Laura Himmelreichs „stern“-Artikel „Der Herrenwitz“ löste in Deutschland eine Debatte über Sexismus aus. Wo wird die Grenze gezogen zwischen aufdringlichem Annähern und einem Kompliment? Ab wann spricht man von sexueller Belästigung? Und wie sieht es in Greifswald aus?

Let‘s talk about all the good things and the bad things that may be“ – Was Salt ’n’ Pepa  mit „Let‘s talk about sex“ seit 1991 besingen, sorgt schon immer für Kontroversen: Die Diskussion über Sex. Die deutsche Medienwelt greift zurzeit vor allen Dingen den Sexismus und die sexuelle Belästigung in ihren verschiedenen Formen auf.  Eine allgemeingültige Definition von Sexismus gibt es nicht; so definiert der Duden Sexismus als eine „Vorstellung, nach der eines der beiden Geschlechter dem anderen von Natur aus überlegen sei.“ Dadurch würde die Diskriminierung und Benachteiligung von Menschen aufgrund des Geschlechts als gerechtfertigt gehalten. Für die Bertelsmann Lexikothek ist Sexismus ein zu Beginn der 1970er Jahre in der US-amerikanischen Frauenbewegung geprägter Begriff, bei dem in den vorherrschenden patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen Frauen am Arbeitsplatz, im öffentlichen Leben und auch privat in ihrer Entwicklung eingeschränkt werden. Gemeinsam ist ihnen, dass es sich um eine bestimmte gesellschaftliche Erwartungshaltung handelt, die man an Männer und Frauen hat; etwa, dass die Frau zu Hause bleibt, während der Mann das Geld verdient. Aber auch Klischees wie Männer könnten nicht zuhören und Frauen nicht einparken, fallen darunter. „Sexismus hat mehrere Varianten. Für mich beginnt es da, wo man Personen, Männer und Frauen, auf die biologischen Merkmale reduziert“, versucht Ines Gömer Sexismus zu erklären. Seit mittlerweile fünf Jahren ist sie Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Greifswald.

Die Diskussion wird von vielen begrüßt, da sie aufzeigt, wie stark das Problem in Deutschland auftritt und gebilligt wird. Allerdings hinterlässt es auch große Verwirrung, gerade was das Kennenlernen angeht: Ab wann wirkt ein Flirtversuch abstoßend auf den Gegenüber? In Internetforen schreiben oft junge Männer, dass sie nicht mehr wissen, wie sie nun eine Frau ansprechen sollen, ohne dabei aufdringlich zu wirken.  „Ich glaube, da hilft wirklich nur miteinander ins Gespräch zu kommen und das Jungen und Mädchen sich miteinander austauschen“, rät Gömer. Eine eindeutige Grenze zu ziehen, ist  schwer.
Auch Berichte über diese Problematik gibt es zuhauf. Oft geht man davon aus,  dass eine hierarchisch höher stehende Person die ihm oder ihr untergebene Person belästigt. Das Bild von dem Abteilungsleiter, der gegenüber der  Praktikantin oder Auszubildenden anzügliche Bemerkungen macht, taucht in vielen Köpfen beim Stichwort sexuelle Belästigung auf. Doch diesem Klischee widerspricht die Psychologin Charlotte Diehl. In einem Interview mit der taz erklärte sie, dass die meisten sexuellen Belästigungen zwischen hierarchisch gleichgestellten Männern und Frauen stattfinden: „Sexismus ist etwa für den männlichen Kollegen ein beliebtes Mittel, mit dem Konkurrenzdruck umzugehen und Hierarchien herzustellen. So etabliert er sich unter Gleichen als der Ranghöhere.“

Auffallend an der Debatte ist auch, dass sexuelle Belästigung und Sexismus oft in einen Topf geworfen werden. „Sexuelle Belästigung ist im Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AGG) definiert“, erklärt Gömer. Dort steht im Paragraphen 3 Absatz 4 AGG, dass eine sexuelle Belästigung eine Benachteiligung ist, wenn durch unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten die Würde der betreffenden Person verletzt wird. Das ständige, scheinbar zufällige Berühren oder die direkte Aufforderung zum Oralverkehr gehören, wenn sie unerwünscht sind, zur sexuellen Belästigung. Sexismus setzt jedoch schon viel früher an und ist als Unterhaltungsprogramm sogar erwünscht, wie Mario Barths gefüllte Hallen vermuten lassen. Rollenklischees als Massenentertainment scheinen also kein Problem. Problematisch wird es erst, wenn diese Klischees in den Alltag übernommen werden und man einer Frau unterstellt, sie sei unfähig, klare Ansagen zu machen oder von einem Mann annimmt, er wäre gefühlskalt.

