„Das Vorzimmer des Chefs. Kretzky, Hufschmidt, Schmitt, Kruse und Kristensen warten auf ihre Hinrichtung. Kollegen unter sich“ – das Theaterstück „Bandscheibenvorfall“ zeigt die Welt der Arbeit.

Wer nach einem harten Arbeitstag entspannen möchte und auf seichte Unterhaltung aus ist, ist bei „Bandscheibenvorfall“ genau richtig. Jonas Hien inszeniert mit der Szenenfolge von Ingrid Lausunds einen „komisch-bösen Blick“ auf die Arbeitswelt und ihre Opfer.

Erschöpft, ausgebeutet und ausgelaugt, damit können sich viele identifizieren. Und was tut man dagegen? Durchdrehen? Lieber nicht! Aber genau das passiert den Protagonisten. Einer nach dem Anderen, sei es nun der Knallharte, die Eiskönigin, der Charmeur, die stets Unsichere oder der Schüchterne – sie alle erwischt es.

Gleich zu Beginn erhält der Zuschauer Einblick in die komisch-verschrobene Welt der unsicheren Kristensen und ihren Wünschen. Wie gerne würde sie sich trauen ihrem Chef und überhaupt allen eine Ansage zumachen oder ihren Schwarm und Kollegen Kretzky verführen. Die Realität sieht leider anders aus. Nicht ausgeschlossen, aber auch nicht wirklich dazugehörend, schwebt Kristensen zwischen ihren Träumen und ihren Mitmenschen. Währenddessen kämpfen Hufschmidt und Schmitt um ihre Ehre. Wer ist besser, wer ist härter? Diese Gedanken bestimmen ihr Wesen. Als sich herausstellt, dass ausgerechnet die beiden an einem gemeinsamen Projekt arbeiten sollen, ist es ganz aus.  In Gedanken zerfleischen sie sich, während sie sich nach außen cool geben. Der Zuschauer muss unwillkürlich schmunzeln, dennoch wirkt die Szene etwas lang und aufgrund des schnellen Wechsels zwischen Gesagtem und Gedachten anstrengend. Andererseits entwickelt man regelrecht Empathie für den schüchternen Kruse, der zum Sündenbock Hufschmidts wird. Im Grunde hat er nie etwas „falsch“ gemacht, aber irgendwie macht er doch alles „falsch“. Und dann wäre da noch unser lieber Charmeur, über den man fast nichts erfährt – eben der typische „Frauenschwarm“. So unterschiedlich ihre Charaktere auch sein mögen, so haben sie doch eins gemein: die Angst vor ihrem Chef.

Dreh- und Angelpunkt des Theaterstückes bildet die Tür zum Chef. Ein schrecklich kreischender sirenenartiger Ton kündigt an, man möge bitte eintreten. Eine unfreiwillige Einladung in die Hölle. Daraufhin ist Gepolter und Gebrüll zuhören. Die charmante Träumerin kehrt beispielsweise nicht selten mit einem blutigen Messer im Rücken zurück. Da bekommt sogar der Zuschauer Angst – trotz vieler Lacher. Und zu lachen hat man so einiges. Die Szenenfolgen werden mit einer Musikeinlage aufgelockert. Nach jeder Szene, in der die Geschichte eines der leidenden Mitarbeiter beschrieben wird, geben unsere Protagonisten auf unsichtbaren Instrumenten ihr Bestes. Zugegeben, anfangs fühlt man sich an High-School-Musical erinnert, doch das ist schnell vergessen. Die Musikstücke sind zum größten Teil gut gewählt und bringen gute Laune. Nach einem stressigen Tag genau das Richtige! Im Grunde muss der Zuschauer nicht allzu viel geistige Arbeit verrichten.

Nach einer langen Lachperiode wird einem allerdings die Ernsthaftigkeit der Botschaft vor Augen geführt. Als alle Kollegen in die Hölle gehen müssen, wird eine Lawine des Wahnsinns losgetreten. Sie drehen völlig durch und letztendlich kommen sie so zurück, wie sie eigentlich sind. Ihre Masken fallen und die traurige Wahrheit kommt ans Licht – ganz ohne Humor. Im Zuschauersaal wird es ganz still. In einer Welt, in der es nur darum geht, wer der Bessere ist, darf man sich nicht verwundbar machen. Man braucht ein Rückgrat und den bekommt man nicht immer als Einzelkämpfer. Hier lautet die Zauberformel: Zusammen ist alles zu schaffen.

von Preciosa Alberto 

Fotos: Barbara Braun und Gunnar Lüsch