Nach einem Konflikt zwischen der Landrätin und dem Kreistag wurden die Mittel für die Jugenförderung in Greifswald stark gekürzt. Da Jugendarbeit im Kreis unbedeutender als der Flughafen in Heringsdorf scheint, stehen etablierte Projekte vor dem Ende.

Bisher waren die Förderungsbedingungen für Jugendarbeit in Greifswald im Vergleich zum Umland sehr gut, der Status als kreisfreie Stadt machte es möglich. So gab es mehrere Jugendzentren verschiedener Träger, eine Musikschule, aber auch praktisch orientierte Angebote wie Medienkurse und Berufsberatungen abseits des Arbeitsamtes. Nicht zuletzt wurden in den Ferien zahlreiche Jugendfreizeiten angeboten, die gerade für Kinder und Jugendliche, deren Familien aus finanziellen Gründen nicht in Urlaub fahren können, wichtig waren. Doch aufgrund drastisch gekürzter Zuschüsse für die Jugendarbeit im neuen Großkreis Vorpommern-Greifswald mussten viele dieser Angebote gekürzt oder komplett gestrichen werden. Ein freiwilliger Beitrag von 200 000 Euro durch die Stadt kann das nicht verhindern.

Vorausgegangen war der Kürzung ein Streit zwischen Kreistag und Kreisverwaltung. Der Kreistag folgte dem Jugendhilfeausschuss und gab 12,50 Euro pro Kind für Jugendarbeit aus. Dies entspricht etwa 0,06 Prozent des Kreishaushaltes, weniger als beispielsweise für den Flughafen in Heringsdorf ausgeben wird. Die Kreisverwaltung unter Landrätin Barbara Syrbe lehnte dies mit Verweis auf die desolate Finanzsituation des Kreises ab, der Konflikt wanderte zur Kommunalaufsicht. Die Förderung der Stadt kann das nur teilweise abfedern, gefördert werden aber nur fünf Vereine, die auch Geld aus dem europäischen Sozialfond erhalten, zum Beispiel die Jugendzentren Schwalbe und klex.

Ehrenamtliche Arbeit statt kommunalem Engagement

Acht Greifswalder Vereine erhalten hingegen keine Förderung mehr. Unter den betroffenen Vereinen ist der für Studenten sichtbarste der Pro Ton, der den Konzertbetrieb im klex organisiert. Laut ihrem Sprecher Felix Waltenburg wollen die Vereinsmitglieder ihre ehrenamtliche Arbeit weiterführen, vorerst sei diese durch gebildete Rücklagen gesichert. Für die Zukunft ist der Verein aber auf kostendeckende Veranstaltungen angewiesen, was die Möglichkeiten subkultureller Experimente einschränken dürfte. Felix sagt, dass die Vereinsmitglieder zukünftig auch die Angebote von Bookern bisher klexfremder Bands wie Indie oder HipHop genauer betrachten werden. Konkrete Programmänderungen seien auf Grund der basisdemokratischen Struktur aber noch nicht vorhersehbar. Eine Umorientierung hin zu Mainstreammusik oder höheren Preisen lehnt er aber ab.

Gerade für Kinder finanziell schlechter gestellter Familien werden andere Kürzungen aber deutlich mehr ins Gewicht fallen. Die Lebens- und Berufsberatung, die das Projekt „Zukunft im Blick“ bisher in der Schwalbe in Schönwalde II anbot, fällt ersatzlos weg, da die Sozialarbeiterin Steffi Volkening  nicht mehr bezahlt werden kann; sie ist jetzt arbeitslos. Der durch die Arbeiterwohlfahrt im Ostseeviertel betriebene Jugendtreff „Club 9“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Studentenclub), musste ebenfalls schließen, der Jugendclub in Riems versucht hingegen ohne Förderung weiterzumachen. Ein Minimalangebot will auch der Jugendmedienverein aufrecht erhalten, die tägliche Arbeit durch Henry Dramsch ist aber nach dessen Entlassung nicht mehr möglich.

Geht die Jugend auf die Strasse?

Ebenfalls nicht mehr bezahlt wird der Geschäftsführer des Kinder- und Ferienvereins in der Hafenstraße, Marian Kummerow. Bisher bietet der Verein neben der Betreuung von Jugendweihen auch Ferienlager an. Diese sollen 2013 noch wie geplant stattfinden, danach wird sich die Vereinsarbeit aber wohl auf die ehrenamtliche Unterstützung von Jugendweihen beschränken.

Manja Graaf, die Jugendpolitische Koordinatorin in Greifswald, befürchtet für die Zukunft weitere Kürzungen, da andere Projekte im Großkreis offensichtlich politisch höhere Priorität haben. Aktuell sei auch das Ausweichen auf andere Quellen für Fördergelder sehr schwierig, da zum Zeitpunkt der Entscheidung die Antragsfristen für 2013 längst abgelaufen waren. Für die spätere Zukunft sieht sie Chancen, vergleicht sieh aber mit einer Lotterie. Es hänge jetzt am Willen der Projektträger ehrenamtlich die staatlichen Aufgaben in der Jugendarbeit zu übernehmen.

Die ehrenamtlichen Mitglieder von Pro Ton sehen die Kürzungen auch als Verfehlung der Greifswalder Lokalpolitik und wollen diese künftig offensiv anprangern. Felix sah in der Ostseezeitung den sozialen Frieden der Stadt in Gefahr und sprach von Aufständen der Jugendlichen. Wie diese letztlich auf Kürzungen angesichts eines weiterfinanzierten nicht ausgelasteten Flughafens und eines neuen Busbahnhofes in Greifswald reagieren, bleibt offen. Der Neubau erfolge übrigens, weil der alte zu hässlich sei und Touristen abschrecken könnte.

von Florian Bonn

Foto: Florian Bonn