Die Bologna-Reform ist der bekannteste Vertreter einer Modernisierungswelle, die seit dem Jahrtausendwechsel über deutsche Hochschulen schwappt. Die Verlagerung der Doktorandenausbildung in Graduiertenkollegs und Juniorprofessuren gehören ebenso dazu. Wie wird die Zukunft aussehen?

Bis zur Jahrtausendwende war die universitäre Laufbahn – lässt man die Staatsexamina mal außen vor – einheitlich unstrukturiert und individualisiert. Man suchte sich seine Lehrveranstaltungen und Scheine anhand lockerer Kriterien zusammen, absolvierte einige notenrelevante Prüfungen, schrieb eine Abschlussarbeit und bekam einen Magister oder ein Diplom. In der Doktorarbeit forschte man ein paar Jahre unter der Aufsicht eines Professors vor sich hin, hielt nebenbei ein paar Seminare und schrieb seine Ergebnisse am Ende zusammen. Die Habilitation verlief im Grunde  ähnlich und danach stand im Idealfall der Ruf auf eine Professur.

Diese individualisierte Ausbildung war ideal für intelligente, talentierte Wissenschaftler, die von ihren Professoren entsprechend gefördert wurden. Sie konnten sich ihre Ausbildung für sich passend gestalten und waren der Grund für den exzellenten Ruf deutscher Wissenschaftler im Ausland. Doch nicht alle konnten dieses System optimal nutzen, gerade weil man in fast allen Stadien der Ausbildung massiv auf einzelne Professoren angewiesen war und einige wenige dieser Verantwortung nicht gerecht wurden. So kam es zu vielen Verzögerungen und dem Scheitern einiger Studenten. Bei der Erlangung einer Professur war deshalb gutes Timing und Glück gefragt.

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Die Reformen sollten die Ausbildung planbarer und risikoärmer machen. Doch oftmals wurden nur die für die Studierenden unangenehmen Seiten umgesetzt, im Falle der Bachelorausbildung kennen die meisten Leser diese vermutlich besser als der von Bologna verschonte Autor. Doch wie geht es weiter?

Grundsätzlich klingt das Graduiertenkollegkonzept durchdacht. Man wird von zwei Professoren betreut, die Arbeit erfolgt in geregelten Abschnitten, man tauscht sich mit anderen Doktoranden aus. Doch in der Realität kann von der doppelten Betreuung wenig übrig bleiben und die Abschnitte der Promotion erkennt man nur an halbjährlich anfallenden Berichten. Dafür darf man zu Vorträgen gehen, die zu Lehrveranstaltungen des Kollegs deklariert wurden, auch wenn sie nichts mit dem Promotionsthema zu tun haben. Auch die Juniorprofessur taugt oft nur wenig als geregelter Weg zur Vollprofessur. Während der Juniorprofessur gibt es teilweise keine Mittel von der Universität, so dass der theoretisch selbständige Professor vom Lehrstuhlinhaber abhängig ist. Sind die vorgesehenen sechs Jahre um, gibt es meist keine Möglichkeit auf eine reguläre Professur zu wechseln. Es folgt der Kampf mit habilitierten Konkurrenten um richtige Professuren. Diese Kritikpunkte kamen schon 2004 in einer Studie der Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) nahen Jungen Akademie auf. Geändert hat sich seither wenig, so war 2007 nur in acht Prozent der Stellen die Möglichkeit der permanenten Berufung vorgesehen.

mm106_Hopo_9_Diplom_Corinna(rgb)Die meisten Beteiligten an den Hochschulen sind mittlerweile der Überzeugung, dass weitere Reformen nötig sind. Doch in welche Richtung sollen diese gehen? Der Soziologe Clemens Albrecht forderte 2009 in der Zeitschrift Lehre und Forschung, dass die Freiheit der Professoren wieder vergrößert werden müsse. Seiner Meinung nach bräuchte man für die Entwicklung genialer Ideen langjährige Freiheit und für einen genialen Kopf müssten auch zahlreiche mittelmäßige Professoren mitgetragen werden. Doch sind es wirklich die Professoren, deren mangelnde Freiheit die deutschen Universitäten beschneiden? Professoren haben auch heute grundsätzlich viele Freiheiten, wenn sie sich keinen bürokratischen Planspielen und Zielvorgaben unterwerfen wollen, müssen sie nur finanzielle Einbußen hinnehmen.

Was Albrecht übersieht, ist, dass grade in den experimentellen Wissenschaften Forschung immer Teamarbeit ist. Für erfolgreiche Wissenschaft benötigt man nicht nur einen genialen Kopf an der Spitze, sondern auch motivierte und talentierte Mitarbeiter. Diese zu erhalten und zu fördern wird die große Herausforderung der deutschen Hochschulpolitik in den kommenden Jahrzehnten sein. Ein Part wird dabei sein, wie die Entscheider von morgen die Reformen sehen, die sie als junge Menschen austesten mussten. Die Rolle rückwärts zu den Zuständen des 20. Jahrhunderts muss und wird dabei nicht die Lösung sein. Sicherheit und Planbarkeit müssen Merkmale universitärer Laufbahnen sein, ansonsten werden junge Wissenschaftler abgeschreckt. Was dabei aber auch nicht zu kurz kommen darf, ist die Freiheit, auch mal etwas anders zu machen als die meisten. Ein Punkt wird die schwierige Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Tiefe und arbeitsmarktbezogener Ausbildung sein. Ob der Weg weiter zu einer Einheitshochschule mit beiden Möglichkeiten oder zu einer Differenzierung zwischen Forschungsuniversitäten und anwendungsorientierten Hochschulen geht, ist heute völlig offen. Um ein Bild zu bemühen: Früher war die universitäre Entwicklung oft gleich einem Irrgarten, heute ähnelt sie eher einer graden, engen Straße. Das Ziel muss sein, eine breite, offene Allee zu schaffen, die Orientierung gibt, dabei aber auch Freiheit für eigene Wege gibt. Wie man diese Allee nennt ist dann zweitrangig.

von  Florian Bonn

Grafiken: Katrin Haubold und Corinna Schlun