Deutschland hat im Wintersemester 2012/13 einen neuen Studierendenrekord erreicht. Laut dem Statistischen Bundesamt sind derzeit circa 2,5 Millionen Menschen an deutschen Universitäten immatrikuliert. Die Universität Greifswald verzeichnet aktuell 11 736 von ihnen. Im Vergleich zu 2011 mit 12 452 Studenten ist hier trotz neuem Rekord ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Aktuell machen ausländische Studenten etwa 5 Prozent aus, 741 um genau zu sein. Am stärksten vertreten sind Polen und China, doch auch aus zahlreichen anderen Ländern haben sich junge Menschen für ein Studium an der hiesigen Universität entschieden. Insgesamt sind 89 Länder vertreten, darunter auch Ägypten, Ghana, Usbekistan oder Tadschikistan. Die Beweggründe nach Greifswald für ein Studium zu kommen sind ganz unterschiedlich, ein paar Studierende haben uns im Portait ihre Geschichten erzählt. Die Fotos machte Philipp Gaube, die Portraits schrieb Johannes Köpcke.

von Laura-Ann Schröder

Grafik: Daniel Focke

Roaa Atef (19) aus dem Jemen

mm102_Universum_14_Jemen_PhilippAus dem Jemen in die USA für ihren Schulabschluss, dann ging es nach Deutschland ins Studienkolleg und anschließend direkt weiter zum Medizinstudium nach Greifswald: In jungen Jahren ist Roaa schon sehr viel herumgekommen. Meistens fliegt sie nur einmal im Jahr nach Hause zu ihrer Familie. Seit mittlerweile vier Jahren hat sie keinen der großen Feiertage im Jemen mit den Eltern gefeiert. Gerade am Anfang fiel es ihr schwer in Greifswald Fuß zu fassen, da alles so übersichtlich sei. Es fehlte immer etwas. Mittlerweile sieht sie das anders: „Die Leute hier sind sehr freundlich und helfen jederzeit. Außerdem kann ich mich auf das Studium konzentrieren, weil es kaum Ablenkungen gibt.“ Die vielen neuen Freunde haben den Einstieg für Roaa immer leichter gemacht. Finanziert wird sie unter anderem durch ein Stipendium ihres Heimatlandes. Roaa liebt es Unbekanntes zu entdecken. Auf der Liste stehen definitiv noch Frankreich, Italien und Afrika. „Wer weiß, wo es mich als nächstes hin verschlägt.“

 

Carlos Idrobo (33) aus Kolumbien

mm102_Universum_14_Kolumbien_Philipp„Ich wohne quasi in der Universitätsbibliothek“, berichtet der Promotionsstudent aus Cali. Im Sommer hat er angefangen für die Arbeit zu recherchieren, jetzt wird in der Kunstgeschichte geschrieben. Aber Kunstgeschichte ist bei weitem nicht alles, was Carlos die Jahre über studiert hat. Klassische Gitarre lag ihm nicht so ganz, also wurde es ein Diplom in Psychologie. Anschließend folgte ein Master in Philosophie in Bogota. Schon dort wurde ihm klar, dass er unbedingt promovieren möchte. Ausgerechnet aus Greifswald erhielt er von einem Professor eine Zusage für ein Forschungssemester in der Philosophie. Daran schloss sich jetzt die Promotionsarbeit in der Kunstgeschichte an. Allerdings fiel es Carlos gerade am Anfang schwer in Deutschland, da er die Sprache noch nicht konnte. Nur ein paar Grundkenntnisse brachte er mit. Das ist nun anders: Jetzt verdient er sein Geld damit, an den Volkshochschulen in Stralsund und Greifswald anderen seine Heimatsprache Spanisch beizubringen. Der Hobbyfotograf mag Greifswald, da er hier das findet, was er für seine Forschung braucht. Sein Thema ist nämlich Caspar David Friedrich. Doch er vermisst den Tanz: „Cali ist bekannt als Stadt des Salsa.“ Nach der Promotionsarbeit träumt Carlos auch von einer Habilitation. Doch eigentlich hat er noch einen anderen Traum: „Ich möchte gerne Schriftsteller werden.“

