Hinsichtlich des Umgangs mit dem Klimawandel gibt es mehrere Möglichkeiten, eine davon ist bisher weitestgehend unbekannt: Die technische Manipulation des gesamten Klimasystems, genannt „GeoEngineering“.

Viele haben wahrscheinlich noch nie etwas von „Geo-Engineering“ oder auch „Climate Engineering“ gehört. Kein Wunder, denn die Debatte darum beschränkt sich momentan auf einen kleinen Kreis von Wissenschaftlern.
Der Begriff Geo-Engineering bezeichnet die großskalige Implementierung von Maßnahmen beziehungsweise von bestimmten Technologien, welche den menschlich verursachten Klimawandel symptomatisch kompensieren oder ursächlich bekämpfen sollen. Geo-Engineering ist damit neben einer drastischen atmosphärischen CO2-Reduktion oder bestimmten Anpassungsstrategien an den Klimawandel eine dritte klimapolitische Maßnahme, um negativen Auswirkungen einer Erderwärmung entgegenzuwirken. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Methoden, welche sich in Bezug auf ihr Risikopotential, die Art und Dauer ihrer Anwendung, der zu erwartenden Wirksamkeit und der entstehenden Kosten voneinander unterscheiden. Es gibt zum einen die sogenannten Carbon-Dioxide-Removal (CDR)-Methoden, bei deren Anwendung die Senkung der atmosphärischen CO2-Konzentration – als Ursache der Erderwärmung – intendiert ist. Andererseits existieren Maßnahmen, welche den Strahlungshaushalt der Erde manipulieren sollen, um der Erderwärmung entgegenzuwirken. Diese Methoden werden dem Begriff Solar Radiation Management (SRM) untergeordnet.

CDR-Maßnahmen sind beispielsweise Aufforstung und Moorschutz, die technische CO2-Filterung aus der Luft oder Erzeugung von Biokohle durch organisches Material. CDR wird in einer Sondierungsstudie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Vergleich zu SRM als nachhaltiger eingestuft, da durch die Kohlendioxid-Senkung die Ursachen der Erderwärmung direkt bekämpft werden. Jedoch sind die meisten Methoden nicht effektiv genug oder müssten über einen sehr langen Zeitraum angewendet werden, um das CO2 drastisch zu eliminieren. Unter anderem deswegen fokussiert die Forschung besonders auf SRM-Technologien. Mögliche Maßnahmen sind beispielsweise die Vergrößerung von Wolken- und Oberflächenalbedo, das heißt es wird das Rückstrahlungsvermögen von nicht selbst leuchtenden Flächen vergrößert; in diesem Fall, um das auf die Erde fallende Sonnenlicht zurückzustrahlen, zum Beispiel durch das Weißen von Häuserdächern. Des Weiteren könnten weltraumgestützte Reflektoren das eintreffende Sonnenlicht ins Weltall zurück spiegeln oder aber Sulfat-Aerosole, ein Gemisch, welches unter anderem aus dem Trägergas Schwefelwasserstoff oder Schwefeldioxid besteht, werden in die Stratosphäre eingebracht, um die auf die Erde ankommende Sonneneinstrahlung zu verringern. Vor allem die letztgenannte Maßnahme wird momentan von Wissenschaftlern ernsthaft diskutiert.

Eine Frage der Moral?

