Kolumne

2033. Die Straßen von Greifswald sind von dichtem Rauch erfüllt, der Dom Sankt Nikolai steht in Flammen. Grund sind die Rebellen, die die Stadt seit einigen Wochen unter ihre Kontrolle gebracht haben. Studenten und Arbeitslose, denen die eigene Zukunft nicht reichte und die gierig waren nach dem großen Abenteuer, haben sie in Brand gesetzt.

In den Gassen herrscht ein wildes Chaos; die Intelligenten schauen ängstlich hinter ihren dicken Brillengläsern hervor. Viele von ihnen sind erst 15 Jahre alt und haben schon ihr erstes Burn-out hinter sich. Die Moral der Rebellen sinkt mit jeder Stunde, in der ihnen klarer wird, dass diese neue Revolution zu nichts anderem führen kann, als zu dem immer gleichen System, in dem auch die Menschen vor zwanzig Jahren schon gelebt haben, ein System, in dem nur das eigene Funktionieren zählt.

Der Traum von Europa ist dahin. Deutschland ist in Kommunen aufgeteilt, in denen die Menschen Zuflucht gefunden haben. Die Einwohnerzahl im ehemaligen Europa fällt so rapide, dass nicht genug Gräber geschaffen werden können.

Aber wie konnte es soweit kommen? 2018 hatte Barack Obama noch gesagt: „Was in zehn oder zwanzig Jahren passiert weiß kein Mensch, aber wir wissen was Heute und Morgen passiert und wir können dieses Schicksal mit unseren eigenen Händen lenken.“
Was aber war mit all jenen, die keine Hände mehr hatten? Diese Frage mag ungewöhnlich wirken, wenn man bedenkt, dass Obama damals eine Metapher verwendete und man könnte nun denken, dass der Autor dieser Kolumne ein Holzkopf ist.

Metaphorisch weitergedacht, wäre dieser Zustand der körperlichen Versehrtheit ein ähnlicher wie der der Sprachlosigkeit.
In den späten Zwanzigern dann war der Mensch des Luxus überdrüssig geworden. Die große Frage, was nach all dem Überfluss noch kommen sollte, konnte nicht beantwortet werden. Alles was nun auf den Straßen herrschte, war blinde Wut und der Drang alles verändern zu wollen. Die Grenzen hatten sich soweit verschoben, dass keine klaren Menschenbilder mehr gezeichnet werden konnten. Der persönliche Charakter war zu 100 Prozent gleichgeschaltet, gleichzeitig wusste niemand mehr, wer er eigentlich war. Nur wenige Fragen konnten die Menschen noch selbst beantworten. Alles, was die Menschheit bis hierher aufgebaut hatte und was die Alten mit aller Macht versucht hatten zu verteidigen, war in Frage gestellt. Der Mensch war nun kein wissendes, denkendes Tier mehr, sondern ein fast wahnsinniges Element eines fragilen hektischen Systems.

Alles war möglich, jeder wollte alles, und jeder wollte der Beste sein und das so schnell wie möglich. Firmenbosse in den Mittzwanzigern wurden von verpickelten Jugendlichen aus den Ämtern verdrängt, die Zeit war das einzige relevante Zahlungsmittel geworden, alles musste schnell, sauber, exzellent und mit voller Konzentration getan werden. Die meisten hätten ihre Großmutter verkauft für einen Wink Gottes aus der richtigen Richtung. Aber Gott war 2020 in den Ruhestand getreten. Der Mensch war plötzlich ganz allein.

Anfang der Dreißiger war den Meisten klargeworden, dass nicht jeder alles haben wird. Es sind die immer gleichen Fragen, die laut und aufdringlich gestellt werden: Wer entscheidet darüber, wie unsere Zukunft, die unserer Freunde und Familie aussieht, wenn nicht wir? Wer, wenn nicht du, will besser sein als sein Nebenmensch? Besser, reicher, hübscher, großartiger sein oder nicht sein, das war hier die Frage geworden, um mal wieder ganz geschickt ein historisches Zitat einzubringen.

Um ehrlich zu sein, nehme ich mir jetzt lieber etwas Zeit für mich, als weiter darauf einzugehen. Ich denke ich werde eine Runde Pokémon spielen, denn zumindest da will ich der allerbeste sein.

von Max Devantier