Rezension

Der langjährige Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, beschäftigt sich in seinem neuen Buch „Ego: Das Spiel des Lebens“ mit dem Einfluss von der Spieltheorie geprägter Modelle. Bediente Schirrmacher in seinen frühen Werken noch zuverlässig die Erwartungen, die man beim Buch des Herausgebers einer konservativen Zeitung hat, ist er mittlerweile deutlich nach links gerückt.

Das knapp 300 Seiten dicke Werk, dem ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis anhängt, gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Abschnitt beschreibt er anhand zahlreicher Beispiele den wachsenden Einfluss neuer maschinengestützter Wirtschaftsmodelle, die seiner Meinung nach auf einer Logik des Kalten Kriegs beruhen, und deren Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Stabilität. Im zweiten Teil geht es um die Auswirkungen dieser Wirtschaftsmodelle auf die Konsumenten und die entstehenden Verwerfungen in der Gesellschaft.

„Der erste Versuch der Erweckung toter Lebewesen ging schief. Der zweite, die Erweckung toter Modelle, beginnend in den Fünfzigerjahren, wurde ein Siegeszug ohnegleichen. Doch man hätte gewarnt sein müssen: Wo alles geplant ist, wachsen manchmal aus kleinsten Anlässen Monster heran.“

Im Mittelpunkt Schirrmachers Argumentation steht „Nummer 2“, der von der Spieltheorie geprägte Homo economicus hinter jedem Menschen. Gerade im ersten Teil des Buches verliert sich der Autor in endlosen Beispielen, die immer wieder deutlich machen sollen, dass die Spieltheorie die Wirtschaft unmenschlicher mache. Tiefere Erläuterungen fehlen oft, dafür gibt es sehr viele Literaturverweise, die den Sachbuchcharakter deutlich machen. Auch erinnert der permanente Verweis auf eine Gruppe amerikanischer Physiker, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges vom Militär in die Wirtschaft wechselten, oft an Verschwörungstheoretiker von beiden Rändern des politischen Spektrums.

„Aus nichts Gold zu machen: Das ist heute der Auftrag an alle, und das Wunder der Verwandlung richtet über den Wert der eigenen Seele.“

Schirrmachers Anspruch in einem Buch für die Masse hochkomplexe Wirtschafts- und Sozialtheoretische Fragestellungen zu beantworten ist hoch. Leider versucht er teils nur mit Masse an Beispielen zu überzeugen, tiefergehende Argumentationslinien fehlen, auch zahllose Quellen können das nur schwer abmildern. Anstatt permanent mit der Angst vor dem Entmenschlicht werden zu spielen, wären tiefergehende Erklärungen sinnvoller gewesen. So bleibt das Gefühl, Schirrmacher will nur möglichst viele von seiner technikkritischen Haltung überzeugen.

von Florian Bonn

Foto: © Karl Blessing  Verlag