Vom Schneidergesellen zum Grafen in nur wenigen Minuten – wenn Kleider Leute machen, dann kann das zu komischen Verwechslungen führen.

So geschehen auch mit Wenzel Strapinsky. Der Schneidergeselle macht sich aus seinem Dorf Seldwyla auf, um die Welt zu erkunden. Auf seinem Weg greift ihn ein Kutscher mit einer herrschaftlichen Kutsche auf und nimmt ihn mit in den kleinen Ort Goldach. Aufgrund seines vornehmen Mantels, der Pelzmütze und durch das Zutun des Kutschers halten die an ein geregeltes Leben gewöhnten Dorfbewohner Strapinsky für einen polnischen Grafen, was Aufregung und Leben in das Dorf bringt – und Strapinsky in einige unangenehme Situationen.

Bekannt dürfte diese Geschichte noch aus Schulzeiten sein, denn es handelt sich um Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“, die Alexander Zemlinsky in einer musikalischen Komödie umsetzte. Besonders spannend ist die Integration des Orchesters auf der Bühne. Denn die Musiker sind nicht wie sonst üblich im Orchestergraben versteckt; das Orchester ist Teil der Bühnenschau. Da werden die Kontrabässe schon einmal während des Spiels abgestaubt, die Darsteller schäkern mit den Musikern, fordern sie zum Tanzen auf und flitzen zwischen ihnen hindurch. Vor einem Hintergrund, der an Häuserfassaden erinnert, sitzen die Musiker und lassen die Bühne dadurch sehr belebt und geschäftig wirken.

Strapinsky (Bragi Bergthórsson) selbst ist anfangs total überrumpelt von seiner neuen Rolle als Graf und schafft es nicht, den Irrtum aufzuklären. Jedoch genießt er auch die Vorzüge, die die Stellung ihm bringt: Er ist angesehen, die Rolle als sagenumwobener Fremde erleichtert ihm den Zugang in die höhere Gesellschaft. Dort lernt er dann auch Nettchen (Liubov Belotserkovskaya), die Tochter des Amtsmanns kennen und lieben. Und auch sie ist ihm gegenüber nicht abgeneigt, sehr zum Missfallen eines anderen Brautwerbers namens Melchior Böhni (Alexandru Constantinescu). Böhni stellt Nachforschungen an und holt den ehemaligen Meister Strapinskys (gespielt vom Intendanten des Theaters Vorpommern, Dirk Löschner) ins Dorf. Der zeigt Stapinskys Geschichte in einem Puppenspiel und lässt den Schneidergesellen dadurch auffliegen. Die Bewohner schelten ihn, er jedoch macht ihnen zum Vorwurf, dass sie ihn regelrecht in die Rolle des Grafen gedrängt hätten, ohne dass er sich davon hätte befreien können; nur Nettchen gegenüber sei er schuldig. Strapinsky will das Dorf verlassen, doch Nettchen hält ihn auf: Mit einem Schild „Schneidermeister Wenzel Strapinsky“ zeigt sie ihm, dass sie, wenn schon nicht die Frau des Grafen, dann doch wenigstens die Frau des Schneiders werden will.

Die Darsteller sind im Großen und Ganzen gut zu verstehen. Man sollte trotzdem das Programm vorher lesen, um wirklich dem Geschehen folgen zu können. Die Liebesbeziehung zwischen Strapinsky und Nettchen wirkt teilweise gestelzt, Böhnis Unmut über das Eindringen Strapinskys hingegen ist recht deutlich zu spüren. Die Bühnendekoration ist schlicht gehalten und doch ausreichend. Große Briefmarken verdecken die Noten auf den Notenständern der Musiker, was zu Beginn der Komödie doch ziemlich rätselhaft ist. Gleichwohl spielen Briefmarken eine besondere Rolle, sind sie doch das Mittel um den Wohlstand der verschiedenen Personen zu demonstrieren. Die Liebe zum Briefmarkensammeln bekommt somit eine ganz neue Bedeutung. Und so werden sie in Form von Zigarren geraucht und beim Fest als berauschendes Mittel eingesetzt. Oder verwandeln sich in Amtskette und Schärpenschmuck – ganz nach dem Motto: Nicht nur Kleider, sondern auch Briefmarken machen Leute.

von Katrin Haubold

Foto: Gunnar Lüsch