„Gut Nacht. Gut Nacht. Die Trennung tut schön weh. Ich sag gut Nacht, obwohl ich schon Morgen seh.“ Eine der berühmtesten Liebesgeschichten wird neu inszeniert -schonungsloser denn je!

Alteingesessenen Shakespeare-Freunden bleibt während der Theatervorstellung der Atem stehen.  Neu und provokant wird die schöne Tragödie um Romeo und Julia dargestellt. André Rößler inszeniert das Stück nach Shakespeare und Thomas Brasch. Braschs Experimentierfreudigkeit ist unlängst bekannt, er machte auch kein Halt vor Shakespeare. Ab 1986 begann er mehrere Stücke von Shakespeare zu übersetzen und dabei war er sich „der verzerrenden Dimensionen seiner ‚produktiven Rezeption‘ der Shakespeareschen Poetik bewusst.“

Und genau das wird in dem Theaterstück hervorragend bewiesen. Von der ersten Szene an ist der Besucher in den Bann gezogen. Erwartungsvoll richtet sich der Blick auf die dunkle Bühne, doch plötzlich lässt ein lauter Knall den gefüllten Saal aufschrecken. Die Köpfe drehen sich zur Seite. Polternd stürmt Zalando in den Saal und eröffnet das „Fratzenfest“. Der Zuschauer wird während des gesamten Stückes interaktiv miteinbezogen, von Romeos Kletterkünsten zwischen den Besuchern bis hin zur Balkonszene, die auf dem Rang des Theatersaals stattfindet. Der Blick des Zuschauers wandert von einer Ecke zur nächsten, was sich nicht immer als Vorteil erweist, so weiß manch einer nicht mehr, wo er hinblicken soll. Die Szenerie wird ins 21. Jahrhundert versetzt. Die Montagues sind leger gekleidet. Die Aufmachung erinnert an die Hip Hop-Szene. Weder Benvolio, Romeo noch Mercutio nehmen ein Blatt vor dem Mund. Die sexistischen Witze zwischen ihnen werden schonungslos aufgedeckt und nicht durch eine hochgestochene Sprache beschönigt. Dreckig und teilweise lustig wird das Ganze durch die Mimik und Gestik unterstützt. Zugegeben, der häufig übertriebene Sexismus stört im Gesamtbild. Auch die Rolle des Mercutio kommt einfach zu kurz, besonders viel Tiefgang wird ihm nicht zugesprochen. Die Capulets hingegen wirken in ihren Anzügen aalglatt, einzig Tybalt als Unruhestifter bekam das Image eines Rockers. Julia verpasst man das klassische Bild einer pubertierenden Dreizehnjährigen, deren Naivität sich leider durch das gesamte Stück zieht. Der Hass der beiden Häuser wird wirkungsvoll dargestellt; so wird die blutige Auseinandersetzung zwischen Tybalt und Mercutio im ersten Akt mit aggressiver Metalmusik untermalt. Im finalen Kampf entdeckt der Besucher bekannte Szenen aus der Medienwelt. Matrix und Star Wars-Szenen geben Tybalt schließlich den Todesstoß. Escalus ertönt als bedrohliche und übermächtige Stimme über die Bühne. Im Hintergrund wird ein künstlerischer Videoclip abgespielt.

Als besondere Szene erweist sich das Fest der Capulets. Inmitten von Elektromusik und eindrucksvollen Neonlichtern umgeben sowie von Masken, die zu Fratzen verzerrt sind, treffen Romeo und Julia aufeinander. Ungeniert, stürmisch und leidenschaftlich zugleich wird das Feuer ihrer Liebe entfacht. So süß wie ihre Hochzeitnacht ist, so bitter ist ihr Ende.

Im Grand Finale werden dann die Erwartungen des eingefleischten Shakespeare-Freund übertroffen. Alle bisherigen Unstimmigkeiten, wie die Ersetzung Lorenzos durch Zalando oder die schlechte Darstellung des Graf Paris, der eher schmierig als edel wirkt, können leichter verziehen werden. Luftballons versinnbildlichen die Herzen der zwei Liebenden. Romeo bricht sich verzweifelt selbst das Herz, Julia, bekümmert über den Verlust ihres Geliebten, lässt in ganz romantischer Manier ihr Herz gen Himmel fliegen. Das Stück endet mit einen herzzerreißendem Schrei von Zalando. Der Shakespeare-Freund atmet auf.

von  Preciosa Alberto 

Foto: Gunnar Lüsch