Rezension

So einen Flüchtlingsroman gab es noch nie. „Hanumans Reise nach Lolland“ erzählt die Geschichte zweier Flüchtlinge, die in einer dänischen Provinz Halt auf ihrem Weg nach Amerika machen. Der Inder Hanuman und der Este Sid sind zwei Kleinkriminelle, die sich illegal in einem Asylantenheim aufhalten. Auf der ewigen Flucht und immer wachsam vor der Polizei und den ihrer Meinung nach viel zu peniblen Einheimischen, versuchen sie sich durchzuschlagen. Die beiden sind Überlebenskünstler, auch wenn sie dafür einen Toten plündern oder ihre Körper verkaufen müssen. Hauptsache sie bleiben am Leben. Geprägt wird die Erzählung durch die konfusen Selbstgespräche Hanumans. Dieser zeigt uns geradezu brutal die Makel unserer Gesellschaft. Ob es die dänische Königin, Religion, die schleichende Bürokratie oder einfach nur die Landschaft ist.

„Amerika bedeutet für alle der Himmel. Dieser erbärmliche Archetyp umfasste das Feuer des Prometheus, den großen Weiblichkeitskomplex, den ewigen Koitus und den Ödipuskomplex, alles auf einmal, einfach alles!““

Der Autor Andrej Iwanow ist selbst Este und hat jahrelang in Skandinavien gearbeitet, unter anderem auch in einem Flüchtlingslager. Sein Roman ist etwas Neues, Kontroverses. Sid und Hanuman wollen sich nicht zurechtfinden, nicht anpassen. Sie verurteilen alles, ohne es zu hinterfragen. Iwanow formuliert seine Gesellschaftskritik mit Hilfe seines tiefschwarzen Humors. Streckenweise artikuliert Iwanow diesen zu schwarz, zu ausführlich und zu abwertend. Dabei scheut er sich auch nicht davor, seine Protagonisten zu tadeln.

„Außer dass der, dessen Dorf ruhig schläft, im Lager nicht ruhig schläft, weil man ihn einfach nach Hause schicken kann, sodass er den, dessen Dorf abgefackelt wurde, geradezu beneidet und heimlich träumt, dass auch sein Dorf niedergebrannt werden möge.“

„Hanumans Reise nach Lolland“ ist eine bitterböse Erzählung, die von obszönen Bemerkungen nur so prunkt. Über viele davon schmunzelt man. Der Rest ist einfach zu viel und man ekelt sich weiterzulesen. Der Einblick in die Welt der Flüchtlinge, die traurig vor sich dahinsiechen in den Flüchtlingslagern, wartend auf einen positiven Bescheid, rüttelt den Leser auf. Dieses Milieu ist neu, unerforscht und unbeliebt, denn es beschäftigt sich mit den Menschen, die am Boden liegen und sich wahrscheinlich auch nicht mehr aufrichten werden. Allein aus diesem Grund lohnt es sich dieses Buch zu lesen. Doch gewarnt sei vor einem voreiligen Weihnachtskauf. Bei diesem Buch muss man sich hundertprozentig sicher sein, dass der Beschenkte diese Art Humor versteht und mag.

von Anne Sammler

Foto: © Antje Kunstmann