Vor dem Jugendschöffengericht hat sich ein Mann mittleren Alters zu verantworten. Er ist wegen sexuellen Missbrauchs der minderjährigen Tochter angeklagt. Wichtigste Frage im Raum: Ist er mit dem Finger eingedrungen?

Vor dem Gericht in Greifswald steht an diesem Morgen ein junges Mädchen. Sie weint. Sie weint bitterlich. Die sorgfältig aufgetragene Schminke läuft ihr über das blasse Gesicht. Um sie herum die besorgte Familie und eine Anwältin. Sie alle sind heute vor Gericht als Zeugen geladen. Doch ein Mitglied der Familie fehlt: der Vater des weinenden Mädchens.

Er sitzt auf der Anklagebank und die Anklageschrift wirft ihm Schweres vor. 2007 soll er während eines Besuches der Tochter – die Eltern sind schon seit einigen Jahren kein Liebespaar mehr – diese auf unangenehmste Weise aus einem Mittagschlaf geweckt haben. Das Mädchen beteuert, dass der Vater ihr in den Slip gegriffen habe, um anschließend einen Finger in ihre Scheide einzuführen. Damals war die Heranwachsende zehn Jahre alt. Die Mindeststrafe für ein solches Vergehen liegt bei zwei Jahren Freiheitsentzug, ohne das penetrationsähnliche Eindringen droht indessen ein Jahr.In Frage gestellt werden muss also nicht nur die Schuld des Vaters, sondern auch der genaue Tathergang. Was Tochter und Familie im Januar 2012 zur Anzeige brachten, streitet der Vater heute ab. Er habe sich immer gut um seine Tochter gekümmert, aber als Vater und nicht als Mann. Er wirkt an diesem Tag vor Gericht hilflos, durcheinander und ungläubig. Sein Verteidiger ist im keine große Hilfe. Daher sollen die Zeugen Aufklärung schaffen, doch sie stiften nur zusätzliche Verwirrung.

Die Geschädigte, Mutter, große Schwester, beste Freundin und die Mitarbeiterinnen vom Jugendamt treten vor den Richter, doch ihre Aussagen unterscheiden sich. Jahreszahlen und Geschehnisse werden stetig neu gemischt, nur über eines ist man sich einig: Der Vater gehört ins Gefängnis. Doch warum kam diese Einsicht nicht früher, fragt sich der Richter. Bereits 2008 hat die Mutter nach ihren eigenen Erzählungen von dem schrecklichen Nachmittag zwischen Tochter und Vater erfahren. Damals übernachteten Tochter und Mutter gemeinsam aufgrund einer schwierigen Wohnungssituation bei dem Vater in der Gartenlaube, er bot ihnen ein warmes Bett an. Der Vater berührte die Mutter nachts im Intimbereich, er habe sie da unten begrabbelt, so der Wortlaut der Zeugin. Die Tochter wird davon wach und die erste Frage der Mutter an das Kind in diesem Moment: „Hat der Papa das bei dir auch schon mal gemacht?“ Die Tochter bejaht. Für die Mutter ist der Fall klar, mehr Informationen braucht sie nicht. Das Thema wird nie wieder angesprochen, geschweige denn dem Vater vorgeworfen oder der Polizei mitgeteilt. Die Mutter hatte Angst ihre Sexualität und Missbrauchserlebnisse aus der eigenen Kindheit vor ihrer Tochter oder offiziellen Stellen offenbaren zu müssen. Das Mädchen und ihr Vater sehen sich weiterhin regelmäßig, sie schreibt unbeschwerte Urlaubskarten und feiert Silvester mit ihm und der neuen Lebensgefährtin. Erst als Ende 2011 die große Schwester durch die Mutter oder  die kleine Schwester – darüber herrscht erneut Uneinigkeit – zur Mitwisserin gemacht wird, folgen Taten. Die Familie erstattet Anzeige gegen den Vater. Nun – ziemlich genau ein Jahr später – wird der Fall verhandelt. Fünf Jahre sind seit der eventuellen Tat vergangen.

Es ist viel passiert: Psychiatrieaufenthalt der Mutter, Unterbringung der Tochter bei einer Pflegefamilie und wiederholte Alkoholexzesse der Minderjährigen. Die Odyssee endet für das Mädchen ebenfalls in der Psychiatrie, heute lebt die 15-Jährige in einer betreuten Wohngemeinschaft. Der sexuelle Missbrauch wird in dieser Zeit weder von der Mutter noch von ihrer Tochter an- oder ausgesprochen. Das Jugendamt weiß nichts von den schweren Vorwürfen gegen den Vater.

Die Beweislage ist kläglich und die Erinnerungen aller Beteiligten sind bereits verblasst. Entschieden wird der Fall an diesem Tag daher nicht. Der Richter erhofft sich Aufklärung durch ein psychiatrisches Gutachten über die Glaubwürdigkeit der Tochter. Bis dahin gilt: in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Das Mädchen weint.

von Lisa Klauke-Kerstan

Grafik: Daniel Focke