Zwischen der Klosterruine Eldena und dem Elisenhain trifft man auf eine kleine, fast schon unscheinbare Naturoase. Hier versammeln sich große wie auch kleine Menschen, um zu lernen mit der Natur zu leben.

Das Blätterdach der hundert Jahre alten Bäume auf dem Gelände des Naturkindergartens „15 Feuersteinchen“ in Eldena gleicht im Sommer der Kuppel einer Kathedrale. Im Inneren stehen Holzbauwagen, um welche kurz nach 14 Uhr noch vereinzelt Kinder spielen, während wir uns nähern. Karin und Torsten empfangen uns freundlich. Die Erzieherin und der Sozialpädagoge betreuen seit Frühjahr 2012 die 15 Feuersteinchen und sind damit sichtlich zufrieden. „Ich wüsste gar nicht, wem es hier langweilig werden kann“, so Torsten. Er führt uns gemeinsam mit Christina, der Vorstandsvorsitzenden des Naturkindergarten Greifswald e.V., durch den etwas anderen Kindergarten.
Vorbei am Gemüse- und Kräutergarten stehen wir auf einmal unbemerkt auf dem Frühstückshügel. Dabei handelt es sich um einen Berg von Laubblättern, die als Wärmedämmung in der kalten Jahreszeit dienen sollen. Zusammen mit einer Picknickdecke wird hier jeden Morgen gefrühstückt. Vorher läutet eine Messingglocke die Morgenrunde ein. Ein tägliches Ritual, bei dem die Kinder sich begrüßen und Lieder singen. Als wir weiter gehen, treffen wir unter dem ältesten Baum des Geländes eine Feuerstelle. Hier lernen die Kinder den Umgang mit dem Feuer beim gemeinsamen Kochen.

Die restlichen Feuersteinchen werden von ihren Eltern abgeholt und wir besichtigen das Innere der zwei Bauwagen, in denen sich jeweils ein kleiner Ofen befindet. Auch, wenn es bei einem Naturkindergarten darauf ankomme den Aufenthalt nach draußen zu verlagern, stehe es den Kindern frei auch hier drinnen Ruhe zu finden und es sich gemütlich zu machen, erzählt uns Karin. Währenddessen sitzen wir gemeinsam in der spätherbstlichen Umgebung auf der buntgeschmückten Veranda und erfahren mehr über das Projekt „15 Feuersteinchen“. Christina berichtet, dass im Jahre 2008 der Trägerverein Naturkindergarten Greifswald e.V. gegründet wurde. „Das ging aus einer Elterninitiative hervor. Wir waren zum größten Teil Studenten, die sich für ihre Kinder einen Kindergarten gewünscht haben, in dem sie jeden Tag in der freien Natur sein können. Wir sind der Überzeugung, dass so eine Einrichtung einen wichtigen Beitrag für die gesellschaftliche Entwicklung der Kleinen leisten kann, denn hier findet Bildung für nachhaltige Entwicklung ganz elementar statt.“

Den Kindergarten gibt es aber erst seit 2010. Die Vorsitzende erzählt ganz offen: „Es gab einen Kern, der diese zwei Jahre Gründungsphase durchgehalten hat. Diese Zeit war nicht immer einfach.“ Es war schwierig einen passenden Standort zu finden. Da ein reiner Waldkindergarten in Eldena aufgrund des Schutzstatus´ des Elisenhains nicht möglich gewesen wäre, einigte man sich darauf, einen Naturkindergarten nach Art eines Waldkindergartens zu gründen. Das bedeutete, auf feste Gebäude zu verzichten und den Kindergarten stattdessen mobil zu machen: Mit Wasser, Proviant und Sicherheitsausrüstung in Bollerwagen und Rücksäcken verstaut, können die Feuersteinchen und ihre Begleiter jeden Tag losziehen und den Vormittag am Ort ihrer Wahl verbringen, wie dem kleinen Park hier, Wald, Wiese und Strand.

„Sie sind dann die Biene“

Doch auch nach Inbetriebnahme waren weitere Hürden zu meistern. Mit einer Umstellung vom Ganztags- auf Teilzeitbetrieb hat der Naturkindergarten gerade einen zweiten Neuanfang gewagt. Aus ehemals 15 werden in den nächsten Monaten 17 Feuersteinchen. Doch was gibt es noch für Unterschiede zum Standardkindergarten? „Wir leben mit der Natur und müssen aufmerksam schauen, was uns die Natur neues bietet, da wir hier keine Spielzeuge haben“, so Karin. Dabei ist es den Pädagogen wichtig, dass die Kinder auf spielerische Weise lernen Teil der Natur zu sein und diese zu schätzen. „Wir müssen ihnen im Sommer nicht erklären, wie die Biene den Honig sucht, sondern sie sind dann die Biene und suchen den Honig. Sie spielen es. So wie man in anderen Kindergärten das gesellschaftliche Leben als Spiel hat, haben wir hier viele Naturinhalte“, erzählt die Erzieherin weiter. Der gemeinsame Aufenthalt im Freien und das Erleben der Grenzen fördere im besonderen Maße auch das Sozialverhalten der Kinder. „Einmal hatten wir ein mächtiges Gewitter: Ein großer Knall und die Kinder kamen aus allen Ecken angerannt! Sofort haben sie geschaut, wer noch fehlt, ob alle da sind.“  Torsten ist begeistert davon, wie sich die motorischen Fähigkeiten der Kinder durch die Bewegung im freien Gelände besser entwickeln. Außerdem spräche für einen Naturkindergarten, dass das Immunsystem durch den Aufenthalt im Freien gestärkt würde. „Jedes Kind kriegt hier mindestens jeden Tag sechs Stunden Sonne, frische Luft und reichlich Bewegung“, meint Torsten.

Untersützung durch die Eltern

Die Kinder und ihre Eltern erhalten eine individuelle Betreuung, da für 17 Kinder nicht nur ein Erzieher zur Verfügung steht. Zurzeit sind es zwei Betreuer. Wie auch andere Erzieher in Mecklenburg-Vorpommern (MV) erhalten die beiden keinen hohen Lohn. „Denn zwei Fachkräfte zu finanzieren, ist aus Sichtweise des Kindertagesförderungsgesetzes MV nicht vorgesehen, da Waldkindergärten nicht mitbedacht wurden“, erklärt uns Christina. Das Projekt finanziert sich neben der üblichen staatlichen Unterstützung auch über das ehrenamtliche Engagement der Eltern, wie Putzdienste und praktische Arbeit. Der Naturkindergarten in Greifswald ist erst der zweite dieser Art in MV. Um es zukünftigen Gründungsinitiativen leichter zu machen, wurde im Mai dieses Jahres eine Netzwerkstelle zur Förderung der Naturpädagogik ins Leben gerufen. Diese ist Anlaufpunkt für alle Einrichtungen mit naturpädagogischem Konzept. Ganz unter dem Motto: „Kinder brauchen die Natur, weil sie Teil von ihr und Gestalter des Lebens sind. Jetzt und künftig“.

von Ulrike Günther und Katharina Stegelmann

Foto: Privat