„Jeden Tag eine gute Tat“ – das dachte sich vielleicht auch der Angeklagte in diesem Prozess, glaubt man seiner Erklärung. Wie einem ein angeblicher Freundschaftsdienst zum Verhängnis werden kann, zeigte sich bei dieser Verhandlung vor dem Schöffengericht.

Die Anklage: gewerbsmäßiger Diebstahl und Einbruch. Der Tatort: die Kfz-Zulassungsstelle Greifswald. Entwendet wurden unter anderem Zulassungsbescheinigungen und unausgefüllte Fahrzeugbriefe, die zu gewerblichen Zwecken vervielfältigt und verkauft werden sollten. Der Angeklagte habe sich Zugang zu den Räumlichkeiten verschafft und den Stahlschrank, in dem die Dokumente aufbewahrt wurden, aufgebrochen. Die Verteidigung legte eine schriftliche Erklärung vor, in welcher der Beklagte aussagte, dass er die Tat nicht begangen haben könne, da er zum Tatzeitpunkt auf einer Geburtstagsfeier in dem knapp 650 Kilometer entfernten Schneeberg gewesen sei. Dies können Verwandten bestätigen. Am Tatort wurde Werkzeug des Angeklagten gefunden. Dies erklärte er damit, dass er es an Freunde verliehen habe. Er gibt an, von den anscheinend geplanten kriminellen Handlungen nichts gewusst zu haben, könne aber die angeblichen Täter aus Selbstschutz nicht nennen.

Am Tatort wurden ebenfalls ein Zigarettenstummel sowie Handschuhe mit der DNA des Beklagten sichergestellt. Auch hierfür findet sich eine Begründung in der schriftlichen Niederlegung: Beides soll sich im Werkzeugkasten befunden haben, den er verliehen hatte. Nachdem die Verlesung beendet wurde, wird der erste Zeuge herein gerufen. Es ist der Hausmeister des Geländes, der den Einbruch entdeckt hatte. Der Zeuge erklärt, er habe die Räumlichkeiten für das Reinigungspersonal öffnen wollen, als er den Einbruch bemerkte und daraufhin sofort die Polizei benachrichtigte. Nach der Sichtung einiger Fotos wurde er entlassen und ein zweiter Zeuge aufgerufen. Zu diesem Zeitpunkt ereignete sich der erste kleinere Zwischenfall. Den Saal betrat nicht der aufgerufene, sondern ein weiterer Zeuge: Der Polizeibeamte, der zum Tatort gerufen wurde. Da niemand außer ihm vor dem Raum gewartet habe, sei er eingetreten. Die Beweismittel und die Schwierigkeit bei der Bestandsaufnahme der entwendeten Dokumente standen bei seiner Befragung im Vordergrund. Während die Fotos angesehen wurden, kamen sich die Verteidigung und einer der Schöffen aufgrund einer Suggestivfrage kurz ins Gehege.

Nach der Aussage des Polizeibeamten wurde erneut der zuvor aufgerufene Zeuge herein bestellt. Als er nicht erschien, entdeckte der Richter einen Vermerk: Der Zeuge ist verstorben. Auf die Frage, ob die Verteidigung erwäge, die Sterbeurkunde einzufordern, folgte ein leicht amüsanter Wortwechsel zwischen Staatsanwalt und Verteidiger über Versuche von Angeklagten einer Verurteilung zu entgehen und den Grundpfeiler der Juristerei: Immer das Unmögliche für möglich halten. Der Richter hielt fest, dass die polizeiliche Aussage des Verstorbenen, der Mitarbeiter des zuständigen Wachdienstes war, in die Hauptverhandlung aufgenommen werden sollte. Darin hieß es, dass er keinerlei Einbruchsspuren feststellen konnte.

Da die Verteidigung weiterhin an der Täterschaft ihres Mandanten zweifelte, wurde beantragt, weitere Zeugen wie die Angehörigen des Beklagten zu laden. Zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass es an diesem Prozesstag nicht zu einem Urteilsspruch kommen wird. Nach einem weiteren kleinen Wortgefecht zwischen Staatsanwalt und Verteidigung über das Zeugnisverweigerungsrecht von Verwandten wurde über einen Fortsetzungstermin verhandelt. Zeitmangel aufseiten der Verteidigung gestalteten dies jedoch schwierig. Mittels Schiebetermin und angestrengten Kanzleitelefonaten konnte jedoch eine Lösung gefunden  und die Verhandlung geschlossen werden.

von Sarah Schnieder

Grafik: Daniel Focke