Die Medienlandschaft 2033 – gibt es einen Wandel, bleibt alles beim Alten? Auf was müssen wir uns gefasst machen? Jakob Jünger hat für moritz einen Blick in die Zukunft gewagt.

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Jakob Jünger ist Mitarbeiter der Universität Greifswald und beschäftigt sich vorrangig mit den neuen Medien und ihren Kommunikationsformen.

Die Frage nach den Konturen der Medienlandschaft im Jahr 2033 ist heikel. Einerseits ist der Prognosezeitraum zu kurz, um frei zu spekulieren. Ich würde mich meiner Prognose später stellen müssen. Andererseits ist der Zeitraum dann doch zu lang, um ohne Orakel auszukommen. Ich gebe die Verantwortung an diejenigen Deutschen ab, die in Langzeitstudien zur Prognose genötigt wurden. Alles in allem sagen die Deutschen, dass es so bleibt wie es sich jetzt schon anschickt. Man hat sich an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gewöhnt, der wird bleiben. Radio und Fernsehen, nur mit weniger Programmen. Man wird das immer und überall sowie live und on-demand verfügbar haben. Ein alter Hut ist auch, dass sich die Konvergenz der Geräte weiter zuspitzen wird. Die meisten sagen, es wird nur noch ein Gerät für Internet, Radio und Fernsehen geben.

Nur ein Gerät? Der Großbildschirm zu Hause wird aus Qualitätsgründen zu sehr geschätzt. Dass wir in siebzehn Jahren ausschließlich mit dann ultraflachen, allerdings unhandlich breiten Kisten schlafen, reisen und arbeiten ist wohl zweifelhaft. Entweder sitzen wir also nur noch zu Hause vor den vernetzten (Internet, Kühlschrank, Arzt…) hyperdimensionalen (Raum, Lärm, Schweiß, Gänsehaut…) Interaktionsapparaten. Oder die Vereinigung von Omnipräsenz, Multimedialität und Immersion kumuliert in einem anderen Gerät. In den Werkstätten wird aktuell an Datenbrillen mit drittem Auge, Knochenschallübertragung und halbtransparentem Bildschirm gearbeitet.

Die neuen Trends

Eine solche Erweiterung der Sinneswahrnehmung setzt gleich noch weitere Trends fort. Erstens: Die mittlerweile mobile Bewältigung von Komplexität alltäglicher Banalitäten durch den Blick ins Internet ist noch näher am Körper. Das Bedienen von Suchmaschinen auf dem Smartphone erscheint uns dagegen wie analoges Schwarzweißfernsehen vergangener Zeiten – natürlich ohne Fernbedienung. Unsere Wahrnehmung wird analytischer, die physikalische Welt ganz selbstverständlich durchzogen von Informationsschichten. Zweitens: Die Konvergenz der Organisationen hat erst Telekommunikation, Informatik und Medien zur Mediamatik verschmolzen – ein IT-Konzern wie Google übernimmt Funktionen publizistischer und interpersonaler Medien. Vielleicht setzt sich das mit weiteren Branchen fort. Optiker für die Datenlinsen, Mediziner für Implantate und Modedesigner für den Schick arbeiten in Medienunternehmen zusammen. Die Medienlandschaft wird dadurch gleichzeitig übersichtlicher und unübersichtlicher. Die weitere Differenzierung der Aufgabenbereiche wird durch eine Bündelung in Oligopolen bewältigt.

Was lässt sich eigentlich siebzehn Jahre in die Vergangenheit geblickt in die Zukunft interpolieren? Die Zeitungen sind gemessen an der Explosion in vergangenen Jahrhunderten tot. Man weiß aber aus der Vergangenheit, dass Totgeglaubte länger leben. Zum Beispiel steigen die Absätze von Vinylschallplatten wieder an. Das könnte auch dem publizistischen Papier widerfahren. Zeitungen werden teurer, damit taugen sie aber noch besser als Distinktionsmerkmal elitärer Intelligenz. Man muss hier Trägermedien und Medienorganisationen unterscheiden. Wir gewöhnen uns daran, den Organisatoren auch internetvermittelte Inhalte zu bezahlen. Apps sind ein Anfang. Mit Paywalls für Zeitungsartikel wird experimentiert. Zugangsprovider denken darüber nach, den Datenverkehr nach Prioritäten und Inhalten auszupreisen. Man kann das als Anzeichen für eine Vertreibung von Gratiskultur und Überlebenswillen von Medienorganisationen deuten, nur dass es sich teilweise um andere Medienorganisationen handelt.

Prognose für das Jahr 2033 – Medien im Wandel

Nun habe ich mich doch fast zu Spekulationen hinreißen lassen. Alles in allem werden wir also alte Funktionen mit neuen Mitteln umsetzen und damit die Funktionen verändern. Mir wurde diese Prognose zugetraut, weil ich mich damit auskennen würde. Das scheint der Fluch von Kommunikationswissenschaftlern zu sein: Ebenso wie Biologen sich nicht besser fortpflanzen, können Kommunikationswissenschaftler weder besser kommunizieren noch haben sie hellseherischen Kontakt zu Medien. Auch wenn ich kein Biologe bin, würde ich aber als Zeitungsleser folgende Prognose wagen: Im Jahr 2033 wird es in den USA eine Invasion von Singzikaden der Gattung Magicicada geben.

Gastbeitrag von Jakob Jünger

Foto: Nasa/Esa