Der Anteil der jungen Menschen, die einen Führerschein besitzen, sinkt stetig. Gerade in den großen Städten kommt man problemlos ohne Auto aus. Nur was ist, wenn man große Einkäufe transportieren will? Eine Alternative, die sich auszuprobieren lohnt: ein Lastenfahrrad.

Andere Kerle schwärmen für Motorräder oder Autos, ich hingegen lasse mir von Fahrrädern den Kopf verdrehen. Erst neulich wieder habe ich mich verführen lassen, von einer Schönheit, die der ganzen Stadt bereitwillig zur Verfügung steht. Schlank, schwarz und kräftig ist es, das Lastenfahrrad des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Einfach zum Verlieben. Seit Mitte März hat man die Möglichkeit, das vom Landesverband bereitgestellte Rad auf Spendenbasis auszuleihen und im Alltag auszuprobieren.

„Wie sieht denn ein Lastenfahrrad aus?“, wurde ich gefragt, als ich Freunden begeistert davon berichtete, „hat das einen extra großen Gepäckträger?“ Nein, ein Lastenfahrrad ist in der Regel deutlich länger als ein normales Fahrrad und bietet – meist zwischen Lenker und Vorderrad – eine Menge Stauraum. Einige Modelle haben eine große Alukiste montiert, andere eine flache, offene Ladefläche und einige einen Holzkasten, nicht ganz unähnlich einer Schubkarre. Das Lastenrad des ADFC gehört zur letzten Kategorie. Robust, einfach zu beladen, flexibel, mit ausreichend Platz, allerdings ohne Schutz der Ladung vor Witterung oder Diebstahl. Die Einsteigervariante als praktikable Alltagslösung.

„Wofür brauchst du denn so ein Rad?“ war noch eine Frage, die mir gestellt wurde. Ganz einfach: Für alles Alltägliche, was man mit dem Auto erledigen würde. Einkaufen, die Fahrt zum Grillen, Leergut wegbringen, die Weltherrschaft an mich reißen. Für mich stand fest, dass ich so ein Lastenrad zumindest mal ausprobieren muss.

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Zuladung wie ein Kleinwagen …

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… aber weniger Platzbedarf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gesagt, getan. Die Ausleihprozedur ist unglaublich unkompliziert: Anfragen, vorbeifahren, ausleihen. Bei der Ausleihe kooperiert der ADFC mit der lokalen Pfadfindergruppe, die einen überdachten Stellplatz bereitstellt und den Schlüssel für das Lastenrad verwahrt. Nach einer kurzen Einweisung steige ich aufs Rad. Zumindest nachdem ich die Funktionsweise des Ständers begriffen habe: Einfach das Lastenrad nach vorne schieben und er klappt hoch. Denkbar einfach, fast schon zu einfach für studierte Menschen. Die ersten paar Meter sind recht wackelig. Durch das kleine Vorderrad ist die Lenkung direkter als bei einem normalen Fahrrad. Auch der Wendekreis ist größer, denn das Lastenrad ist ziemlich lang. Man gewöhnt sich aber schnell daran.

Immer kräftig treten

Die ersten drei Gänge der Acht-Gang-Schaltung sind dafür ausgelegt, mit einem voll beladenen Rad anzufahren. Ohne Zuladung ist man hier quasi im Leerlauf. Aber als ich beim Allgemeinen Studierendenausschuss rund 40 Kilogramm Drucksachen für den moritz einlade, bin ich sehr dankbar für die niedrige Übersetzung. Langsam krieche ich die Friedrich-Loeffler-Straße runter, da das zusätzliche Gewicht eine Menge Anlauf braucht. An der Europa-Kreuzung bin ich so weit, dass ich mich nicht mehr komplett auf das Rad konzentrieren muss und lasse den Blick schweifen. Sofort bemerke ich, dass ich auffalle. Viele Passanten und Radfahrer drehen sich nach mir um – oder eher nach dem Lastenrad. Was in anderen Ländern zum Alltag gehört, ist bei uns noch ein Hingucker – leider, denn das Potential von Lastenrädern im urbanen Verkehr ist hoch und sollte mehr genutzt werden.

An der Zentralen Universitätsbibliothek angekommen, habe ich endlich mal eine Ausrede, die Rampe hinaufzufahren und direkt vor dem Eingang zu parken. Auch hier zieht das Rad Blicke auf sich, nur auf die Idee, etwas Platz zu machen, kommen manche Schaulustige am oberen Ende der Rampe nicht. Ausladen, einladen, weiter geht die Probefahrt. Es ist wirklich angenehm, die ganzen Magazine nicht mit dem Rucksack verteilen zu müssen, sondern sie bequem vor mir her zu kutschieren. Selbst mit dem Auto wäre es nicht einfacher gewesen, denn wer kann schon sagen, dass er mit seinem Auto direkt vor der Eingangstür der Bibliothek parken darf?

Als ich fertig bin, nutze ich die Gunst der Stunde und fahre noch mal los, ein paar Sachen einkaufen, die ich schon lange vor mir her geschoben hatte: Ein Grill und Erde für die Balkonpflanzen. Alles lässt sich problemlos im Rad verstauen. Selbst ein Wocheneinkauf für eine vierköpfige Familie ließe sich transportieren. Und die maximale Zuladung von 60 Kilogramm stellt eine Grenze dar, die man wohl nie wirklich ausreizen möchte.

Als ich am späten Nachmittag mit meinen Erledigungen fertig bin und keine Entschuldigung mehr finden kann, das Rad länger zu behalten, gebe ich es schweren Herzens zurück und werfe fünf Euro in die Spendenbox. Wie gerne hätte ich selbst so einen Drahtesel. Auch mein Mitbewohner und die Redaktion des moritz sind begeistert. Aber wo sollten wir so ein Rad unterstellen, und wie oft bräuchten wir es wirklich?

von Erik Lohmann

Fotos: Milan Salje