Caner Özer (20) aus der Türkei

mm102_Universum_14_Türkei_PhilippDer gebürtige Bulgare ist bereits mit sieben Jahren nach Istanbul gezogen und dort aufgewachsen. Für ihn stellte sich 2007 die Frage, auf welche Schule es ihn verschlagen würde. Eigentlich wollte Caner gerne auf eine französische Schule – letztendlich ist es aber eine deutsche geworden. Nun hat er einen riesigen Vorteil, denn Caner konnte zwei Abschlüsse machen. Mit dem deutschen Abitur in der Tasche hat er sich für das Medizinstudium beworben und seit Oktober einen Platz in Greifswald. Nach dem Leben in der größten europäischen Stadt ist es für Caner manchmal noch etwas ungewohnt in der kleinen Hansestadt. Allerdings freut er sich darüber, dass die Wege hier so kurz sind. „Es ist zwar nicht die schönste Stadt, aber mir gefällt es hier.“ Als er den Platz in Greifswald annahm, fiel ihm auch wieder ein, dass eine seiner Lehrerinnen einmal von der Uni hier erzählt hatte. Er finanziert sein Studium über ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes. Von daher überlegt er auch nach dem Abschluss hier zu bleiben: „Mein Leben und Studium wird von Deutschland finanziert, also warum nicht etwas zurückgeben?“

 

Krista Pärtel (25) aus Estland

mm102_Universum_14_Estland_PhilippGreifswald ist eine Partneruniversität der Uni in Tartu. Von daher war die Entscheidung ziemlich einfach, wo es hingehen sollte: Für ein Semester ist Krista nach Deutschland gekommen, um im Rahmen ihres Masters in Erziehungswissenschaft ein wenig andere Luft zu schnuppern. „Greifswald bietet viele interessante Seminare in meinem Bereich.“ Bereits während des Bachelors in Tallinn war sie für ein Semester in Deutschland. Damals war es Köln über das Erasmus-Programm. Ihr derzeitiger Aufenthalt in Greifswald läuft über einen bilateralen Austausch.  Aktuell fühlt sich Krista sehr wohl an der Universität. Die Hansestadt gefällt ihr sehr gut und gerne geht sie ins IKuWo. Zum einen sei es gemütlich und zum anderen seien die Leute dort sehr nett. „In meiner Heimat haben wir auch solche Kneipen.“ Allerdings vermisst Krista etwas dann doch sehr: „Die Sauna fehlt mir bisher am meisten.“

 

mm102_Universum_14_Lettland_PhilippRūta Brusbārde (21) aus Lettland

Mit dem Stipendium des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes im Rücken hat Rūta beschlossen, nach ihrem Bachelor in Riga das weiterführende Studium in Deutschland anzutreten. Seit Oktober ist sie nun in Greifswald und möchte hier ihren Master in Hansegeschichte absolvieren. Dass es ausgerechnet hierher kam, hatte für Rūta eigentlich zwei Gründe: „Zum einen kann ich hier genau den Schwerpunkt studieren, den ich gesucht habe. Andererseits lebt auch mein Freund hier.“ So könne sie optimal ihr Studium mit der eigenen Liebesgeschichte verknüpfen, sagt sie und  lacht dabei. Ihren Freund hat sie in Riga kennengelernt und wohnt nun auch mit ihm zusammen. Bereits seit der Schule lernt die Studentin deutsch und war im Rahmen ihres Bachelors für ein Semester in Bremen. Allerdings gefällt ihr Greifswald deutlich besser. Sehr gerne ist sie in Wieck: „Es ist so schön klein und ruhig. Außerdem kann man die Mole entlang spazieren.“

mm102_Universum_14_Polen_Philipp

 

Grzegorz Lisek (27) aus Polen

Bereits seit 2007 ist Grzegorz in Deutschland. Erst ein Semester in Halle an der Saale und danach verschlug es ihn in den Norden nach Greifswald. In seiner Heimatstadt Poznań hat der Promotionsstudent einen Bachelor in angewandter Linguistik erworben. Den Master schloss Grzegorz bereits in Greifswald in Sprache und Kommunikation ab. In der Zeit war für ihn schon klar, dass er auch hier promovieren möchte. Sein Thema ist Sprachpolitik – ein Vergleich zwischen der deutschen und der polnischen Sprache. Die Arbeit ist eingereicht, jetzt wartet nur noch die Verteidigung. „Ich fühlte mich jederzeit gut betreut“, blickt er auf seine Arbeitszeit zurück. Seit zwei Jahren ist Grzegorz Bogislaw-Stipendiat. Er ist der erste ausländische Student, der einen der Plätze bekam, die im Moment mit 1 100 Euro im Monat unterstützt werden. Greifswald gefiel ihm recht schnell: „Aus den gegebenen Bedingungen macht die Universität das Beste.“ Besonders überzeugen ihn natürlich die kurzen Wege ohne langes Straßenbahn fahren wie in der Heimat. Grzegorz vermisst mittlerweile nur noch ein paar Kleinigkeiten: „Am Anfang fehlte mir die menschliche Wärme. Greifswald ist erst recht harsch, aber wenn man das durchbricht, fehlt es nicht mehr.“