Bengt Jacobs

Das Labyrinth, das Kinder- und Jugendhaus in Schönwalde II, macht mit den vielen Türen und verwinkelten Fluren seinem Namen alle Ehre. Doch Teamleiter Bengt Jacobs behält hier seit der Eröffnung vor zwei Jahren den Überblick. 1967 in Greifswald geboren, machte er nach Abitur und Wehrdienst eine Ausbildung zum Keramiker. Nach der Wende wollte er sich in die gesellschaftliche Diskussion einbringen, es folgte ein Studium der Sozialen Arbeit in Dresden. Seit 1999 ist er wieder im Lande und blickt inzwischen auf 20 Jahre Berufspraxis zurück. moritz traf sich mit dem verheirateten Vater zweier Töchter, um mit ihm über die Jugendarbeit im Randbezirk zu sprechen.

Wieso Kinder und Jugendliche?
Es macht großen Spaß, auch wenn es nicht immer ganz leicht ist. Du kannst die Entwicklung der jungen Menschen beobachten. Nach der langen Zeit, die ich hier schon arbeite, sind viele davon mittlerweile junge Erwachsene, die jetzt selbst Eltern geworden sind und mit ihren Kindern hier vorbeikommen. Das ist total schön.

Wie sieht dein typischer Arbeitstag aus?
Ich habe noch zwei Kollegen, mit denen ich mich am Vormittag abstimme und Organisatorisches erledige. Am Nachmittag beschäftigen wir uns mit den jungen Menschen. Sie finden auf jeden Fall einen Ansprechpartner, der ein offenes Ohr hat und bei Bedarf beratend zur Seite steht.

Was sind die größten Probleme, die da zu Tage treten?
Das schwierigste ist für die Jugendlichen, mit dem Druck zu Recht zu kommen, der aus der Arbeitswelt in den schulischen Alltag hinein kommt. Zurzeit haben wir die glückliche Situation, dass es mehr Ausbildungsstellen als Bewerber gibt. Aber es ist nach wie vor so, dass Arbeitgeber Auszubildende suchen, die für kleines Geld bereit sind zu schuften.

Was bereitet Ihnen Bauchschmerzen?
Vor einem Jahr hat die Stadt ihre Kreisfreiheit verloren und ist nun Teil des großen Kreises Vorpommern-Greifswald. Der ist jetzt öffentlicher Träger der Jugendhilfe und aufgrund seiner desolaten Finanzsituation wird voraussichtlich ein Großteil davon verloren gehen. Die Stadt hat schon im letzten Jahr Geld ausgegeben, was sie gar nicht müsste und wird für das kommende Jahr wieder einspringen, auch wenn es Stimmen gibt, die das nicht befürworten. Ich bin entsetzt, dass Abgeordnete dieser Stadt unserer Arbeit einen so geringen Stellenwert beimessen. Das ist sehr deprimierend, wenn man das schon Jahre macht. Andere Vereine wird es im nächsten Jahr nicht mehr geben und die Kollegen, mit denen man jahrelang zusammengearbeitet hat, werden die Kündigung in die Hand kriegen.

Warum wird das Geld gebraucht?
Jugendarbeit ist ein Wirtschaftsfaktor, sie kann ein sozialer Faktor sein um Menschen in der Region zu halten. Eine Basis, auf der es sich lohnt, eine Zukunft aufzubauen. Es kann doch nicht sein, dass alle, die ein bisschen mehr wollen, irgendwann ihre Sachen packen und abziehen. Das ist sehr kurzsichtig. Jugendliche bezeichnen Schönwalde auch als Ghetto.
Ich würde diesen Begriff nicht verwenden. Das gehört zwar zum Lifestyle, ein Funken Wahrheit ist auch darin, denn die Altstadt ist, obwohl es nur zehn Fahrradminuten sind, ganz schön weit weg. Es findet wenig Austausch statt.

Haben die Kinder weniger Chancen, je nach dem, wo sie herkommen?
Das ist die bittere Realität in Deutschland: Die soziale Herkunft hat deutlichen Einfluss auf den Bildungsweg und das auch in höherem Maße als in anderen Ländern Europas. Wir wollen Kindern und Jugendlichen Horizonte eröffnen, wie zum Beispiel Kontakte in das Ausland knüpfen, was Schule und Eltern nicht leisten könnten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich hoffe, dass im nächsten Jahr die Bauarbeiten an unserem Hof fertig sind und wir ein wunderbares Sommerfest feiern können. Ich hoffe, dass die Politik Jugendarbeit nicht als Kostenfaktor sondern als erstzunehmenden Standortfaktor wahrnimmt. Und ich möchte, dass die Jugendlichen ihr Viertel nicht mehr als Ghetto, sondern als Lebensort wahrnehmen.

Vielen Dank für das Gespräch.

vom Simon Voigt und Nadja Wuntke

Foto: Simon Voigt