Rezension

„Ein Mädchen sagte: ‚Ich mag diese eine nicht. Wie heißt die noch – nicht Veronica, aber irgendwie erinnert sie mich an Veronica. So ‘ne Kleine. Braune Haare, große Titten.‘ Der Miz schien verblüfft. Wer könnte wie Veronica aussehen? Kleine, fiese Veronica, Königin des Badewannendreiers, die zierliche und vollbusige Vielleicht-Lesbe, die fast in den Tod gestürzt wäre, weil Julie, die durchgeknallte Mormonin, während eines Hochseil-Rennens an ihrem Gurtzeug herumgefummelt hatte?“

John Jeremiah Sullivan schreibt in „Pulphead“ fast wie ein streunender Straßenköter, der sich durch eine verdreckte Metropole bewegt: Er schnüffelt überall, in jeder Ecke, um auch kein Detail des Lebens außer Acht gelassen zu haben.
Die zu einem Roman zusammengefügten Reportagen leben nicht von journalistischer Distanz, sondern von literarischer Nähe. Man ist immer mittendrin und nicht der Beobachter, der wie ein parfümierter Pudel mit dem Notizbuch am Rand des Geschehens steht, aus Angst, sich zu sehr mit dem Thema zu identifizieren.  Es ist keine kritische Abrechnung mit seinem Heimatland, kein Michael Moore, der den Menschen den Spiegel vorhält, um zu sagen: „Seht, hier sind eure Fehler.“ Es ist ein liebevolles Portrait, dass sich nicht aus politischer, sondern aus kultureller Sicht den USA nähert. Doch wie passen Kultur und Geschichte auf 400 Seiten? Ganz einfach: Durch den sprunghaften Wechsel von Ort, Szenerie und Thema. Auf diesem Weg gewinnt die Handlung nicht nur an Fahrt, sondern erweckt zugleich den Eindruck eines Reiseromans, der versucht, durch kurze Spots möglichst alle Seiten zu beleuchten.

Die Kamera wurde bei der Aufnahme so eingestellt, dass auch das kleinste Detail erfasst werden kann. Seine Texte handeln von Christen-Rock-Festivals, den Guns N‘ Roses, Jugendkulturen, Pop- und Rock-Kultur in den USA. Michael Jackson fehlt dabei genau so wenig wie der unvermeindliche Besuch im Disneyland. Und das, obwohl er um jeden Preis vermeiden will, Disneyland zu besuchen. Plötzlich befinden wir uns in einem autobiographischen Ausflug, der mit Mark Twains Huck und Jim untrennbar verbunden zu sein scheint.

„Ganze Wälder ausgewachsener Kiefern waren auf Kniehöhe abgehackt, als hätte eine Druckwelle sie erfasst. Das war der äußere Rand dessen, was der Hurricane angerichtet hatte.“

Der rasende Reporter Sullivan nimmt uns überall mit. Durch das Erschienen des Bandes wird aus dem großen Teich zwischen Europa und Amerika plötzlich eine kleine Pfütze.

von Marco Wagner

Foto: © Suhrkamp