Als Bekleidungstechnikerin von der schwäbischen Alb ein Abenteuer wagen und neben der Liebe des Lebens auch seine Berufung finden. Genau diesen Weg ging Nicole Mtawa, als sie sich 2005 entschloss Straßenkinder in Tansania zu unterstützen. Als Gründerin des Vereins Human Dreams e.V. kümmert sich Nicole seit 2011 auch um die Träume schwer behinderter Kinder in Indien. Über ihre Eindrücke schrieb sie zwei Bücher: „Sternendiebe“ und „Sonnenkinder“. Doch das nächste Projekt naht schon: Nicole plant ein Kinderdorf in Tansania.

Was sind für dich die zentralsten Unterschiede zwischen Indien, Deutschland und Tansania?
Zwischen Deutschland und Indien ist der größte Unterschied wahrscheinlich das Chaos. Dazu kommt noch das Bunte, was aber ebenso für Tansania gilt. Es ist alles viel farbenfroher und dadurch auch gleich fröhlicher. Im Gegensatz zu Deutschen, die sich eher schwarz und grau kleiden. Außerdem herrscht in Deutschland meist Stille und Langeweile, kann man schon fast sagen. Jeder Tag ist irgendwie geregelt, jeder Tag läuft gleich ab. In Indien wartet man eigentlich ständig darauf, dass irgendwas schief geht oder nicht so läuft wie man denkt. Damit meine ich auch positive Überraschungen.  Im Vergleich von Deutschland und Tansania ist es ganz eindeutig die Fröhlichkeit der Menschen und ihre Gastfreundschaft. Viele schreiben diese Eigenschaften auch Indien zu, aber das ist meiner Meinung nach davon abhängig, wo man ist. Also in Delhi zum Beispiel würde ich nicht die Gastfreundschaft der Menschen loben. Im Gegenteil, die sind eher ausländerfeindlich. Aber Tansania, das ist das gastfreundlichste Land der Welt und auch so unkompliziert. Da gibt es keine Mauern zwischen den Menschen.  An Deutschland schätze ich hingegen das Vertrauen, das man in die Menschen haben kann.

Ist es dir deshalb auch wichtig, dass das Pflegeheim in Indien von deutschem beziehungsweise europäischem Personal geleitet wird?
Ja. Selbst wenn ich jemand seit drei Jahren kenne, hätte ich Angst, enttäuscht zu werden. Da habe ich so viele Erfahrungen gemacht, egal ob in Tansania oder in Indien. Eben in Entwicklungsländern, in denen arme Menschen leben und auch mehr Kriminalität herrscht. Dort sind die Menschen nicht so weltoffen, sondern zu arg in ihren Traditionen verankert. Ich vertraue wirklich niemandem mehr.

Wollt ihr eure Zukunft auch in Indien verbringen?
In der Zukunft wollen wir nur zweimal im Jahr mindestens für jeweils zwei Wochen dort wohnen. Dann kann man wieder sagen, was besser gemacht werden muss und das reicht dann eigentlich auch. Die Frauen machen tolle Arbeit, da hätte ich jetzt keine Sorge, dass das nicht läuft. Dann wollen wir auf jeden Fall zwei Monate in Deutschland sein, damit meine Mutter auch mal ihr Enkelkind sieht. Das können wir gut mit Lesereisen verbinden, damit wir wieder etwas verdienen und Spenden bekommen. Den Rest des Jahres werden wir dann wohl in Tansania sein.

Also würdest du schon sagen, dass Tansania euer Hauptwohnsitz ist?
In Zukunft ja. Die letzten zwei Jahre war es Indien. Ab November wird es aber wieder Tansania. Es ist Jumas Heimat und mir hat es dort immer gefallen. Die Sprache spreche ich wie meine Muttersprache. Hindi spreche ich auch, weil unser Personal teilweise kein Englisch kann, aber ich könnte Hindi nie so lernen wie ich Suaheli gelernt habe. Indien wird für mich auch immer ein bisschen fremder bleiben als Tansania. Ich bin damals nur nach Indien gegangen, weil ich wusste, dass das Land für schwerbehinderte Kinder die Hölle auf Erden ist. Es bringt ja nichts Kindern im Paradies zu helfen. Man muss erst mal in die Hölle gehen, um wirklich was bewegen zu können.

Wieso lässt du so tief in dein Privatleben blicken?
Vielleicht weil alles miteinander verbunden ist. Ohne unser Privatleben, also unserer Begegnung und dem Buch, hätte es das alles gar nicht gegeben. Es gehört einfach dazu. In meinen Büchern schreibe ich viel über Antimaterialismus, also wie man auch mit wenig über die Runden kommt. Manchmal wirken unsere vielen Reisen so, als würden wir uns auf Kosten der Spenden ein schönes Leben machen. Aber wir brauchen eben nicht viel zum Leben. Vielleicht rede ich deshalb so viel über mein Privates, weil in Deutschland einfach ein anderes Denken herrscht. Viele Deutsche können es sich gar nicht vorstellen sich einen Flug nach Tansania zu leisten. Wir, die ja kaum arbeiten, können uns ständig irgendwelche Flüge leisten. Das geht aber nur, weil man auch nicht viel ausgibt, wenn man in Entwicklungsländern lebt. Für viele bleibt es ein Traum, so viel von der Welt zu sehen. Dabei muss es kein Traum sein, man kann sich das mit wenigen Mitteln ermöglichen. Es gibt so viele Möglichkeiten, deswegen erzähle ich immer von dem Gesamtkonzept.

