Nachdem Professor Heyo Kroemer die Universitätsmedizin im September verließ, wurde Professor Reiner Biffar als Dekan bis zur nächsten Wahl 2014 eingesetzt. Er berichtet dem moritz über seine ersten und kommenden Aufgaben.

Biffar

Professor Reiner Biffar (56)
ist der jetzige Dekan der Universitätsmedizin und fragt sich, warum noch keine Universitätsfliege eingeführt wurde

Was war Ihre erste Aufgabe als Dekan?
Das ist schwer zu unterscheiden, was meine erste Aufgabe als Dekan war, denn als Prodekan habe ich an vielen Themen mitgearbeitet (lacht). Ja, eigentlich führte ich zuerst Gespräche mit den Kollegen der Projekte, an denen Heyo Kroemer gearbeitet hatte, um da den Anschluss zu bekommen. Im Bereich der Community Medicine hatte ich ja einen besseren Überblick als vormaliger Sprecher des Forschungsverbundes Community Medicine.

Sie sind jetzt seit 14 Jahren abwechselnd Dekan und Prodekan. Wie oft wurden Sie schon als Dekan eingesetzt?
Ich hatte eine kurze Periode von einem Jahr und eine volle von zwei Jahren als Dekan. Ich war auch derjenige, der das Amt des Dekans an Heyo Kroemer übergab. Es hat etwas Paradoxes, dass ich derjenige bin, der ihn wieder beerbt (lacht).

War es für Sie eine leichte Entscheidung, dieses Amt anzutreten?
Natürlich ist das eine Entscheidung, die man nicht einfach so trifft. Ich hatte mich in der Wahlperiode als Vertreter aufstellen lassen. Nach Heyo Kroemer erhielt ich das zweithöchste Ergebnis in der Fakultätsratswahl, sodass es für mich auch eine gewisse Verpflichtung war, das Amt zu übernehmen, als Mitglieder der Fakultät anfragten. Man kann sich nicht als Vertreter einsetzen lassen und dann nachher kneifen.

Was verlockte Sie, diese Posten zu übernehmen?
Es ist einfach eine interessante Aufgabe, eine solch vorwärts strebende Universitätsmedizin, die sich ein bisschen anders verhält als andere in diesem Bundesgebiet, mitzugestalten. Deswegen bin ich all die Jahre auch dabei geblieben, weil es einfach interessant ist und über das hinausgeht, was man an anderen Orten machen kann.

Was meinen Sie mit „die sich ein bisschen anders verhält“?
Wir sind deutlich vernetzter, haben wesentlich weniger Differenzen als andere Fakultäten und eine klare Mission, wo wir hin wollen. Unter dieser Mission können sich alle vereinigen und einen Weg gehen, der dann auch erfolgreich ist.

Und die Mission lautet?
Die Community Medicine und die molekulare Medizin immer enger miteinander zu verweben, um dann eine flächendeckende Versorgung mit einer stärker individualisierten Medizin zu entwickeln und zu sichern, die auch zukunftsfest ist. Dies sichert eine weltweit anerkannte Forschung, eine hohe Reputation in der Lehre und eine Versorgung zum Wohle der uns anvertrauten Patienten. Außerdem wollen wir Greifswald kontinuierlich als Wissenschaftsstandort ausbauen.

Kommen Sie als nebenamtlicher Dekan noch dazu, zu lehren und zu forschen?
Ja, ich habe einen klaren Wochenablauf. Und ich lege Wert auf meine drei halben Behandlungstage. Die ich auch nach wie vor habe, da bin ich einfach nur Fami-lienzahnarzt (lacht). Meine Lehre erfülle ich ganz genau so wie vorher auch. Mehrere Forschungsprojekte leite ich in meiner Einrichtung. Es ist halt zeitlich ein enges Korsett, aber es geht.

Glauben Sie, dass Ihr Nachfolger neben der Dekanstätigkeit noch Zeit für Lehre und Forschung haben wird?
Es zeigt sich schon, dass diese Tätigkeit im Nebenamt eigentlich nur schwer zu erfüllen ist. Deswegen ist auch der Wunsch der Fakultät, das später einmal anders zu gestalten, verständlich. Man kann nicht 100 Prozent in beiden Welten präsent sein.

Wenn ein Nachfolger im Jahr 2014 gewählt wird, soll dieser dann ein hauptamtlicher Dekan sein?
Das obliegt der Fakultät, dies zu entscheiden, das ist keine Entscheidung, die ich fälle. Ich habe den Auftrag, das vorzubereiten.

