Sie gelten als umweltfreundliche Alternativen zu Benzin- oder Dieselkraftfahrzeugen. Rund 7 000 Elektroautos fahren laut Statistik des Kraftfahrt-Bundesamts derzeit auf unseren Straßen, 2020 sollen es schon eine Million sein. Doch wie steht es um die Verkehrstauglichkeit der E-Autos, wenn ein Unfall geschieht? Ein fiktiver Gerichtsbericht für das Jahr 2033.

Es ist Mittwoch, der 1. Juni 2033, morgens halb zehn im Greifswalder Amtsgericht. Auf der Tagesordnung steht ein Prozess in zivilrechtlichen Verkehrssachen. Auf gut deutsch: ein Autounfall. Jedoch kein ganz gewöhnlicher, wie sich beim Verlesen der Anklageschrift herausstellt, denn es geht um ein Elektroauto, mit dem eine ältere Dame angefahren und schwer verletzt wurde. Ereignet hat sich der Unfall an der Wolgaster Straße 62 auf dem Parkplatz einer Tankstelle. Die Frau verließ gerade mit einem Blumenstrauß das Tankstellengeschäft, als das lautlos herannahende Auto ihren Weg kreuzte und sie dabei zu Boden warf. Im Krankenhaus wurden zahlreiche Knochenbrüche und schwere Prellungen attestiert. Aufgrund einer verschobenen Folgeoperation kann sie an diesem Prozesstag nicht anwesend sein.

Anders als ein Verbrennungsmotor erzeugt ein Elektroaggregat höchstens leise summende Geräusche. Gerade beim Anrollen ist das E-Auto  kaum zu hören. Aber auch wenn sich das Fahrzeug verlangsamt, auf einen Parkplatz fährt oder diesen verlässt, ist das Unfallrisiko bedeutend höher als für Fahrzeuge mit Benzin- oder Dieselmotoren. In der Europäischen Union sind aufgrund dessen seit dem 1. Januar 2020 künstliche Geräusche für Elektroautos gesetzlich vorgeschrieben. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, diese in seinem Fahrzeug durch einen Eingriff in die Elektronik ausgeschaltet zu haben.

Ein auf Lautlosigkeit getuntes Auto – mittlerweile keine Ausnahmeerscheinung mehr in Deutschland. Immer wieder versuchen Hobbybastler und Spezialisten die synthetischen Geräusche auszustellen oder nach eigenen Vorstellungen zu modifizieren. Erst im April deckten Polizeibeamte bei einer Routinedurchsuchung in Hamburg-Bergedorf eine nicht ins Handelsregister eingetragene Werkstatt auf, die entsprechende Dienstleitungen für Privatkunden ausführte. Hier in Greifswald ist dies jedoch der erste Fall seiner Art, wie der Vorsitzende des Gerichts in seiner Anrede verdeutlicht. Er eröffnet die Verhandlung mit dem Aufruf der drei Zeugen und deren Belehrung. Nachdem der Richter sie über ihre Aussagepflicht und über die Bedeutung des Eides belehrt hat, verlassen sie den Sitzungssaal wieder; der Angeklagte tritt in den Mittelpunkt. Dieser wird vom Richter zunächst zur Person vernommen und muss über seine persönlichen Verhältnisse und seinen Werdegang berichten. Danach verliest der Staatsanwalt die Anklage. „Der typische Motorenklang hat sich für Fußgänger als Signalquelle etabliert. Bei Fahrzeugen mit elektrischem Antrieb fehlt diese, aus diesem Grund gibt es nun einmal das Gesetz für künstliche Geräusche“, erläutert er die Umstände, „Ein Verstoß kann ungeahnte, schwere Folgen mit sich ziehen, wie dieser Unfall beweist.“

Der Angeklagte selbst möchte sich nur ungern zu den gegen ihn erhobenen Beschuldigungen äußern. Er sieht in der Manipulation seines Motorengeräusches keine Straftat und wirft stattdessen dem Opfer grobe Unachtsamkeit vor. Seine tatsächliche Schuld oder Unschuld soll nun durch die Beweisaufnahme festgestellt werden. Als Zeugen treten auf: der Mann der Geschädigten, der Tankstellenwart und eine weitere Kundin, die zum Unfallzeitpunkt gerade eine Tanksäule bediente. Leider ist es keinem der drei möglich, eine umfassende Aussage zu machen, da sie alle erst durch den Knall des Aufpralls auf den Zusammenstoß aufmerksam geworden seien. Aufgrund eines nicht rechtzeitig beim Amtsgericht eingegangenen Gutachtens des Kfz-Sachverständigen plädiert der Verteidiger für eine Vertagung der Verhandlung. Der Richter gibt diesem Antrag statt. Zügig leert sich der Gerichtssaal und schon wenig später kündigen laute Motorengeräusche vor dem Fenster die Abfahrt der Beteiligten an. Ob es sich bei den Fahrzeugen von Richter, Staatsanwalt und Co. um herkömmliche Benziner oder aber ‚rechtmäßig‘ betriebene Elektroautos handelt, bleibt offen.

Alle geschilderten Gesetze, Handlungen und Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.

von Laura Hassinger

Grafik: Daniel Focke