Rezension

Die Literaturmaschine Martin Walser hat wieder nachgelegt. In seinem neuen Roman „Das dreizehnte Kapitel“ begegnen sich zwei Menschen an einem für sie vorbestimmten Ort, in Briefen, die wie Brücken ins Voraussetzungslose sind.

Die Geschichte ist schnell erzählt.

Schloss Bellevue; zu Ehren eines namenhaften Wissenschaftlers wird ein Festbankett gegeben und „unbekannte Prominenz“ wird geladen. Hier erwacht die Illusion der alltäglichen Last an Gedanken, die es mitzuteilen gilt. Basil Schlupp, seines Zeichens Schriftsteller, sitzt am Tisch mit der Präsidentengattin, die es kaum vermag, seine Aufmerksamkeit zu erregen, denn er sieht nur die ihm unbekannte Frau. Es wird für Basil Schlupp zur Notwendigkeit, ihr einen Brief zu schreiben, um ihr Interesse zu wecken. Die Art und Weise des Briefes nötigt die Theologin, Maja Schneilin, ihm zu antworten.

Von mal zu mal wird der Briefwechsel tiefer und intensiver, sie rufen sich einander regelrecht an. Gedanken, die nur durch die Anwesenheit des anderen erdacht werden, müssen den Weg finden, um sich der Hoffnungslosigkeit auf Hoffnung einer fiktiven Liebe entgegenzustellen. Beide beteuern, dass sie sich in einer Liebesbeziehung zu ihren Ehepartnern befinden, und doch können nur sie sich Dinge offenbaren, die für ihre Partner verschlossen bleiben.

„Die Lust des Verrats ist nicht zu ihrem Recht gekommen.“

Nur in ihren Briefen  können sie einander finden, denn die Wirklichkeit verhindert es. Aus dem Grund dürfen sie sich einander auch nur in den Briefen annähern. In ihnen erkennen sie die Möglichkeit des Unmöglichen. Nie wird ein Treffen mehr sein als ein flüchtiger Moment.

„Die Buchstabenketten sind Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit.“

Doch dann geschieht das Unausweichliche: Schweigen! Basil Schlupp leidet ohnmächtig bis eines Tages eine Mitteilung, gesendet via iPhone, ihn erreicht, in der ihm die Theologin eröffnet, dass ihr Mann schwer erkrankt sei und sie ein letztes Mal mit ihrem Gatten dem Leben entgegentritt und eine Off-Road-Tour durch Kanada unternimmt.  Von nun an wird der Schriftsteller zum Schweigen gezwungen, denn nur sie wird ihm über die Geschehnisse der Reise unterrichten.

In diesem Roman stehen weniger die Hauptfiguren im Vordergrund als eine längst vergessene Kommunikationsform. Der Brief wird zum Ort scheinbar tanzender Worte und Sätze, um das Sein des Lebens und der Liebe zu ergründen. „Die meisten leiden ohne Gewinn“, aber genau um diesen Mehrwert des Leidens geht es Walser, um die Erfahrbarkeit der menschlichen Gefühlsmomente.

von Saskia  von Swiontek

Foto: © Rowohlt Verlag