„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.“

Roy ist kein Mensch, auch wenn er so aussieht. Roy ist ein Replikant, als Sklave vom Menschen geschaffen um neue Planeten zu erschließen. Und eigentlich dürfte Roy nicht in Los Angeles sein, in diesem November 2019, auf der Suche nach seiner Herkunft, auf der Flucht vor seinem Tod.

Ein düsteres Bild der Zukunft ist es, das der Kultfilm „Blade Runner“ zeichnet. 1982 von Ridley Scott nach einer Romanvorlage von Philip K. Dick gedreht, zeigt er Los Angeles als einen Moloch im ständigen Smog und Regen – düster, übervölkert, paranoid. Sechs Replikanten haben ein Raumschiff gekapert und verstecken sich in der Stadt. Da es ihnen verboten ist, die Erde zu betreten, wird der ehemalige Polizist Deckard mit ihrer Exekution beauftragt. Der aber verliebt sich in die Replikantin Racheal, die von sich glaubt ein Mensch zu sein. Bald schon zweifelt Deckard an seiner Mission – ist er vielleicht selbst ein Replikant?

Für uns gehört das Jahr 2019 zum Planungshorizont. Fliegende Autos, wie im Film, wird es dann vermutlich nicht geben und auch auf etwas mehr Tageslicht darf man hoffen. Vor allem aber sind wir von humanoiden Robotern noch weit entfernt. Doch Blade Runner ist längst nicht überholt, viele Visionen sind Realität geworden. Blinkende Werbung für ein besseres Leben ist allgegenwärtig, genauso wie die überall eingesetzten Computer, deren Hardware im Film heute antiquiert wirkt. Und in Laboren werden menschliche Zellen nachgezüchtet. Die Wohnung eines Genetik-Designers kommt im Film als Kuriositätenkabinett daher. In Petrischalen könnte sich das heute schon abspielen, die ethischen Fragen bleiben die gleichen.

Kein Wunder also, dass Roy auf der Suche nach seinem Hersteller ist. Als sie sich gegenüberstehen, nennt er ihn „Schöpfer“ und „Vater“ und tötet ihn schließlich, als er erfährt, dass seine Lebensdauer von vier Jahren nicht verlängert werden kann. Den finalen Kampf mit Deckard scheint er zu gewinnen – und rettet ihn doch im letzten Moment. Von Menschen Geschaffenes gerät außer Kontrolle – kennen wir das nicht schon längst?

Von April bis Mai lief die schwedische Serie „Real Humans – Echte Menschen“ bei ARTE; Menschen und Roboter wohnen hier zusammen. Die Idee der künstlichen Humanoiden fasziniert uns. Anfangs meint man die „Hubots“ klar erkennen zu können: Allzu perfekt und künstlich wirkt ihr Verhalten. Doch einige von ihnen entwickeln ein Bewusstsein, wollen ohne „Besitzer“ leben; nur am USB-Anschluss sind sie noch zu unterscheiden. Für sie könnte das Motto der Replikanthersteller aus Blade Runner genauso gelten: „Menschlicher als Menschen“ sollen sie sein. Doch was heißt das überhaupt – menschlich? Und wie weit dürfen wir gehen, wenn wir künstliches Leben erschaffen? Fragen, die uns auch in Zukunft beschäftigen sollten.

von Anton Walsch

Foto: ©Warner Bros. Pictures