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit den anderen Fakultäten, der Universitätsleitung und dem Land in den zwei Jahren vor?
Weiterhin so gut, wie es bisher war. Es ist eine gedeihliche Zusammenarbeit. Da ich als Prodekan immer und bis zum Antritt als Dekan auch Senator war, sind natürlich für mich die Themen der Hochschule insgesamt recht transparent und das möchte ich gerne so weiterführen. Und vielleicht gelingt es mit dem Land, das Vertrauensverhältnis so wie in der Vergangenheit zu erhalten. Ich hoffe, dass es genauso weitergeht wie bisher.

„Dann bin ich einfach nur Familienzahnarzt“

Welche Aufgaben stehen in den nächsten Monaten an?
Es gibt eine ganze Reihe von Projekten, die wir angehen müssen. Wir müssen es schaffen, die Bereiche Forschung und Krankenversorgung immer stärker miteinander zu verknüpfen. Ein zentraler Schwerpunkt ist dabei das Kompetenzzentrum für epidemiologische und klinische Studien.  Vielfältige Verbindungen in Richtung studentische Lehre, Weiter- und Fortbildung der Mitarbeiter sind dabei zu bedenken und zu entwickeln. Qualitätssicherung und -management von Untersuchungen sind wichtige Themen. Aber auch das Vorhalten von vielfältigen Methoden und einer modernen Infrastruktur mit Biobank, Genomforschung, Bildgebung, etc. Es muss aber auch die Frage adressiert werden, welche Forschungsprojekte der nächsten Zeit eigentlich aus Greifswald heraus zu bewältigen sind. An den derzeit ausgelobten Förderungen sollte sich Greifswald aufgrund der Themen an fast jeder zweiten beteiligen, weil wir in diesen Gebieten jeweils arbeiten. Im Bereich der Lehre ist für mich ganz klar, dass die Verbindung zwischen dem, was wir in der Flächenversorgung erforschen und umsetzen wollen sich im Studium genauso widerspiegeln muss. Wir müssen den Studierenden Skills und Wissen, die über die Sichtweise des niedergelassenen Arztes hinausgehen, vermitteln. Das Greifswalder Alleinstellungsmerkmal Community Medicine mit Individualisierter Medizin und assoziierter Forschung sind Denkweisen der Zukunft, die wir auch für die Studierenden unterfüttern müssen. Denn wir werden immer weniger als Ärzte in Einzelpraxen arbeiten; wir werden vernetzt arbeiten müssen, um in der Fläche die ärztliche Versorgung der Bevölkerung sicherstellen zu können. Der Arzt vor Ort muss am kontinuierlichen Wissensfortschritt partizipieren können. Dazu muss man Studierenden heute die Skills an die Hand geben, damit sie das auch können. Man muss also heute schon visionär sein, um in der Ausbildung auf das zukünftige Aufgabenspektrum vorzubereiten.

Gibt es in diesem Zusammenhang weitere Planungen inwieweit die Community Medicine ausgebaut werden soll?
Es gibt immer viel mehr Ideen, als man umsetzen kann (lacht). Die Zeit ist ganz schön knapp. Und dann sind da auch andere um Greifswald herum mit ihren Ideen, mit denen man sich abgleichen sollte. Aber der Greifswalder Weg, über Community Medicine und Molekulare Medizin eine individualisierte Medizin zu entwickeln, ist und bleibt einfach spannend. Wir haben viel vor.

„Eine Spinne im Versorgungsnetz der Region“

Wo sehen Sie die Universitätsmedizin in zehn Jahren?
In zehn Jahren sehe ich sie als eine Spinne im Versorgungsnetz dieser Region. Und diese Region hat einige strukturelle Probleme und die Universitätsmedizin sollte mit dem heutigen und hier entwickelten Wissen ein Problemlöser sein. Gleichzeitig kann sie damit genau das, was sie als Alleinstellungsmerkmal in der Region hat, herauskehren: die Verbindung von Forschung, Lehre und Krankenversorgung. Das ist das, was wir in der Lehre vermitteln und was unsere Reputation für Studierende weiter steigern wird. Das ist aber auch die Triebfeder für eine international sichtbare Forschung, weil wir an Krankheitsbildern und Krankheitssituationen arbeiten, die eine hohe Verbreitung haben. Es passt eigentlich wie Zahnräder alles ineinander. In zehn Jahren rechne ich damit, dass wir noch wesentlich zentraler in der Versorgungslandschaft in Vorpommern stehen, als wir es jetzt schon tun und dass genau dies der Nährboden und die Triebfeder für unsere weltweit hoch beachtete Forschung – von der Grundlagenforschung bis zur bevölkerungsbasierten Forschung – ist.

von Katrin Haubold, Anne-Marie Martin  und Corinna Schlun

Foto: Simon Voigt