Des Studenten treuster Freund: sein Fahrrad. Schnell zur Uni gedüst, Platz gesucht und angeschlossen. Aber was ist mit denen, die ihre Räder nicht einfach zurücklassen können? moritz-Redakteure auf einer Entdeckungstour zwischen Rampen und Hürden.

Dienstagnachmittag, 17 Uhr und Sonnenschein. Am Hafen riecht es jetzt sicherlich schon nach Grillanzünder und Sonnencreme. Hier nicht. Im Hörsaal 5 des Audimax ist es stickig, das einzige, was raucht, sind unsere Köpfe. Mein Blick wandert nach draußen. Ich entdecke einen jungen Mann im Rollstuhl, der über den Plattenweg holpert. Ob der wohl auch Student ist? Plötzlich bin ich wieder hellwach. Ich tippe meine Sitznachbarin an. Noch nach der Vorlesung unterhalten wir uns darüber, während wir die Treppen hinuntersteigen. Es sind 28 Stufen bis ins Erdgeschoss. Wie würde er hier eigentlich raufkommen?  Laut §54 im Sozialgesetzbuch XII ist der Besuch einer Hochschule in den Leistungen der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen aufgeführt. Den gesetzlichen Anspruch auf ein Studium hätte er also – aber ließe sich dieser auch umsetzen? Hier im Audimax entdecken wir immerhin eine behindertengerechte Toilette sowie ein Piktogramm an der Eingangstür, mit einem Pfeil in Richtung Innenhof. Dort befindet sich an der Rückseite des Gebäudes ein Aufzug ins Erdgeschoss. Und schon beginnen die Probleme. Für die Bedienung benötigt man nämlich einen Schlüssel. Ob man am späten Nachmittag allerdings noch jemanden in der Verwaltung erreicht, ist fraglich.

Rolling über Stones

Zuhause informieren wir uns über das Thema im Internet. Der Suchbegriff ‚barrierefreies Studieren‘ führt zu etlichen Seiten von Bund, Ländern und sozialen Projekten, die sich mit den Studienbedingungen für chronisch Kranke und Menschen mit Behinderung auseinandersetzen. Auf www.behinderung-und-studium.de werden die besondere Studienplatzvergabe, die Finanzierungsmöglichkeiten sowie die gesetzlich geregelten Unterstützungsleistungen während des Studiums für Betroffene erläutert. Die Homepage unserer Universität liefert auf den ersten Blick keine Informationen dazu. Erst nach längerem Suchen stoßen wir auf den Beauftragten für behinderte Studierende an der Uni Greifswald, Professor Michael Herbst. Dieser befindet sich derzeit in einem Forschungsfreisemester in Schweden und ist daher nicht erreichbar. Die Zuständigkeit auf Seiten der Studierendenschaft liegt bei dem Referat für Soziales, Wohnen und Studienfinanzierung des Allgemeinen Studierendenausschusses. Doch auch diese Stelle ist momentan nicht besetzt und muss im Bedarfsfall von einem der anderen Referenten vertreten werden. Über den Grad der Barrierefreiheit an unserer Uni und die Schwierigkeiten im Alltag für Rollstuhlfahrer haben wir also nichts erfahren. Am folgenden Tag wollen wir uns daher selbst ein Bild machen. Auf dem Prüfstand: wichtige Anlaufstellen im Studienalltag. An der Universitätsbibliothek am Beitz-Platz finden wir direkt eine Rampe, die zur Eingangstür führt, welche elektrisch geöffnet werden kann. Innen sehen wir eine weitere Rampe, die ausgewiesene Behindertentoilette sowie einen Aufzug für alle Stockwerke. Moderne Technik in modernem Gebäude.  Die einzige Hürde bestünde wohl aus einem Buch im obersten Regalfach. Wir fahren nun weiter zur Mensa am Schießwall. Auch hier sieht es gut aus: Rampe, Toilette, Aufzug. Auch wenn uns kein Rollstuhlfahrer begegnet, sehen wir eine Mutter mit Kinderwagen, die die Alternative zur Treppe nutzt. Die Vorteile barrierefreier Gebäude kommen vielen zugute. Anschließend besuchen wir den Copyshop in der Kuhstraße. Ab hier wird es schwierig. Neun Stufen bis zum Kopierer. Die Mitarbeiter versichern uns zwar ihre Hilfsbereitschaft, wer allerdings gerne selbst ein Auge auf den Druckvorgang haben möchte, muss bis zur großen Filiale in der Walther-Rathenau-Straße fahren.

