Ein Geschwisterpaar, welches ein neues Leben beginnt und dennoch die Vergangenheit nicht abschütteln kann. „Waisen“ – ein Schauspiel von Dennis Kelly, inszeniert von Julia Heinrichs.

Für Helen (Katja Steuer) und Danny (Markus Voigt) gibt es etwas zu feiern. Doch ihr romantisches Abendessen findet ein jähes Ende, als Helens Bruder Liam (Sören Ergang) blutbefleckt hereinplatzt.
Vom Kerzenschein überrascht entschuldigt sich Liam mehrmals. Er wirkt durcheinander, gar verstört. Dennoch dauert es unnatürlich lange, bis die Sprache auf sein blutiges Hemd kommt. Er stammelt von einem mit Schnittwunden übersäten Mann, dem er helfen wollte. Zunächst wirkt diese unglaubliche Geschichte authentisch. Helen scheint schon da zu ahnen, worauf es hinaus läuft, mimt ihrem Mann Danny gegenüber aber den Familienmenschen und nimmt Liam in Schutz. Sie hält Danny gar davon ab, die Polizei einzuschalten. Er ist ja so ein Pechvogel, dem gerne mal was angehangen wird.

Immer wieder reden die drei von Liebe, Verantwortung und Familie. Die Bedeutungen werden zurecht gedreht, so wie es gerade am besten passt. Es ist ein Wechselspiel der Meinungen, wie es auch oft im realen Leben zu sehen ist, wenn auch in weniger dramatischem Kontext.

Das Wiedererkennen ist gegeben und erzeugt auch mal plötzliche Auflacher. Es lässt das eigentlich Schlimme an der Situation fast vergessen. Das ist der Überschneidungspunkt, an dem der Zuschauer überlegt, wie er selbst in der Situation handeln würde. Man möchte sich ungern mit den drei Figuren identifizieren. Sogar Danny, hier Sinnbild eines rechtschaffenen Menschens, lässt sich von dem manipulativen Verhalten und Erzählen seiner Frau einwickeln. Sie brauchen ein Alibi für Liam. Darauf stellt Helen prompt fest, er war ja die ganze Zeit über mit ihnen zusammen. Doch Danny findet es nicht richtig und möchte auch nicht verstehen, wozu ein Alibi nötig sein soll, wenn Liam doch, wie behauptet, unschuldig sei und nur helfen wollte. Nicht ganz überzeugt stimmt er schließlich doch noch zu. Im Laufe des Abends wird Liam aufrichtiger und er gesteht, dass er derjenige war, der den Blutenden zusammenschlug und ihm die Wunden zufügte. Auch dass er den Blutenden an einem abgeschiedenen Ort gefesselt zurückgelassen hat, beichtet Helens Bruder schuldbewusst. Er hat solche Angst vor einer Anzeige, als ihm klar wird, was er getan hat. Auf die Frage, warum es überhaupt dazu gekommen ist, antwortet Liam, dass das Opfer einer der arabischen Jungs ist, die zuvor Danny zusammen geschlagen hatten. Er konnte seine Wut einfach nicht zurück halten.

Aber was soll er jetzt machen. Ihm drohen? Soviel Angst einjagen, dass ihm kein einziges Wort über die Lippen kommt? Aber ist er denn als Einzeltäter ernst zu nehmen? Mit dem Argument der Rache gelingt es Helen, Danny dazu zu bringen, ihrem Bruder beim Einschüchtern zu helfen. So wird auch er letztlich zum Gewalttäter. Erst da erfahren Helen, Danny und auch der Zuschauer, dass Liams Lüge noch viel weiter reicht. Doch auch die Reue ändert nichts an ihrem Vergehen, welches noch Folgen für die kleine Familie haben soll.

Dieses Schauspiel ist keine leichte Kost. Besonders Menschen, die sich gerne mit zwischenmenschlicher Kommunikation, dem Handeln und Denken beschäftigen, sollten hieran ihre Freude haben. Beeindruckend ist auch das Minenspiel der Schauspieler. Die Gestik jedoch wirkt an mancher Stelle leicht übertrieben, auch wenn beim Schauspielen oft zu Übertreibungen geraten wird. Das karge Bühnenbild wird sehr gut genutzt und zu einer perfekten Tribüne der Stimmengewalt der Geschichte.

von Lisa Sprenger

Foto: Barbara Braun