-Ole lachend.

Der Spagat zwischen Uni und Job ist recht gut zu schaffen, da die meisten Auftritte am Wochenende stattfinden. Ein weiteres Plus ist natürlich, dass die Jungs ihre Zeitplanung komplett selbst in der Hand haben. Den nervigen Chef sucht man hier vergebens. „Am meisten Spaß machen aber eigentlich immer die gemeinsamen Autofahrten zu den Konzerten,“ sagt Tim-Ole, „wenn man schon mit Halsschmerzen am Auftrittsort ankommt, weil man im Auto so viel Mist gelabert und gelacht hat.“

Heute Norddeutschland, morgen die Welt

Und auch sonst hält dieser ungewöhnliche Nebenjob einige aufregende Momente bereit. Da gab es zum Beispiel das erste Konzert vor über 1 000 Leuten, an das Tim-Ole sich erinnert; ein toller Moment auf der großen Bühne. Dann der Tag, als „nur wir“ ihre erste eigene CD in den Händen hielten. Oder die erste Konzertreise nach Estland. „Plötzlich ist man verreist um da zu singen und es kommen auch noch fremde Leute, die zuhören wollen –verrückt!“
Tim-Ole gefällt sein zum Beruf gemachtes Hobby so gut, dass er große Lust hat, die Sache auch nach dem Bachelor weiterzuverfolgen. 2013 beginnt er die Arbeit mit einer anderen Gruppe. Er hat dann zwar (hoffentlich) seinen Bachlor, wird aber sein Geld als Sänger verdienen. Mit allem was dazugehört: 120 Konzerte pro Jahr, davon etwa 60 Prozent in Deutschland und der Rest im Ausland. Ein Leben „on tour“ quasi.

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Tim-Ole mit seiner A-capella-Band

Nicht immer muss man so weit reisen, um einen spannenden Nebenjob zu finden. Auch an der Uni Greifswald gibt es interessante Stellen. So zum Beispiel an der Kustodie, der kunsthistorischen Verwaltungs- und Forschungseinrichtung. Sie ist zuständig für die Akademische Kunstsammlung und die historischen Räume der Universität, durch die im Sommer mehrmals täglich Studenten verschiedenster Fächer Führungen anbieten.

Ines Glaubitz ist eine von ihnen. Am Rubenow-Denkmal wartet sie gut erkennbar durch den roten Talar, ihrem Arbeitsgewand. Von hier aus führt sie unter anderem durch die barocke Aula und den Studentenkarzer. Das nötige Wissen hat sie durch spezielle Broschüren erlernt. Außerdem war die ersten Male noch ein „alter Hase“ dabei, um im Notfall auszuhelfen, erinnert sich Ines.

So eine Stadtführung ist kein Spaziergang

Gerade im Wintersemester werden oft Führungen von Schulklassen, Reisegruppen und früheren Studenten gebucht. „Die Ehemaligen liefern sich oft Wettstreite mit uns darum, wer mehr weiß“, erzählt sie lachend.
Zur Arbeit gehört auch eine gewisse Sprachbegeisterung. Derzeit besonders gefragt sind Schwedisch und Polnisch. Ines führt in Deutsch und Englisch durch die Sammlung.

„Hier zu arbeiten ist unheimlich gut für die Selbstbestätigung.“ Schnelles und meist positives Feedback, zum Teil in Form von Trinkgeld, gehört dazu. „Das hebt meine Laune. Manchmal ist es auch anstrengend, wenn man erst 23 Uhr heim kommt und am nächsten Morgen früh raus muss.“ Probleme mit ihrem Stundenplan hat Ines aber fast nie. Wenn es mal nicht passt, kann sie ihre Kollegen um Hilfe bitten. Allzu viel verdient sie in dem roten Gewand nicht, es ist eher ein Saisongeschäft. Für Studenten, die auf ein Zusatzeinkommen angewiesen sind, fällt die Touristenführer-Nummer flach. Wer sich aber in dem Beruf ausprobieren möchte und Spaß daran hat, wird auf seine Kosten kommen. Neue Leute sucht die Kustodie über Aushänge. So fand auch Ines ihren Weg zum Job. Sie absolvierte zunächst ein Praktikum im Rahmen ihres Kunstgeschichtsstudiums und bewarb sich später auf die Stelle. Wenn möglich, möchte Ines das Ganze bis zum Bachelor weiterführen. „Meine Zukunftspläne ziehen mich an andere Unis. Dort würde ich aber gerne wieder etwas Ähnliches machen.“

Nicht nur Nebenberuf, sondern Ehrenamt

Einen ganz anderen Weg hat Kunigunde Baldauf eingeschlagen. Die 24-jährige Masterstudentin im Fach Nachhaltigkeitsgeografie und Regionalentwicklung gelangte über einen Auslandsaufenthalt an ihren derzeitigen Job. Während ihrer Bachelorzeit reiste Kunigunde mit weltwärts für zwei Monate nach Thailand. Weltwärts, das ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Er unterstützt junge Menschen finanziell bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit in Entwicklungsländern. Für Kunigunde war es damit jedoch nicht getan. Seit ihrer Rückkehr engagiert sie sich in der pädagogischen Betreuung anderer Teilnehmer und deren Vorbereitung durch Workshops und Seminare. Dazu kommt seit Kurzem auch die Ausbildung neuer Seminarleiter. Die Veranstaltungsorte sind in ganz Deutschland verstreut. Da muss schon mal der eine oder andere Dozent auf Kunigunde verzichten, was in der Regel jedoch kein Thema ist. „Die Kurse sind relativ klein, da kennt man die Profs ja meist persönlich. Und die freuen sich eigentlich immer, wenn man sich für eine Sache engagiert.“

Ihre Anfahrten bekommt die 24-jährige erstattet, zusätzlich gibt es eine Aufwandsentschädigung. Leben kann man davon nicht, aber das ist ja auch nicht die Idee hinter gemeinnütziger Arbeit. Für Kunigunde bedeutet ihr Job vor allem Spaß. „Das Schönste ist, wenn man die Leute bei ihrem Vorhaben begleiten kann“, sagt sie, „wenn man sie vorher und nachher trifft und sieht, wie sie selbst daran gewachsen sind.“ Als Hauptberuf kommt die Arbeit bei weltwärts aber vorerst nicht infrage, „da steht zu viel Öffentlichkeitsarbeit an, das ist nicht so mein Ding.“ Nebenbei will Kunigunde ihre Tätigkeit jedoch gerne so lange wie möglich weiterführen. „Ehrenamtliches Engagement lässt leider nach, obwohl es so wichtig ist“, beklagt sie. Damit anzufangen, sei doch eigentlich nicht schwer.

Ob nun Sänger, Tourguide oder Projektbetreuer – eines haben unsere drei Befragten gemeinsam: den Spaß an ihrer Arbeit. So ein Job, der wirklich interessiert, ist doch eigentlich der größte Wunsch aller zukünftig Berufstätigen – abgesehen von Lottogewinn und Sofortrente vielleicht. Und ob das Studium dafür nun die Wissensgrundlage oder einfach nur den Zeitrahmen bietet, das kann jeder Student für sich entscheiden.

von  Laura Hassinger und Lisa Sprenger

Foto: Lisa Sprenger