Könnest du dir vorstellen, irgendwann sesshaft zu werden?
In Tansania schon. Das Kinderdorf ist so geplant, dass ich dort die Direktorin bin. Vielleicht merke ich auch nach zwei, drei Jahren, dass es Zeit wird die Leitung abzugeben und in den Hintergrund zu rücken. Die Kommunikation würde dann weiterlaufen, aber ich könnte ein neues Projekt beginnen. Das Dorf soll unser Leben werden. Aber schauen wir mal.

Soll es darüber auch ein Buch geben?
Es scheint, als würde es darauf hinauslaufen. Es gab viele Fragen nach einem dritten Buch. Wenn das Dorf dann steht, wird es wahrscheinlich um das Tansania-Projekt gehen. Vielleicht schreibe ich auch etwas über unsere private Geschichte und die Zeit in Australien. Ich weiß aber nicht, ob ich die Zeit habe zu schreiben. In Eberswalde hatten wir eine Lesung, bei der mir eine Journalistin angeboten hatte, als Ghostwriterin das Buch für mich zu schreiben. Aber ein Buch vom Ghostwriter ist halt nicht dasselbe. Ich kann auch immer nur schreiben, was ich erlebt habe. Ich bin wirklich nicht vom Fach. Bei „Sonnenkinder“ war es besonders schwierig, da alles zeitgleich ablaufen musste. Das war die stressigste Zeit meines Lebens. Beim nächsten Buch muss ich wissen, ob es genug Erzählstoff gibt und dann kann ich wieder los legen.

Warum traust du es dir nicht zu, Mädchen mit Behinderung in Indien zu helfen?
Bei Indien bin ich ein bisschen zwiegespalten. Wir können dort nicht einfach etwas kaufen, wie beispielsweise Land, ein Haus oder ein Auto. Das muss immer alles über Inder gehen. Selbst Spenden nach Indien zu bringen geht nicht einfach so. Man muss eine Genehmigung beantragen, was ein langwieriger Prozess ist. Das alles betrachtend stelle ich es mir sehr schwierig vor, da ich auch vorwiegend in anderen Ländern bin wie Tansania. Wenn es jetzt mehrere Menschen geben würde, die sich dafür einsetzen würden und bereit wären in so einem Land zu leben, dann könnten sie Projekte für mich leiten und führen. Aber auch mit dem Visum ist das sehr schwierig. Man kann nicht einfach mal ein Visum bekommen, das für fünf Jahre läuft. Bei Sarah, der jetzigen Heimleiterin, ist uns es zum Beispiel passiert, dass sie das Visum einfach nicht verlängert haben. Jetzt habe ich zwei Sozialpädagoginnen, die im Mai runtergehen.

Hast du dich aufgrund deines Berufswunsches Hebamme zu werden auf Kinder spezialisiert?
Ich war schon immer vernarrt in Babys. Das Gefühl zu sehen, dass du beim schönsten Ereignis der Mutter in ihrem Leben dabei bist. Die ganzen Emotionen, das Familienglück hat mir schon immer gefallen. Es ist nur daran gescheitert, dass es auf 1000 Bewerber 50 Plätze gab. Dann ist mir das Bekleidungstechnikstudium in die Hände gerutscht und auf längere Sicht bereue ich das nicht. Als ich in den Entwicklungsländern war, hatte ich gar kein Interesse mehr an normalen, gesunden Kindern. Mich haben nur die Kranken, Schwachen und Pflegebedürftigen interessiert, weil man da gesehen hat, dass man mit wenigen Mitteln einen Fortschritt erreichen kann. In Tansania ist mir Jalia begegnet, ein Kind mit einem Gehirntumor. Das war der Einstieg. Es gab auch die Phase, in der ich jugendliche Straßenkinder betreut habe. Sie haben es meist leider nicht nötig auf einen zu hören und deine Ratschläge anzunehmen. Die sind noch nicht so weit unten, dass es bei ihnen ‚Klick‘ machen würde (schaut zu ihrem Mann). Bei ihm hat es ‚Klick‘ gemacht, weil er wirklich ganz unten war. Er wusste genau, wenn er jetzt nichts macht, stirbt er. Entweder an Tuberkulose oder an seinen Drogen. Manchmal braucht man den Zustand um wieder hochzukommen im Leben.

von Ulrike Günther und Lisa Klauke-Kerstan