Rezension

Auch, wenn der deutsche Titel der Romanverfilmung eine Geschichte um das Prokrastinationsverhalten amerikanischer Teenager vermuten lässt, entspricht der Film tatsächlich einer berührenden Tragikomödie über Liebe, Drogen und Rock’n’Roll(-kassetten). Im Mittelpunkt der Handlung, die im Jahr 1991 spielt, steht der 15-jährige Charlie (Logan Lerman).

Mit seiner ruhigen Art und regem Interesse an Literatur entzückt er am ersten Tag der High School lediglich den Englischlehrer Anderson (Paul Rudd). Die Rolle des Außenseiters tauscht Charlie jedoch bald gegen die Freundschaft zum lebhaften Geschwisterpaar Patrick (Ezra Miller) und Sam (Emma Watson) ein. Diese Freundschaft lässt Charlie (ähnlich wie die ersten Drogen) Zurückhaltung und Ängste vergessen, sodass er nicht länger als Mauerblümchen im Verborgenen blüht. Er entwickelt Gefühle für Sam – doch obwohl an dieser Stelle jegliche Bedingungen erfüllt wären, Charlie zur Titelfigur einer männlichen Cinderella-Story zu degradieren, wird das Klischee rasch durch Tiefsinn aufgehoben. So erkennt Charlie, dass selbst lebensfrohe Menschen wie Sam und Patrick ihr Päckchen zu tragen haben: Sam vertraut ihm die Umstände ihres Rufes als Schulflittchen an und Patrick erzählt von seiner Beziehung zum Footballspieler Brad. Die Freunde begegnen ihren Tragödien mit Selbstironie getreu dem Motto: „Lasst uns gemeinsam Psychos sein“.

Die Verbundenheit des Films zur literarischen Vorlage wurde gewahrt, indem Autor Steven Chbosky die Regie übernahm. Seine Arbeit fokussiert sich auf die Authentizität der Schauspieler, wohingegen das Potential in der bildlichen Umsetzung der Szenen ungenutzt bleibt. Zweifelsohne gelingt es dem Soundtrack mit Künstlern wie The Smiths und New Order, diese Lücken zu füllen. In Form von sorgfältig zusammengestellten Kassettenmixtapes zeigen sich die Neunziger vor der Ära der Spice Girls und Game Boys von ihrer romantischen Seite. Obwohl Charlies Wesen an einen gewissen Holden Caulfield erinnert, zeigt er sich weit weniger zynisch als „Der Fänger im Roggen“. Somit hinterlässt der Film trotz aller Tragödien und Dramen ein Gefühl von Optimismus. Um es in den Worten der Smiths zu beschreiben: „There is a light that never goes out“.

von Marie Wieschmann

Foto: © capelight