Der gebürtige Münchner Professor Marius Mayer kam für den noch jungen Masterstudiengang „Tourismus und Regionalentwicklung“ nach Greifswald. moritz fragte ihn, wie sich der Master entwickeln könnte, wo er sich in 20 Jahren sieht – und warum die Bayrischen Alpen sein Forschungsschwerpunkt an einer Universität an der Ostsee sind.

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Professor Marius Mayer (30)
ist seit April 2013 Juniorprofessor für Wirtschaftsgeografie und Tourismus

Haben Sie Ihr bisheriges Leben in München verbracht?
Anteilsmäßig wahrscheinlich ja. Ich bin dort zur Schule gegangen und habe dort studiert. Ich wohne aber seit einiger Zeit nicht mehr dort. Nach einem Intermezzo in Zürich bin ich für meine Promotion nach Würzburg gegangen, von dort nach Kanada. Seit wenigen Monaten bin ich nun in Greifswald.

Was hat Sie daran gereizt, nach Greifswald zu kommen?
Die ausgeschriebene Stelle klang reizvoll. Ich habe es einfach mal versucht und mich auf die Ausschreibung beworben. Die Möglichkeit, in einem ganz anderen geographischen Raum zu arbeiten, spielte auch mit in die Entscheidung. Als Geograph interessierte mich das natürlich besonders.

Ihre aktuellen Forschungsarbeiten befassen sich unter anderem noch mit den Bayerischen Alpen. Werden die Forschungen auf den Ostseeraum ausgeweitet?
Ich möchte zunächst erst einmal eine Reihe von ‚Altlasten’ abarbeiten. Außerdem habe ich mich in diesen räumlichen Schwerpunkt eingearbeitet. Wenn man das einmal gemacht hat, gibt man den Schwerpunkt nicht so schnell wieder auf. Aber ich denke, dass ich im Laufe der nächsten Jahre sicherlich das ein oder andere Projekt hier in der Region bearbeiten werde. Das ergibt sich schon allein durch die Themenstellungen der Abschlussarbeiten der Studierenden. Das wird sich finden. Momentan ist es eher eine Übergangsphase.

Bis jetzt gibt es also noch keine konkreten Vorstellungen, in welche Richtungen sich die Forschung entwickeln könnte?
Das ist relativ offen, ja.

War es Ihr Traum, eine Laufbahn an der Universität einzuschlagen?
(Denkt nach). In gewisser Weise ja, weil mich einfach die Uni, seitdem ich dabei bin – und das ist nun auch schon einige Zeit – immer wieder fasziniert hat. Man hat sehr viel Raum für selbstbestimmtes Arbeiten, den man an anderen Arbeitsplätzen sicher nicht hätte. Außerdem hat man meistens mit sehr interessierten und engagierten Kolleginnen und Kollegen und natürlich Studierenden zu tun. Das Arbeitsumfeld ist sehr angenehm. Zudem werden vermehrt langfristige Sachverhalte bearbeitet. Man muss nicht alles über Nacht, auf den letzten Drücker fertig bekommen. Natürlich ist es auch bei uns so, dass wir leider trotzdem viele Sachen auf den letzten Drücker machen (lacht).

Sie sind für den neuen Masterstudiengang „Tourismus und Regionalentwicklung“ hergekommen. Was bietet er Ihnen?
Mir bietet er die Möglichkeit mich und meine bisherigen Erfahrungen in den beiden Themengebieten in die Lehre einzubringen. Ich kann versuchen, Studierende zu einer Abschlussarbeit bei mir zu gewinnen. Und – das ist auch immer die Idealvorstellung – mit den Studierenden können dann gemeinsam Projekte und eventuell Publikationen herausgebracht werden.

Was bietet der Masterstudiengang den Studierenden?
Den Studierenden bietet er eine fundierte Ausbildung zu den genannten Themenbereichen. Sie haben die Möglichkeit im dritten Semester hier eine Projektstudie zu bearbeiten. Das kann aber auch ein Forschungsaufenthalt im Ausland oder ein Praktikum sein. Damit können sie sich entweder auf den Berufseinstieg vorbereiten oder schon empirische Arbeiten für die Masterarbeit vornehmen, beispielsweise Befragungen oder Datensammlungen.

Wo sehen Sie die Entwicklungsmöglichkeiten des Studiengangs?
Der Studiengang ist noch ziemlich neu. Wir müssen, wenn der erste Jahrgang im Wintersemester 2013/14 ins dritte Semester kommt, eine Art Zwischenevaluation machen – sowohl intern als auch mit den Studierenden. Es ist klar, dass nicht alles sofort reibungslos funktioniert, wenn man einen neuen Studiengang aufmacht. Man stellt vielleicht fest, dass die eine oder andere Lehrveranstaltung anders strukturiert werden muss. Es wird sicher noch einige Semester dauern, bis sich alles komplett eingespielt hat. Der Master hat gute Chancen, weil er eine gewisse Lücke abdeckt. Die touristische Ausbildung ist zum großen Teil an die Fachhochschulen abgegeben worden, was ich teilweise für einen Fehler halte, andererseits aber auch verstehe. Es gibt kaum auf Tourismus ausgerichtete Masterstudiengänge auf Universitätsniveau in Deutschland. Entsprechend können wir ein Alleinstellungsmerkmal für das Institut und die Universität erarbeiten und auch eine wissenschaftsorientierte Tourismusausbildung anbieten.