Die Debatte um Geo-Engineering beziehungsweise Sulfat-Aerosol-Geo-Engineering beinhaltet viele Aspekte wie ihre technische Umsetzung, ihre rechtliche und politische Legitimität oder moralische Fragen. Vor allem der letztgenannte Punkt betrifft die Problematik, welche Staaten Sulfat-Aerosol-Geo-Engineering durchführen dürfen. Befürworter der Anwendung führen an, dass diese Methode den Vorteil eines unilateralen Einsatzes aufweist. Doch genau diese Möglichkeit zum Alleingang wirft die Frage auf, ob dieser moralisch gerechtfertigt werden kann; vor allem, wenn man beachtet, dass jeder Betroffene zum einen über Geo-Engineering informiert werden und zum anderen darüber mit-entscheiden sollte. Darüber hinaus ist unklar, welche Staaten oder Staatenbündnisse politisch und rechtlich zu einer Durchführung legitimiert sein sollten und welche internationale Instanz über solche Fragen entscheiden kann. Die politische Realität zeigt vor allem bei den Klimaverhandlungen, dass meistens die reichen Industriestaaten, geleitet von ihren Interessen, derartige Diskurse dominieren. Wäre es also gerecht, wenn eine Staatengemeinschaft, zum Beispiel bestehend aus den USA, Deutschland und England, sich für den Einsatz dieses großtechnischen Eingriffs entscheidet?

Ein weiterer bisher unklarer Aspekt ist, welche Rolle Geo-Engineering im Portfolio der klimapolitischen Maßnahmen – neben Klimawandel-Anpassung und der CO2-Reduktion – einnimmt und in welchem Verhältnis die drei zueinander stehen. Soll die Weltgemeinschaft primär eine Kohlendioxid-Reduktion betreiben oder vielmehr in die Erforschung von Geo-Engineering investieren? Könnte Geo-Engineering nicht als Notfall-Option erst einmal erforscht und nur implementiert werden, wenn sich herausstellt, dass unsere CO2-Reduktionsbemühungen nicht ausreichend sind? Kann oder darf man Geo-Engineering erforschen?

Auf Seiten der Geo-Engineering-Proponenten gibt es einerseits Befürworter der Erforschung dieser Methode, welche ihre Durchführung jedoch momentan nur als Notfallmaßnahme verstehen. Andererseits argumentieren andere Befürworter, dass die Klimamanipulation sehr viel kostengünstiger sei, als jede Strategie zur Kohlendioxid-Reduktion, weshalb Sulfat-Aerosol-Geo-Engineering zum einen erforscht und zum anderen auch angewendet werden sollte.
Klar ist jedenfalls: Die komplexe Wirkung des Klimasystems ist längst nicht vollständig erforscht und die konkreten Auswirkungen eines großskaligen technischen Eingriffs nicht bekannt. Dies verdeutlichte auch Doktor Hauke Schmidt vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg in seinem Vortrag zu Geo-Engineering am 10. Januar 2013 am Physikalischen Institut. Das Resultat seines dreijährigen Forschungsprojektes ist außerdem, dass wir durch solch einen Klimaeingriff kein historisches Klima wiederherstellen können; regional wird das Wetter anders sein als vorher und vor allem Niederschlagsmuster könnten sich stark verändern.

Forschung oft interessengebunden

Fakt ist leider auch, dass in vielen Fällen die Geo-Engineering-Forschung keineswegs nur von Wissenschaftlern durchgeführt wird. Forschungsprojekte werden oft durch private Investoren finanziert und vor allem in den USA gibt es eine enge Zusammenarbeit von konservativen Think Tanks – Forschungsinstitute, welche Politikberatung betreiben – und zum Beispiel dem Militär. Auch die mediale Darstellung der Thematik erfolgt in den USA oft einseitig und anscheinend interessengebunden. Besonders in Deutschland ist Geo-Engineering noch immer ein politisches Randthema. Es scheint, als beschränke sich die Zahl der Diskursteilnehmer auf einen kleinen Kreis Eingeweihter. Es gibt keine öffentliche Debatte und wenig Zeitungsartikel zu diesem Thema. Doch bezüglich eines solch globalen Pilotprojektes mit ungewissem Ausgang, das erhebliche Auswirkungen auf das  menschliche Leben haben wird, sollten so viele Menschen wie möglich in den Entscheidungsprozess mit einbezogen werden. Daher sollten vor allem Wissenschaftler einen umfassenden Wissenstransfer in die Öffentlichkeit ermöglichen und damit einseitiger Berichterstattung vorbeugen.

von Julia Pohlers

Foto: Agricultural Research Service