Bestandsaufnahme mit Rollstuhl

Ohne Alternative stehen die Institute da. Dabei spielt sich doch gerade hier der Großteil unserer Vorlesungszeit ab. Wie aber soll man an einem Seminar teilnehmen, das man nicht erreichen kann? Genau diese Frage haben sich im Mai 2011 die Beauftragten der Schwerbehindertenvertretung für Mitarbeiter an der Universität Greifwald gestellt und eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Unter der Leitung von Mike Naujok vom Hochschul-Referat für Zentrale Dienste führten studentische Hilfskräfte eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Beschaffenheit universitärer Gebäude durch. Über 60 Häuser wurden dabei mit dem Rollstuhl besucht, protokolliert und in drei Kategorien eingestuft: als „voll barrierefrei beziehungsweise leicht eingeschränkt“ gelten 19 Prozent, „eingeschränkt barrierefrei“ sind 28 Prozent und „nicht barrierefrei“ 53 Prozent. Zur ersten Kategorie werden unter anderem das Rechenzentrum, die Universitätsbibliothek oder das Institut für Biochemie gezählt. Als „eingeschränkt barrierefrei“ gelten laut Projektbericht auch solche Gebäude, die durch kleinere Umbaumaßnahmen wie das Anbringen von Piktogrammen oder die Installation von Rampen zugänglich gemacht werden könnten. Hierunter fallen das Audimax, das zentrale Prüfungsamt und die Fachbibliothek am Schießwall. Mit dem Prädikat „nicht barrierefrei“ wurden über die Hälfte der universitären Gebäude versehen, was hauptsächlich ihrem Alter geschuldet ist. Ende des 19. Jahrhunderts wurden beim Bau andere Prioritäten gesetzt. Hinzu kommt, dass viele Institutsgebäude ursprünglich als Wohnhäuser geplant waren und daher nicht den Ansprüchen heutiger Nutzung entsprechen, wie im Bericht zu lesen ist. Abgesehen von finanziellen Fragen kann auch nicht jedes Gebäude zugunsten der Barrierefreiheit saniert werden. Ein geplanter Aufzug für die obere Etage des Audimax musste aus Gründen des Denkmalschutzes verworfen werden.

Dennoch erkannte die Universitätsleitung den Bericht der Arbeitsgruppe einschließlich der Verbesserungsvorschläge als sehr hilfreich an und veranlasste sogleich die „Umsetzung im Rahmen ihrer Möglichkeiten“, so Naujok. Daraufhin sind zum Beispiel behindertengerechte Parkplätze eingerichtet worden. Am Ende unseres Rundgangs schauen wir noch einmal im Zentralen Prüfungsamt vorbei und nehmen Anlauf für zwei alte, verwitterte Stufen. Doreen Hallex, die kommissarische Leiterin, weiß um das Problem und erzählt, dass eine portable Rampe seit Längerem geplant ist. Sie kann sich allerdings an keinen Fall erinnern, in dem ein Student um Hilfe bat, da er die Stufen nicht bewerkstelligen konnte.

Blick in die Zukunft

Es scheint, als würde der Bedarf nach rollstuhlgerechten Universitätsgebäuden eher gering sein. Nichtsdestotrotz ist es erforderlich, derartige Baumaßnahmen voranzutreiben. Selbst wenn kein Student unserer Uni auf die barrierefreien Zugänge angewiesen wäre, so gilt es doch, an die verschiedensten Nutzer der Gebäude zu denken, so wie körperlich eingeschränkte Gastredner und Gasthörer oder Studenten, die einen Unfall hatten und zeitweilig „schlecht zu Fuß“ sind. Denn wer will schon seinen Studienort wechseln, nur weil er einige Monate lang im Erdgeschoss gefangen ist? Mittlerweile stehen nicht nur Neubauten im Zeichen der Inklusion unserer Universität, sondern auch die Sanierungen der historischen Gebäude. Doch selbst wenn alle baulichen Maßnahmen für eine rollstuhlgerechte Uni umgesetzt würden, könnte sie längst noch nicht als behindertengerecht eingestuft werden. Vollständige Barrierefreiheit bedeutet, auch hör- und sehbehinderten Menschen das Studium zu ermöglichen, etwa durch technische Lernhilfen oder einen Gebärdendolmetscher.

Bis es soweit ist, werden wir wohl nicht mehr hier studieren. Trotzdem ist es gut zu wissen, dass langsam etwas ins Rollen kommt. Wir zwei bewegen uns jetzt erst einmal an den Hafen. Auf der Wiese gibt es keine lästigen Schwellen – ob zu Fuß oder auf Rädern, jeder kann sich dort frei bewegen und den Feierabend genießen.

von Laura Hassinger und Laura Ann Treffenfeld  

Foto: Lisa Klauke-Kerstan