Rezension

„Als Brancura in der Bar do Apolo ankam, waren Silva, Bide, Edgar, Baiaco und Lopes dort. Auf Streichholzschachteln, Schnapsflaschen und dem Tisch begleiteten sie den neuen Samba von Silva und Bastos. Brancura fiel in den Rhythmus und klatschte mit. In trunkenen Nächten wie diesen entsteht eine Musik, aus Leidenschaft geboren, sinnfroh, kraftvoll, die Afrika und Europa, Liebe und Gewalt zu etwas völlig Neuem verschmilzt – der Samba.“

Mit leichtfüßigen Schritten, schnellen Drehungen und unerwarteten Wendungen kommt Paulo Lins „Seit der Samba Samba ist“ auf den Leser zu. Die sehr kleinteilige Struktur des Textes überrascht mit immer wieder neuen Umschwüngen, plötzlichen Rückblicken, die, ohne dass der Leser es bemerkt, wieder in der Gegenwart des Romans enden. Die Gegenwart sind in diesem Fall die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Schauplatz sind die Armenviertel Rio de Janeiros.

Lins gelingt es, nicht nur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschmeidig miteinander zu verbinden, so, als würde man von einem Traum in den nächsten Schlittern. „Seit der Samba Samba ist“, ist ein Liebesroman, in dem die eigentliche Liebe dem Samba gilt. Die Protagonisten sind ehrliche Betrüger, die nicht betrügen, weil sie reich werden wollen, sondern weil sie von irgendetwas leben müssen. Der Roman lässt dich nicht mehr los, wenn du ihn einmal in die Hände genommen hast. Unentwegt tanzt und singt er mit dir im Hurenviertel Rio De Janeiros.

Die häufigen Orts- und Perspektivwechsel sind zunächst ungewohnt, doch nach einigen Seiten findet man sich recht schnell in den Zeilen zurecht. Zwischen all den schillernden, karnevalistisch anmutenden Farben, mit denen der Roman fast wie ein Paradiesvogel daher geflogen kommt, werden immer wieder typische Alltagsprobleme der Zeit geschildert. Dazu gehört nicht nur das Hütchenspiel der Glücksritter, um sich über Wasser halten zu können. Immer wieder werden mehr oder weniger offene soziale Probleme des Brasiliens der 20er Jahre angesprochen.

Besonderen Stellenwert nimmt hier die strafrechtliche Verfolgung der Musik der Schwarzen ein. Zwar ist diese nicht offiziell verboten, doch spielt die Polizei immer wieder den Hilfssheriff und verbietet kurzerhand das Singen ihrer Lieder und nehmen die Sänger nicht nur einmal wegen angeblichen „Herumlungerns“  fest.

Lins beschreibt in dem Roman, wie der Samba Samba geworden ist und zeichnet, manchmal mit dem Schalk im Nacken, innerhalb eines teilweise fast undurchschaubaren Figurengeflechts die Entwicklungsgeschichte  dieser Musikrichtung nach. Der Roman ist ein Buch, das tanzt, singt, die Liebe verletzt und in dem die verletzte Liebe sich rächt. Am Ende werden Liebe, Leidenschaft, Verletzung zur Musik. Der moderne Samba ist geboren.

von Marco Wagner

Foto: ©droemer knaur