Inwieweit halten Sie es denn für einen Fehler, dass die Ausbildung kaum noch auf Universitätsebene anzutreffen ist?
Weil Fachhochschulen, für mich zumindest, einen anderen Fokus haben. Sie sind praxisorientierter. Universitäten sollten hingegen einen theoretisch-konzeptionellen Anspruch haben. Und wenn wir international in der Forschung mithalten wollen, müssen wir diese auch betreiben. Der Tourismus ist in Deutschland ein unterschätzter Wirtschaftszweig. Selbiges gilt auch für die Ausbildung. Wenn man sagt, „Ich studiere Tourismus“, dann erntet man müdes Gelächter und Sprüche wie „Ach, du fährst gerne weg?“ Aber das ist ein ziemlicher Fehler. Denn jeder, der sich etwas ernsthafter damit auseinander gesetzt hat, wird feststellen, dass Tourismus ein hochkomplexes System ist, das von verschiedensten Faktoren beeinflusst wird – Geographie ist nur eine davon. Es ist eine Querschnittsdisziplin, und das sollte man nicht vernachlässigen. Nur, weil jeder selbst schon mal in den Urlaub gefahren ist, heißt das noch lange nicht, dass jeder mitreden kann. Das ist so ähnlich wie bei Bildungsfragen: Nur weil wir alle in die Schule gegangen sind, können wir trotzdem nicht überall mitreden.

Woher kommt das Interesse für die Alpen? Durch Ihre Lust am Wandern und Skifahren?
Das hat auch etwas damit zu tun. Ich will nicht sagen, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, denn es gibt sicher Menschen, die sich sehr viel häufiger und länger im Gebirge aufhalten. Es ist einfach mein Interessensgebiet. Wenn man sich in ein Gebiet eingearbeitet hat, dann bleibt man meistens auch dabei. Es ist einfach ein faszinierender Raum. Die Bayerischen Alpen sind natürlich nicht mein einziger räumlicher Schwerpunkt.

„Wenn wir international in der Forschung mithalten wollen, müssen wir sie auch betreiben.“

Welche Schwerpunkte haben Sie noch?
Im größeren Maßstab bezieht sich das auf Gebirge allgemein, das können dann Hoch-, aber auch Mittelgebirge sein. Ich habe zum Beispiel über den Nationalpark Bayrischer Wald promoviert. Während des Studiums und der Promotionszeit war ich ein paar Mal in Afrika und Nordamerika – Schutzgebiete allgemein sind auch einer meiner Forschungsschwerpunkte. Und die gibt es ja überall auf der Welt, mehr als 15 Prozent der Landfläche des Planeten sind Schutzgebiete.

Wo sehen Sie sich in 20 Jahren?
Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in Greifswald sein werde, ist relativ gering. Ich hoffe, dass ich in 20 Jahren eine feste Stelle als Professor haben werde. Wo das sein wird, das weiß ich nicht. Das hat man ja als Wissenschaftler nicht in der Hand. Ich hoffe, dass es tendenziell eher im süddeutschen Raum, in Österreich oder der Schweiz sein wird.

Wenn Sie die hiesige Uni mit anderen Universitäten vergleichen: Was gefällt Ihnen an der Greifswalder Universität und wo sehen Sie Verbesserungspotential?
Zu dem letzten Punkt kann ich nichts sagen, weil ich dazu einfach noch nicht lang genug hier bin. Generell sehe ich einen großen Vorteil darin, dass es verhältnismäßig überschaubar ist. Ich habe in München an einer Universität mit 50 000 Studenten studiert, in Würzburg waren es fast 30 000 und hier sind es ungefähr 12 000. Das hat schon seine Vorteile: Die Wege sind kürzer – auch wenn die Institute teilweise weit in der Stadt verstreut liegen. Hier am Institut pflegt man einen sehr guten Kontakt mit den Studierenden und eine gute Diskussions- und Kommunikationskultur. Ich sehe es als Stärke der Universität, dass sich durch das gute Verhältnis auch eine gute Betreuung für die Studierenden ergibt – wenn sie diese denn in Anspruch nehmen.

Sehen Sie sich später eher an einer großen oder kleineren Universität?
So pauschal kann ich das nicht sagen, das ist abhängig von den Arbeitsbedingungen – die hier sehr gut für mich sind. Mein Ziel ist es, immer möglichst gute Arbeit zu liefern, egal an welcher Universität, ob groß, klein, ob an einer sogenannten Elite-Universität oder nicht. Zumal ich die Einteilung in Elite-Universität und ‚sonstige Universität’ sehr kritisch sehe, denn es wertet die Arbeit der Angehörigen von Nicht-Elite-Universitäten ab. Man kann sowohl an einer Elite-Universität schlechte Arbeit leisten als auch an einer ‚sonstigen Universität’ gute Arbeit – und umgekehrt.

von Katrin Haubold

Foto: Katrin Haubold (Profilbild) und © Pressestelle Universität Greifswald