Bei dem Twitter-Phänomen #aufschrei, wo viele Betroffene von ihren Erlebnissen berichten, werden sowohl zum Sexismus als auch zur sexuellen Belästigung Geschehnisse genannt. Das aber wird von einigen Gegnern der Debatte als Grund gesehen, die Auseinandersetzung mit dem Thema als belanglos und überempfindliche Reaktion einiger Feministinnen abzutun, die hinter jedem Seitenblick ein sexhungriges Monster wittern. „Es geht um unerwünschtes Verhalten, von dem ich nicht möchte, dass mein Gegenüber das macht“, erklärt Gömer bestimmt, „Wichtig dabei ist es auch, dass man selber versucht, Grenzen zu setzen.“ Für die Gleichstellungsbeauftragte steht der Dialog im Vordergrund. Doch nicht nur für sie, auch für die Gleichstellungsbeauftragte der Universität, Doktor Cornelia Krüger, und die Referentin für Gleichstellung und Studieren mit Kind des Allgemeinen Studierendenausschusses, Nada Lipovac, sind Gespräche wichtig. „Man sollte mit dem ‚Täter’ beziehungsweise der ‚Täterin’ ein Gespräch führen und eindeutig klar machen, dass man sich wünscht, dass dies unterlassen wird“, sagt Nada.

An der Universität Greifswald scheint Sexismus und sexuelle Belästigung allerdings kein großes Thema zu sein, zumindest wenn man sich die Umfrage unter Universitätsangehörigen anschaut, die 2011 gemacht wurde. Sowohl Angestellte als auch Studierende waren zur Teilnahme aufgerufen. Dem Aufruf folgten aber nur 1,7 Prozent. Wenn man die Ergebnisse betrachtet, scheint es so, als sei die Greifswalder Universität von sexueller Belästigung eher selten betroffen: Von den 297 Teilnehmenden gaben im Durchschnitt 241 Personen an, dass sie noch nie sexuell an der Universität diskriminiert wurden. Dazu zählten Hinterherstarren und -pfeifen, aber auch anzügliche Kommentare sowie unerwünschte Berührungen. Krüger erzählt, dass in ihrer langjährigen Tätigkeit als Gleichstellungsbeauftragte nur selten jemand kam, um sich Rat zu holen. „Männer waren nicht dabei“, äußert sie. Und auch Nada erzählt, dass dieses Problem bis jetzt noch nicht an sie herangetragen wurde. „Nennen wir mal das Paradebeispiel mündliche Prüfung. Wenn der Prüfer männlich ist, könnten Frauen ja angeblich überspitzt durch ihre Oberweite einen ‚Bonus’ bekommen. Meist sind solche Aussagen nicht ernst gemeint und unbegründet, zumindest hoffe ich das“, erzählt sie.
Erstaunlich ist es schon, dass sexuelle Belästigung unter Greifswalder Studenten keine so große Rolle spielt – zumindest wenn man sich dazu im Vergleich eine Studie der Europäischen Union anschaut, die von geschlechtsbezogener Gewalt, Stalking und Angst vor Gewalt bei Studentinnen handelt. In einem Zeitraum von drei Jahren wurden 12 663 angehende Akademikerinnen befragt. Rund 81 Prozent gaben an, dass sie allgemein schon mal sexuell belästigt wurden, bei 54 Prozent geschah das während der Zeit des Studiums. Häufigste Form der Belästigung war Nachpfeifen. Die Studie fragt auch danach, wie bedrohlich die Frauen die Situationen erlebt haben, wobei die Diskrepanz ziemlich groß ist: 15 Prozent empfanden das Nachpfeifen als Bedrohung. Lebt es sich in Greifswald als Studentin wirklich so sicher?

von Katrin Haubold,  Sabrina von Oehsen und Marlina Schell

Foto: Katrin Haubold

Kommentare

Mehr #verständnis, weniger #aufschrei

Seit der #aufschrei über Deutschland hinweggefegt ist, reden wieder alle davon: Sexistisches Verhalten, in der Regel von Männern. Nur stellen wir uns mal vor, die Rollen wären vertauscht gewesen: Eine ranghohe Politikerin verhält sich einem jungen Journalisten gegenüber unangemessen. Wäre der Fall an die Öffentlichkeit gelangt, und wenn ja, wäre er ebenso heiß diskutiert worden? Oder hätte man gesagt: „Du bist ein Kerl, komm drauf klar und freu dich, dass die Frauen auf dich stehen“ – was ebenfalls eine Form von Sexismus ist. Frauen wird das Recht zugebilligt, aufzuschreien, Männern aber nicht. Warum? Was ist die Grundlage für diese gesellschaftliche Entscheidung?

