Der kleine, graue Zettel in ihren Händen ist voller Knicke und an manchen Stellen eingerissen. Die Hände zittern und das Blatt vibriert im Takt. Wie konnte er nur? Was für eine Blamage. Das Lachen ihrer Freundinnen erreicht ihre Ohrmuschel kaum. Mit hochrotem Kopf und Tränen in den Augen läuft sie davon. Alles hätte so schön werden können.

Vor gut drei Monaten fielen Marie die blauen Augen am anderen Ende der kleinen Kneipe zum ersten Mal auf. Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen. Auch der Unbekannte konnte seinen Blick nicht mehr von ihr wenden. Er ist nicht mal mein Typ, dachte sie sich. Trotzdem zeigte sie sich fasziniert von den Augen. Viel zu schnell wollten ihre Freunde gehen – keine Chance mit dem Unbekannten zu sprechen. Zwei Tage später musste sie im Supermarkt um die Ecke die letzten Besorgungen machen. Dort tauchten diese kristallblauen Augen direkt vor ihr auf. Sie konnte es nicht glauben; was für ein (glücklicher) Zufall – oder war es Schicksal?

Vor all ihren Freunden hatte er sie lächerlich gemacht. Er wusste genau, wie sie zu ihm stand, aber nein – er musste ja alles zerstören. Immer weiter tragen ihre Füße sie durch ihre Heimatstadt. Der Zettel in ihrer Hosentasche zieht sie nach unten.

Beim spontanen Supermarkt-Treffen blieb es nicht; immer öfter sahen sich die beiden. Im Park, in der Kneipe oder in der Nachtvorstellung des Kinos. Er fühlt bestimmt das Gleiche wie ich, zumindest dachte sie das. „Hast du nicht Lust heute mit auf die Party zu kommen?“ Ein Schock. Mit ihm in die Öffentlichkeit? Er ist doch gar nicht mein Typ. „Ich hab leider keine Zeit, entschuldige bitte. Aber wir können morgen wieder in den Park gehen, oder?“ „Ja, das können wir, aber willst du dich mit mir überhaupt zeigen?“ „Natürlich, ich hab heute nur keine Zeit.“ Ich kann mich doch mit ihm nicht bei meinen Freunden zeigen, dass geht einfach nicht, dachte sie. Was für ein dummer Tag! Schlimmer konnte er heute nicht werden. Ihre Laune verschlechterte sich seit dem Morgen. Sie war gerade auf dem Weg in den Park zu ihrem geheimen Treffpunkt, wo nur er auf sie warten wird. Und da stand er und konnte es nicht abwarten, sie in den Armen zu halten. Endlich war sie bei ihm. „Du schmeckst nach Himbeeren und Schokolade“, flüsterte sie ihm zärtlich zu. Auf ihren Lippen erscheint ein spitzbübisches Grinsen. Beide fingen lauthals an zu lachen. In Maries Augen schwimmen Freudentränen. Er schafft es mich immer zum Lachen zu bringen und den Alltag zu vergessen. Mein Schokohimbeerküsser.

Das werde ich ihm nie vergeben! Die Wut in ihrem Bauch lässt sie durch die Gassen streifen. Niemanden um sie herum nimmt sie mehr wahr. Erst am Rathausplatz bleibt sie stehen. Wohin soll ich nur? Plötzlich tauchen wieder diese blauen Augen auf, genau wie vor drei Monaten. Ein Lächeln bedecken seine Lippen. Bei diesen blauen Augen kann auch sie sich das Lächeln nicht mehr verkneifen. Langsam nähern sich die beiden. Mit dem Ärmel ihres Pullovers wischt sie sich über ihr Gesicht.  Nur wenige Zentimeter bleiben sie voreinander stehen. „Und bekomme ich eine Antwort?“ Seine Stimme löst in ihr ein Kribbeln aus, als wären eine Million Ameisen in ihrem Körper. „Willst du jetzt mit mir gehen?“ Er wird ungeduldig. „Ja, will ich gerne.“ Der Zettel mit der kleinen Frage „Willst du mit mir gehen?“ wirkt auf einmal nicht mehr so schwer, eher federleicht. Seine Augen funkeln ihren entgegen und ein Lächeln huscht über beide Lippen. Nach unzähligen Minuten trennen sich die beiden voneinander. „Mein Schokohimbeerküsser.“

von Corinna Schlun

Grafik: Daniel Focke