Während des Nationalsozialismus beschäftigten sich deutsche Universitäten mit „kriegswichtigen Forschungen“ – so auch die Universität Greifswald. Wie es an der Universität zu dieser Zeit aussah, erforschen Unimitarbeiter seit 2011. Im April 2013 wurden einige Ergebnisse vorgestellt.

Karl Reschke und Walter Jacobi waren zwei Greifswalder Professoren, die am 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP wurden. Trotz ihrer Sympathien für die Nationalsozialisten entwickelten sich ihre Leben in ganz unterschiedliche Richtungen: Während Reschke in den Vorkriegsjahren Rektor der Universität war, wurde Jacobi wegen seiner angeblich jüdischen Ehefrau 1938 in den Ruhestand versetzt.

Das sind nur zwei Personen, auf deren Leben Greifswalder Forscher gestoßen sind. Die Wissenschaftler um den Universitätsarchivar Doktor Dirk Alvermann befassen sich mit der Geschichte der Universität zur Zeit des Nationalsozialismus (NS).

Dabei stehen den Wissenschaftlern aller Fakultäten viele Erlasse aus dem Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung zur Verfügung. Im April 1937 etwa wurden Juden ein Promotionsverbot auferlegt – die Greifswalder Medizinische Fakultät ging sogar noch weiter und verbot Deutschen, die mit Juden verheiratet waren, den Erwerb des Doktortitels. Auch sollten Juden möglichst nicht zitiert werden – außer es geschehe in der Absicht, „ihre Auffassung zu widerlegen oder zu bekämpfen“, wie es in einem Schriftstück von 1937 heißt. Auch gibt es einen Brief des Rektors Reschke, der 1936 die Immatrikulation einer „Halbjüdin“ ablehnte. Er begründet die Ablehnung, weil sie wegen ihrer Abstammung möglichen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sein könnte.

Während der NS-Zeit wurde an der Philosophischen Fakultät auch ein „Institut für menschliche Erblehre und Eugenik“ gegründet. Der erste Direktor erklärte im Jahresbericht für 1933/34, die Eigenarten des Instituts lägen „in der ständigen Verbindung experimentell-genetischer Vererbung mit menschlich-erbbiologischer und rassenhygienischer Arbeit“. Es bestünden besondere Beziehungen zwischen der Arbeit am Institut und den Zielen der Staatsführung. Überhaupt stellte sich während der Forschungen heraus, dass Greifswalder Akademiker weit stärker in die Arbeit des NS-Regimes involviert waren, als man bis dato annahm. So wurde unter anderem am Chemischen Institut für die Rüstungsindustrie die Wirkung chemischer Kampfstoffe erforscht. 1940 gab das Wissenschaftsministerium einen Erlass heraus, der die Behandlungsmöglichkeiten von Kampfstofferkrankungen im Lehrplan für Medizin festschrieb.

Wiederentdeckter Bericht bringt Forschungen voran

Seitdem das Rektorat 2011 beschlossen hatte, das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung zu gründen, um die NS-Geschichte an der Universität aufzuarbeiten, sichten die Akademiker die Materialen, unter anderem aus dem Universitätsarchiv oder dem Militärarchiv Freiburg. Aber auch andere Forscher, wie aus Halle, Stockholm und Moskau, arbeiten zu. In Moskau beispielsweise ist ein Untersuchungsbericht der Roten Armee wieder aufgetaucht, der sich mit der Greifswalder Anatomie befasst. Er hilft bei der Suche nach den Namen der Anatomieleichen, an denen die Studenten lernten. Zu diesem Zeitpunkt kamen die Leichen nicht wie heute von freiwilligen Spendern; es waren polnische Zwangsarbeiter, Hingerichtete oder aus an dem Euthanasieprogramm beteiligten Heilanstalten wie in Ueckermünde. Im Jahr 1944 forderte der Direktor des Anatomischen Instituts sogar eine bessere Versorgung mit Leichen.

Im April dieses Jahres stellten die Forscher ihre Ergebnisse vor. „Wichtig sind die Ergebnisse, die wir zur Rüstungsforschung erzielt haben. Wichtig sind die Ergebnisse, die wir zur Zwangsarbeit erzielt haben. Wichtig sind auch die Ergebnisse zum Auslandsstudium und zu den auswärtigen Kontakten“, fasst Alvermann zusammen. Mit dem zweitägigen Workshop sollten Interessierte informiert werden, Alvermann sieht in ihm aber auch einen Impulsgeber für neue Forschungsansätze.

Beendet ist die Aufarbeitung der NS-Geschichte der Universität noch lange nicht. Gerade die Namen von rund 150 noch namenlosen Anatomieleichen werden schwer zu ermitteln sein. Alvermann erklärt: „Ich gehe davon aus, dass Ende 2014 eine geschlossene Darstellung der Geschichte der Universität Greifswald im Nationalsozialismus vorgelegt werden kann.“

von Katrin Haubold

Foto: Universitätsarchiv Greifswald