Wenn aus einer Glaskugel mit goldenen Blättern eine weiße, schneiende Glaskugel wird, wenn der Himmel sanft die graue, müde Erde mit weichem Schnee küsst und wenn der Schnee wie alle Diamanten der Welt in Lichtern glänzt, dann ist die magische Zeit des Jahres da.

Ich habe mal gehört, Bücher seien wie Menschen. Ich glaube, Weihnachtsgeschichten sind wie Kugeln aus Glas am Tannenbaum. Es gibt die alten, antiken; sie haben bereits einen abgeplatzten Lack oder sind angebrochen. Aber man holt sie immer noch gerne raus. Alte bekannte Geschichten von Charles Dickens oder die noch älteren von Hans Christian Andersen. Die traurigen Geschichten des dänischen Autors über den aufgetauten Schneemann, die Schneekönigin oder das gefrorene Mädchen kannte man schon als Kind.
Die alten Kugeln versteckt man gerne weiter hinten am Baum, an der Wandseite. Nach vorne kommen die neueren, festlichen, roten. Wie meine Lieblingsgeschichten von O`Henry und Brecht.
„Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Und morgen war Weihnachten. Da blieb einem nichts anderes, als sich auf die schäbige kleine Chaise zu werfen und zu heulen. Das tat Della. Was zu der moralischen Betrachtung reizt, das Leben bestehe aus Schluchzen, Schniefen und Lächeln, vor allem aus Schniefen.“

So genial beschreibt O`Henry ein urbanes Märchen „Die Geschenke der Weisen“  in New York der zwanziger Jahre. Eine moderne und doch so ein reale Geschichte über die Liebe.

„Wäre König Salomo der Portier gewesen und hätte all seine Schätze im Erdgeschoss aufgehäuft, Jim hätte jedes Mal seine Uhr gezückt, wenn er vorbeigegangen wäre, bloß um zu sehen, wie sich der andere vor Neid den Bart raufte.“

Der Großmeister Brecht bleibt in seiner Erzählung „Das Paket des lieben Gottes“ wie nicht anderes erwartet eher sarkastisch:

„So schenkten wir dem Wirt einen Kübel mit schmutzigem Schneewasser von draußen, wo es davon gerade genug gab, damit er mit seinem alten Whisky noch ins neue Jahr hinein ausreichte. Dem Kellner schenkten wir eine alte, zerbrochene Konservenbüchse, damit er wenigstens ein anständiges Servicestück hätte, und einem zum Lokal gehörigen Mädchen ein schartiges Taschenmesser, damit es wenigstens die Schicht Puder vom vergangenen Jahr abkratzen könnte.“

Doch wie die Kugeln am Baum alle am gleichen Faden hängen, so hängen auch die großen Autoren  alle ihre Geschichten dem gleichen Motiv an. Es geht um Armut und die Freude an kleinen Dingen des Lebens, die in den heutigen Zeiten von Überschuss eher vergessen bleiben.
Doch ein fein geschmückter Baum ist nichts ohne eine funkelnde Lichterkette. Gedichte von Joachim Ringelnatz oder Erich Kästner blitzen durch die Äste mit böser Ironie.

„Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt‘s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.“

„Morgen Kinder wird´s nichts geben“ ist mein persönliches Lieblingsstück des weihnachtlichen Sarkasmus. Das Ganze kann man dann wunderbar mit den Worten aus dem „Einsiedlers heiliger Abend“ abrunden:

„Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang`s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: „Herein!“
Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.“

Setzt man nun einen Stern aus Fantasien vieler anderer moderner Autoren wie Carles Bukowski und Vladimir Nabokov auf den Baum, damit es nicht wie jedes Jahr das Gleiche wird.

von Anastasia Statsenko

Fotos: © Weltbild, © Diogenes, © Diogenes