Am 22. Mai 1813 wurde einer der berühmtesten Söhne der Stadt Leipzig geboren. Sein Erbe bewegt sowohl Anhänger als auch Gegner bis zum heutigen Tag. Zu Ehren dieses großen Komponisten reiht sich die Stadt Greifswald in den Kanon des Jubiläumsjahres ein und feiert Richard Wagner.

Ich hab mich kürzlich mit einer Freundin über Wagner unterhalten und eigentlich schätze ich die Meinung meiner Freunde, vor allem, wenn sie ein so geschlossenes Bild für mich entwerfen. Ich bat sie, sich einen kurzen Teil aus Richard Wagners romantischer Oper „Lohengrin“ anzuhören und sie willigte mit den unschönen Worten „Na los. Mach mal“ ein. Nach kurzer Dauer vernahm ich von ihr „Das ist mir viel zu viel Pathos!“ Und da war sie wieder, diese komische Grundhaltung meiner Mitmenschen gegenüber dem Komponisten. „Ist mir zu prätentiös“, „Oh, der mit dem Größenwahn“, „Ja toll, Wagner, aber nee, lass mal.“ Aber ich kann es nicht lassen. In diesem Fall kann mein Herz euch nicht zu stimmen. Liebe Freunde und Mitmenschen, lest das hier als Aufruf: Lasst mehr Wagner in euer Leben!

Woody Allen sagte einst: „Immer wenn ich Wagner höre, spüre ich den inneren Drang, in Polen einmarschieren zu müssen.“ Aber Wagner ist natürlich mehr als nur Pathos und Welteroberungsphantasie. Wagner ist schiere Schönheit und überwältigende Kraft. Und hier muss dringend gelten: Musik ist Musik, Kunst ist Kunst, und Politik bleibt außen vor. Richard Wagner gehört zu unserem Kulturkreis wie die Mythen um Weihnachten und Ostern. Sein Werk überlagert unser Gedankengut. Denkt man an Siegfried, denkt man sich Wagners Siegfried mit. Spricht man über Brünhild, erklingt Wagners „Wunderfrau“ in uns. Und wer sich den Untergang der Nibelungen vorstellt, hat die Takte der Götterdämmerung im Ohr. Diesem Einfluss können wir uns gar nicht entziehen. Wir wurden verführt und überwältigt, vielleicht nur mit dem kleinen Unterschied, dass sich die einen wissentlich verführen lassen und die anderen unwissentlich.

Worin liegt die Verführung?

Ich ließ mich letzten Sommer wissentlich auf die Reise mit Wagner ein. Eine sinnliche Erfahrung, eingetaucht in eine feine Materie, feiner noch als die Luft um uns herum. Strahlend und formbar und vor allem für uns bewegbar und erfahrbar. Sie fließt durch uns hindurch und die Melodien werden zu unseren Atemzügen. Die Substanz wurde zu meinem Lebensrhythmus. Ich litt mit Amfortas, erkannte mit Gurnemanz und vielleicht kam ich auch meiner Erlösung näher durch den Weg des Parzifals. Entrückt blieb ich, nach sechs Stunden Grünem Hügel,  in der Welt zurück. Selten war eine Oper erschöpfender oder verführender in ihrer Wirkung, die Welt mit dem Hörer in Empfindsamkeit zu vereinen. Aber das ist offenherzig nur mein Zugang zu dem wagnerischen Werk.

Pompös und zeitlos

Auch nach 200 Jahren kommt Wagner nicht zur Ruhe. Überzeitlich und ewig gültig sollen seine Werke sein. Und noch über seinen Tod hinausging der Mythos des gebürtigen Leipzigers und späteren Bürger Bayreuths fast fugenlos in den Mythos des Grünen Hügels über. Und alljährlich schauen wir nach Bayreuth, um die Wirkung, das Wollen und die Stärke der Musik zu zelebrieren.

Richard Wagner war mehr als nur Musiker. Er war Dichter, Philosoph, Politiker und Denker, ein Vorreiter für eine neue Zeit. Er war ein Mann von ungeheurer charismatischer Strahlkraft und scharrte geradezu Jünger um sich herum, die der wagnerischen Selbstinszenierung erlagen. Und gerade diese Vielschichtigkeit wird oft diskutiert und hallt bis heute nach. Wagners Rezeptionsgeschichte reicht auch ins 21. Jahrhundert hinein.

Wagner zu Gast in Greifswald

Anlässlich des diesjährigen Jubiläums sind auch in Greifswald zahlreiche Veranstaltungen und Vorträge auf der Tagesordnung. Den Start ins Wagnerjahr gibt die 14-tägige Richard-Wagner-Ringvorlesung, die gemeinsam von dem Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft  und dem Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg organisiert wird. Beginn der Vorlesungsreihe ist der 3. April 2013 um 20 Uhr im Wissenschaftskolleg mit dem einführenden Thema „Wagners Leben und Werk“. Hierbei sollen diese aus wechselnden Perspektiven beleuchtet werden. Am 7. Mai 2013 um 18 Uhr findet die Lesung „Wagner und Verdi. Zwei Europäer im 19. Jahrhundert“ in Kooperation mit der Buchhandlung Hugendubel statt. Und am 14. Mai um 19 Uhr sowie am 22. Mai 2013 folgen der Themenabend und der Filmabend zum Thema Parsifal im Dom St. Nikolai. Die Reihe endet am 3. Juli 2013 mit dem abschließenden Thema „Wagners Musikdrama als theatraler Kommunikationsprozess – gestern und heute.“ Damit natürlich nicht genug. Wer sich die Termine noch mal im Einzelnen genauer anschauen möchte, kann diese auf der Internetseite des Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg Greifswald unter der Rubrik Veranstaltungen einsehen.
Zum Abschluss soll der Prinzipale nun selbst zu Wort kommen: „Wer als Meister ward geboren, der hat unter Meistern den schlimmsten Stand.“

von Saskia v. Swiontek