Um ein zunächst trocken wirkendes Gerichtsverfahren interessant zu gestalten, braucht es nicht viel. Es reicht das Fehlen des wichtigsten Beweismittels und eine Hand voll Anschuldigungen.

Amtsgericht, Greifswalder Sitzungssaal 26, 11.30 Uhr. Auf dem Plan steht: Schadensersatzklage.

Verklagt wird der Eigentümer einer Waschanlage. Auf der rechten Seite sitzt die Klägerin. In der Anklageschrift heißt es: Während der Benutzung der Waschanlage des Beklagten habe sich der Scheibenwischer des Autos der Geschädigten gelöst und die Motorhaube beschädigt. Es seien tiefe Kratzer entstanden. Der Richter merkt an, dass die Klägerin selbst nicht anwesend war, als sich der Vorfall ereignete. Sie erwidert, dass ihr Ehemann gefahren sei, der als Zeuge anwesend ist. Nun steht der Beschuldigte im Fokus. Er wird gefragt, ob er bei seiner Aussage, die Anlage sei vollkommen in Ordnung und werde regelmäßig geprüft, bliebe. Der Beklagte äußert die Vermutung, der Scheibenwischer sei nicht richtig befestigt gewesen. Der Richter reagiert mit der Feststellung, dass vermutlich ein Sachverständiger zu Rate gezogen werden müsse, da  eine gütliche Einigung der beiden Parteien ausscheide. Dies sei, wirtschaftlich gesehen, keine sinnvolle Lösung, da die Kosten für den Sachverständigen den Streitwert deutlich übersteigen würden. Ein Vergleich sei die beste Lösung, jedoch würde man erst die Vernehmung des Ehemannes abwarten.

Der Zeuge wird hereingebeten. Ihm wird die Frage gestellt, wie sich das Ereignis zugetragen habe. Er sagt aus: Auf Wunsch seiner Frau sei er mit dem sehr dreckigen Auto in die Waschanlage gefahren. Als die Reinigung beendet war, habe er den abgebrochenen Scheibenwischer und die Kratzer auf der Motorhaube vorgefunden, woraufhin er den Anlagenbesitzer informierte. Dieser habe Fotos gemacht und ihm empfohlen in die Werkstatt zu fahren, um einen Kostenvoranschlag für die Reparatur einzuholen. Der Beklagte soll, so der Zeuge, außerdem gesagt haben, dies sei nicht der erste derartige Vorfall, die Versicherung würde das regeln. Der Beklagte verneint diesen Vorwurf, woraufhin der Richter die Vermutung äußert, dass die Kratzer bereits vorher auf der Motorhaube gewesen sein könnten und wegen des Drecks unbemerkt geblieben waren, was das Ehepaar verneint. Der Zeuge wird entlassen.

Spätestens jetzt steht fest: Der Sachverständige wird gebraucht. Eigentlich scheint die Verhandlung beendet, doch nun ergreift der Beklagte noch einmal das Wort. Die Waschanlage solle bald erneuert werden, weshalb die Zeit dränge. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Auch der Ehemann der Klägerin scheint noch etwas zu sagen zu haben: Er und seine Frau hätten das Auto verkauft, da sie schwanger und deshalb ein größeres Fahrzeug nötig sei. Der Richter, inzwischen dezent amüsiert wirkend, reagiert darauf mit einem Verweis auf die Notwendigkeit der Beweissicherung und verlangt Name und Adresse des Käufers. Das Verhandlungsende verzögert sich weiter, als nun auch auf der Anklagebank Redebedarf zu sein scheint und der Wunsch nach dem vorgeschlagenen Vergleich geäußert wird. Es folgt eine weitere Fragerunde, inklusive Paragraphenreiterei und einem Exkurs über Materialermüdung und dessen Folgen. Erneut wird auf den Sachverständigen verwiesen, dessen Beauftragung bereits kurz nach Verhandlungsbeginn als notwendig angesehen wurde. Geschlossen wird die Verhandlung mit einem Kommentar des immer belustigter wirkenden Richters über den zu konsultierenden Gutachter. Wie wird es ausgehen? Wer wird für die Schäden aufkommen? Und vor allem: Wird das Auto wieder auftauchen? Ende ungewiss…

von Sarah Schneider

Grafik: Daniel Focke