Rezension

Bewegend und dabei immer auf andere Weise berührend zeigt „360°- Jede Begegnung hat Folgen“ von Fernando Meirelles, eine Vielzahl von Geschichten, welche aufgrund der getroffenen Entscheidungen der Protagonisten sich nicht nur überschneiden, sondern auch gegenseitig bedingen können.

„Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Wenn der Weg eine Gabelung hat, dann nimm sie. Leider hat er nicht gesagt, welche Richtung man einschlagen soll“, denkt die Slowakin Mirka (Lucia Siposová), die halbnackt von einem zwielichtigem Österreicher fotografiert wird. Die Fotos sind für ein Vermittlungsportal, bei dem Männer Frauen für Sex buchen können. Kurze Zeit später meldet sich der britische Geschäftsmann Michael Daly (Jude Law), der sich auf Geschäftsreise befindet, bei der obskuren Agentur. Der Treffpunkt: ein nobles Wienercafé. Doch dann macht er einen Rückzieher und verschwindet aus dem Café.

Eine Kette von sich gegenseitig bedingenden Episoden nimmt seinen Lauf, in welchen der Zuschauer eine Reihe von Menschen kennenlernt, verteilt in Wien, Paris, Budapest und Denver. Darunter beispielsweise Michaels Frau Rose (Rachel Weisz), die aufgrund des abendlichen Anrufs ihres Mannes ihre eigene Affäre mit dem brasilianischen Fotografen Rui (Juliano Cazarré) beendet, nachdem sie noch einmal mit ihm geschlafen hat. Zur weiteren Verkettung kommt es durch Ruis Freundin Laura (Maria Flor), welche aufgrund der Untreue Rui Richtung Rio verlassen will. Im Flugzeug lernt sie dann einen älteren Herren (Anthony Hopkins) kennen, der auf dem Weg ist, um wieder aufs Neue eine Verstorbene nicht als seine vermisste Tochter – die Laura sehr ähnlich sieht – zu identifizieren. Aufgrund eines Schneesturms machen sie Stopp in Denver, wo Laura auf den jungen Tyler (Ben Forster) trifft und nichtsahnend den soeben aus der Haft entlassenen Sexualstraftäter mit auf ihr Hotelzimmer nimmt. Verknüpft werden die Erzählungen durch einen interessanten Filmschnitt und einer eleganten Kameraführung, die wie die Geschichte immer wieder aufs Neue verblüffen. Und so werden nach und nach die einzelnen Erlebnisse miteinander verknüpft, um dann ein Ganzes zu bilden, was aber nie abschließend ist, sondern immer weiter fortläuft.

von Ulrike Günther

Foto: ©ProKino