Die Antwort finden wir in den Stereotypen, die uns durch unser tägliches Leben begleiten, die es einfach machen, mit vielen Menschen umzugehen. Doch wenn wir verallgemeinern, dann laufen wir Gefahr, unser Gegenüber nicht mehr als Individuum anzuerkennen: „Der ist ein Kerl, der muss es abkönnen, wenn ich ihm in den Hintern kneife. Kerle wollen sowas.“ Dabei ist Sexismus mehr als das unangebrachte Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht. Es ist die Verallgemeinerung, die Objektivierung eines Individuums, eines Menschen aus Fleisch und Blut.

Eigentlich sind diese Überlegungen überflüssig. In dem Moment, wo man ein Verhalten an den Tag legt, das man sich selbst, einem Familienmitglied oder Partner gegenüber verurteilen würde, ist man zu weit gegangen. Dann hilft nur eine Bitte um Verzeihung und das Versprechen der Besserung. Dafür sollte der Gegenüber geduldig sein, und nicht wie einige überaktive Aktivist_innen beim ersten Anzeichen sexistischen Verhaltens Zeter und Mordio schreien. Man muss nicht immer alles ertragen, aber wir sind alle nur Menschen, und Irren ist menschlich. Wenn die eine Seite mehr Respekt zeigt und die andere mehr Toleranz, wird das Leben für uns alle lebenswerter. Denn seid mal ehrlich: Wer gewinnt, wenn wir uns völlig verkrampft durch unseren Alltag bewegen, um ja kein falsches Wort zu sagen, keine falsche Geste zu machen?

von Erik Lohmann

Männer vereinigt im Kampf gegen den Säbelzahntiger

2013 hieß es, Männer seien schon immer in Verbünden gegen einen äußeren Feind organisiert gewesen, ob das nun der Säbelzahntiger oder „kurz danach der Russe“ gewesen sei. Die Autorin besitzt zweifelsohne Selbstironie, doch bezieht sie sich in ihrer Argumentation auf eine keineswegs als ironisch dargestellte Größe: Die Steinzeit als nachparadiesische und daher nach klaren Geschlechtergrenzen organisierte soziale Gesellschaft. Dem gemeinsamen Kampfgeist der Männer gegen „den Feind“, den die Autorin gegenwärtig als den Sexismusvorwurf der Frauen festmacht, stellt sie die mangelnde Solidarität der Frauen, ihre so genannte „Stutenbissigkeit“, gegenüber.

In der US-amerikanischen Fernsehserie „Mad Men“ wird diese Form der Verlagerung von gesellschaftlichen Verhältnissen in die Vergangenheit als Werbestrategie vorgeführt. In einem Werbespot bereitet eine Mutter ihren Kindern in der Steinzeit Heinz Beans, der dazugehörige Slogan lautet „Heinz Beans: Some things never change!“

Feministische Interventionen in die männlich dominierte Wissenschaft haben auch die Mär von deren Objektivität zum Einsturz gebracht: Es lohnt sich noch immer genau zu schauen, wer, wann, wie, wo welches Wissen zum Beispiel in die Vergangenheit überträgt und welchen Gewinn er damit erzielt. Im Rahmen der Sexismusdebatte wäre es angebracht die Vielfalt der geschlechtlichen Identitäten zu betonen, denn diese lassen sich eben nicht auf stutenbissige Frauen und säbelzahntigerjagende Männer reduzieren.

Und wir sollten uns bei Verweisen auf die Steinzeit fragen, ob wir nicht zu viel „Familie Feuerstein“ geschaut haben. Ein Cartoon der im Übrigen ebenfalls zu einer Zeit produziert wurde, als das herrschende Geschlechterverhältnis ins Wanken geriet.

von Konstanze Hanitzsch, Dozentin für „Gender Studies“